Mit seiner Liebe schenkt Gott Menschen Freiheit

Zu der Nähe zwischen der Gnadenlehre des heiligen Augustinus und der Freiheitslehre von Immanuel Kant. Von Professor Norbert Fischer
Foto: IN | Der heilige Augustinus, gemalt von Sandro Botticelli, 1480.
Foto: IN | Der heilige Augustinus, gemalt von Sandro Botticelli, 1480.

Das 20. Jahrhundert hat eine große Zahl philosophisch interessierter Theologen hervorgebracht, die mit hohem Einsatz um Anschluss an die geistige Situation der Gegenwart gerungen haben. Als deutschsprachige katholische Theologen seien alphabetisch aufgeführt: der frühe Hans Urs von Balthasar, Walter Kasper, Karl Lehmann, Karl Rahner, Josef Ratzinger, Bernhard Welte. Dass die „Critica della ragione pura“ Kants auf den Index gekommen ist, hat die frühe Anerkennung Kants bei katholischen Theologen alsbald abgewürgt. Die „Kritik der reinen Vernunft“ stand nie auf dem Index der verbotenen Bücher, sondern nur die Übersetzung des Militärarztes Vincenzo Mantovani (1824), die der Kamaldulensermönch und Forstwissenschaftler Alberto Bellenghi begutachtet hatte. Trotz der konfusen Geschichte, die Kant für Katholiken zur Unperson machte, schrieb Kardinal Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, dem Herausgeber von Kants Metaphysik und Religionsphilosophie (Meiner Verlag 2004) am 23. März 2004, er hoffe, „dass jüngere Theologen und Philosophen von Ihrem Buch lernen und dass ein neuer fruchtbarer Kontakt zu Immanuel Kant zustande kommt“.

Diesem Ziel diente ein neues Projekt des Eichstätter Lehrstuhls für Philosophische Grundfragen der Theologie, das zu dem Buch führte: „Die Gnadenlehre als ,salto mortale‘ der Vernunft? Natur, Freiheit und Gnade im Spannungsfeld von Augustinus und Kant“. Die „Gnadenlehre“ ist Grundlage der christlichen Theologie und hat als Lehre vom Wirken des Allmächtigen dennoch einigen Sprengstoff in sich, dessen sich schon Augustinus bewusst war. Augustinus berichtet im „Gottesstaat“, wie Cicero die menschliche Freiheit vom Vorauswissen der Götter bedroht sah, und versucht, diese Freiheit mit der Gnade Gottes zu versöhnen. Im 20. Jahrhundert hat Max Scheler die Problematik verschärft, indem er Überlegungen Nicolai Hartmanns (zu Unrecht) unter den Titel des „postulatorischen Atheismus“ stellte. Augustins Gnadenlehre wurde dann vor einigen Jahren von Kurt Flasch aus humanistischen Motiven als „Logik des Schreckens“ diskreditiert. Flasch hätte sich wohl besser mancher überscharfen Polemik enthalten und Augustins Einwände gegen Cicero konstruktiv bedacht. Aber nicht erst Kurt Flasch hat eine Deutung der Gnadenlehre, die auf der absoluten Machtausübung Gottes fußt („potestas dei absoluta“), unerträglich gefunden: Schon Augustinus hat Bestreitungen der menschlichen Freiheit bekämpft. Augustinus ist nicht der Lehrer einer alles bestimmenden Gnade („doctor gratiae“), sondern der Lehrer der göttlichen Liebe („doctor caritatis“). Denn Gott ist es, der uns aus Liebe die Möglichkeit von Selbstsein, Ganzsein und Freiheit eröffnet.

Kant, der Lehrer der Freiheit, hat angesichts der menschlichen Schwäche zwar die Hoffnung auf gnadenhaften Beistand Gottes für nötig befunden, aber die Gnadenlehre, die alles Geschehen nur Gott zuschreibt, als „,salto mortale‘ der menschlichen Vernunft“ bezeichnet. Die Lehren von der Allmacht Gottes und der göttlichen Gnade, aber auch die Annahmen der Freiheit und Verantwortung der Menschen sind heikle Themen, die zu durchdenken eine strittige Aufgabe der Theologie und der Philosophie war und geblieben ist.

1. Von Thomas von Aquin zu Immanuel Kant: Mit Datum vom 19. März 1227 hat Papst Gregor IX. an die Pariser Theologen geschrieben und Neuerungen einiger von ihnen beklagt, dabei „von Schmerz im Herzen innerlich berührt“ und „von der Bitterkeit des Wermuts erfüllt“.

Der Papst bekämpft mit diesem Brief das Eindringen des Aristotelismus, weil er fürchtet, dessen Verfechter an der Pariser Fakultät wollten sich von der Tradition der heiligen Väter lösen und zu einer „philosophischen Lehre von den natürlichen Dingen“ übergehen, die er nicht nur für „leichtfertig, sondern für gottlos“ hielt (DH 824). Thomas von Aquin hat Aristoteles mit seiner Auslegung dennoch alsbald für christliche Leser hoffähig gemacht und damit äußerlich etwas bewirkt, was der Papst im genannten Schreiben hatte verhindern wollen. So gewann Aristoteles über 1 500 Jahre nach seinem Tod unversehens und plötzlich überragende Bedeutung für die von Christen betriebene Philosophie und Theologie.

Vor dieser weithin durch Thomas bewirkten Wende hatte die platonische oder neuplatonische Tradition im Vordergrund gestanden, die vor allem durch Augustinus vermittelt war, den man deshalb auch den „Vater des Mittelalters“ oder gar den „Vater des Abendlandes“ genannt hat. Neben den platonisierenden „Augustinismus“ war durch das Wirken von Thomas nun auch die aristotelische Tradition getreten, die sich teilweise im Spannungsfeld zur platonischen befand. Nach der Zeitenwende der Neuzeit, als Luther seine Frage nach der Rechtfertigung des Sünders vor Gott mit den Lehren von „sola gratia“, „sola fide“ und „sola scriptura“ beantwortete und René Descartes den Bereich der Wissenschaft unabhängig von Glaubensvoraussetzungen fundieren wollte, zeigte sich der Zusammenklang von „fides et ratio“, der für Augustinus – und danach auch für die philosophierenden Christen des Mittelalters – grundlegend war, schwer beschädigt.

Mit dem Beginn der Neuzeit wurde die heilbringende Wahrheit auf der Seite des lutherischen Protestantismus ausschließlich über die Autorität des biblischen Glaubens gesucht, der sich innerlich allein von der Gnade Gottes, äußerlich allein durch das Wort der Schrift gestützt sah.

Auf der anderen Seite versuchten neuzeitliche Metaphysiker (seit René Descartes) die Wahrheit des Ganzen allein mit Mitteln der spekulativen Vernunft vorzutragen. Der zunächst revolutionär auftretende Ansatz Kants wirkt aus heutiger Perspektive wie eine Anknüpfung an augustinische und mittelalterliche Motive, die ein freundschaftliches Verhältnis von „fides et ratio“ im Sinn hatten, gerade so, wie Papst Leo XIII. es für vorbildlich erklärt (Aeterni patris; DH 3135–3140) und Papst Johannes Paul II. erneut zum Leitthema einer Enzyklika („Fides et ratio“) gemacht hat. Auf Kants Wort, er habe „das Wissen aufheben“ müssen, „um zum Glauben Platz zu bekommen“, hat dann Papst Benedikt XVI. in der Regensburger Rede zustimmend angespielt.

2. Von Immanuel Kant zurück zu Augustinus: Kant gilt als „Philosoph der Freiheit“, Augustinus als „doctor gratiae“. Beide Bezeichnungen sind nicht unzutreffend, aber einseitig und auch irreführend. Achtsame Leser mögen bestaunen, wie nahe Kants Thesen zum höchsten Gut, das in der Welt möglich ist, sich an Augustins Gedanken zu diesem zentralen Thema bewegen.

Gutes, das den „Grund des Gutseins“ nicht in sich selbst hat, lässt sich nach Augustinus wie nach Kant nicht als höchstes Gut denken. Kant sagt (im Geiste und gleichsam in Worten Augustins): „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Kants Gedanke der Autonomie hat nichts mit Anthroponomie und Subjektivismus zu tun. Autonomie lebt vom „einzigen Factum der reinen Vernunft“, in dem das Bewusstsein des moralischen Gesetzes in moralisch relevanten Situationen uns die Freiheit von der Naturkausalität so „offenbart“, dass wir unsere „Liebe zum Leben“ überwinden können. Dieses Gesetz weist auf Transzendenz und führt zur Forderung der „Heiligkeit“, welcher „sich ins Unendliche zu nähern das einzige ist, was allen endlichen vernünftigen Wesen zusteht“. Indem Kant die „Autonomie“ als „das alleinige Princip aller moralischen Gesetze“ auslegt, scheint er Augustins Wort zu übersetzen, dass der Wille nur allein durch sich selbst das Gut des guten Willens erlangen kann („sola illi voluntas per se ipsam daret“). Forschungen zu „Natur, Freiheit und Gnade“ bei Augustinus und Kant werden so ein wichtiges Thema, wenn immer Theologie die Aufgabe hat, die Glaubensbotschaft auf Wegen der Vernunft zu klären. Kants positive Beziehung zur christlichen Tradition und zu zentralen Gedanken Augustins tritt auf diese Weise deutlich hervor.

3. Zur Aufgabe der Theologie in der Gegenwart: Große Denker haben oft Wirkungsgeschichten, die es zur langwierigen Aufgabe machen, sich dem wahren Gehalt ihrer Schriften zu nähern. Zwar mag jede Zeit in unmittelbarem Verhältnis zu Gott stehen, aber Auseinandersetzung mit großen Denkern und Aneignung wesentlicher Gedanken vernachlässigt niemand ohne Schaden. Vielleicht bietet Kants kritische Metaphysik für die Theologie einen bisher brachliegenden Boden, der in ähnlicher Weise fruchtbar gemacht werden kann, wie seinerzeit die Philosophie von Platon und Aristoteles. Auf diesem Gebiet wurden früher schwere Kämpfe ausgefochten. Sie stehen auch heute bevor, wo es um die höchsten Aufgaben der menschlichen Existenz geht.

Augustinus ist vielleicht zum „Vater des Mittelalters“ geworden, indem er die alte Philosophie rettete, die nach dem Untergang der antiken Welt und dem Abbruch der griechisch-römischen Tradition durch die Umbrüche der Völkerwanderung in der Gefahr war, vergessen zu werden.

Bemerkenswert ist, dass und wie Augustinus etwa von Philosophen wie Edmund Husserl, Max Scheler, Martin Heidegger, Paul Ricoeur und Jacques Derrida in den Blick gefasst wurde und auch Interesse bei Ludwig Wittgenstein fand. Gewiss müssen Augustinus und Kant, wenn in ihrem Geiste Versöhnung von Philosophie und Theologie gesucht wird, kritisch diskutiert werden: Nur offene Auseinandersetzung kann eine Theologie befördern, die Gehör in der Gegenwart findet.

Wege der Augustinus-Rezeption sind zu finden in Norbert Fischer: Augustinus. Spuren und Spiegelungen seines Denkens. Felix Meiner Verlag, 283 Seiten, EUR 48,–

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