Mit Reinheit gegen den Naturalismus

Vor 150 Jahren wurde einer der Revolutionäre der Bildersprache im 20. Jahrhundert geboren: Wassily Kandinsky. Von Felix Dirsch
W.Kandinsky, Studie Murnau mit Kirche II
Foto: IN | Auch das ist Kandisky: Studie für Murnau mit Kirche II (1910).

Auch nach über 100 Jahren ist es beeindruckend zu verfolgen, wie der Weg von avantgardistischer Kunst, die von einer relativ kleinen Gruppe von Sezessionisten angestoßen wird und sich gegen den Geschmack weiter Kreise der Bevölkerung richtet, zu allgemein bewunderter Malerei verläuft.

In der Jahreswende 1911 bis 1912 dauerte eine in der Kunstszene deutliche Spuren hinterlassende Ausstellung in der Modernen Galerie Thannhauser in München. Nachmals berühmte Namen wie Gabriele Münter, August Macke, Alexej Jawlensky, Paul Klee, Robert Delaunay, Henri Rousseau und andere beteiligen sich mit ihren Werken. Dieses kaum zu überschätzende Ereignis geht maßgeblich auf die Initiative von Wassily Kandinsky und Franz Marc zurück. Beide gründen die Redaktion Der Blaue Reiter mit dem Ziel, die neuen Kunstströmungen, die an die Öffentlichkeit drängen, in einem Almanach und einer Ausstellung bekannt zu machen. Bereits vorher hat Kandinsky den Künstler- und Ausstellungsverein Phalanx gegründet und nach dessen Ende die Neue Künstlervereinigung München ins Leben gerufen. Doch erst das unglaubliche Echo der Präsentation 1911/12 gibt den Erneuerern Recht. Die neue Bewegung, deren Ambitionen weit über die bildende Kunst hinausgehen, bezieht sich auf schnell verbreitete Embleme: den Ritter zu Pferd, der in der volkstümlichen Ikonographie populäre Vorbilder findet, und die geistige Farbe Blau.

Die Aura des Aufbruchs ist lange dahin. Längst sind die einst als umstürzlerisch empfundenen Schöpfungen Teil des kunsthistorischen Kanons und werden massenhaft reproduziert, selbst in Kindergärten und Grundschulen. Beschimpfungen von Kandinskys Werken in der Frühzeit, etwa als Ausgeburt des „Idiotismus“, sind in der Gegenwart undenkbar. Für konservative Kulturkritiker unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wie Wilhelm Hausenstein und Hans Sedlmayr ist der Verlust des Gegenstandes symbolisches Korrelat der „bindungslosen Freiheit“, die sie als ein Charakteristikum moderner Kultur betrachten.

Als maßgeblicher Promotor dieses epochalen Durchbruches gilt Wassily Kandinsky. Mit 30 Jahren kommt der promovierte russische Jurist und Nationalökonom von Moskau nach München, um die Jahrhundertwende neben Paris Kunsthauptstadt Europas. In seiner Vaterstadt ist er besonders von der berühmten Heuhaufen-Darstellung Monets wie auch von einer Aufführung der Lohengrin-Oper elektrisiert. Nun möchte er neue Ufer erklimmen. In seiner bayerischen Wahlheimat feiern Arnold Böcklin und Franz von Stuck Triumphe. Die konservative Richtung, repräsentiert vor allem von Franz von Lenbach und Carl Theodor von Piloty, ist nicht mehr unangefochten. Die französischen Impressionisten gewinnen rasch Anhänger, ebenso der Jugendstil, der den überlieferten realistischen Historismus endgültig obsolet aussehen lässt. Die Umbrüche vor dem Ersten Weltkrieg sind stürmisch, auf kulturellem wie wissenschaftlichem Gebiet. Etliche wichtige Freundschaften werden geschlossen, etwa mit den Landsleuten Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky.

Nicht unbeachtet bleiben dürfen die weltanschaulichen Hintergründe des Trends zum Abstrakten in der Kunst. Kandinsky prognostiziert den Zusammenbruch des Materialismus, der in der Malerei der naturalistischen Abbildung des Gegenstandes entspricht. Ein neues Reich des Geistigen zieht herauf, Altäre einer kommenden Religion entstehen. Gewisse Affinitäten zu den Schriften Rudolf Steiners und zu okkulten Abhandlungen wie denen der Helena Blavatzky werden häufig herausgestellt, ebenso zur Röntgenstrahlung und zur Relativitätstheorie. Kandinsky und seine Mitstreiter haben bei ihrer Propagierung einer religiösen Neuorientierung nicht in erster Linie die traditionellen Kirchen im Blick, die Geistbewegungen meist kritisch beäugen; vielmehr denken die Modernen primär an spiritistische Praktiken und Experimente, die seinerzeit Hochkonjunktur vermelden. Kandinsky bleibt dennoch der russischen Orthodoxie verbunden, in deren Ritus er auch seine zweite Frau Nina heiratet.

Hervorzuheben ist die Bedeutung seiner Aufenthalte in der bayerischen Provinz, hauptsächlich in Murnau. In dieser Region werden Kandinsky und seine Lebensgefährtin Münter, die dort ein Haus erwirbt, das heute zum Museum umgewandelt ist, von der religiösen Volkskunst angeregt. Sie erscheint beiden als authentisch und nicht von Moden und Kitsch verfälscht. Faszination übt nicht zuletzt die Hinterglasmalerei aus.

Zwar stilisieren bereits vor 1911/12 die Expressionisten und die Fauves die Motive augenfällig. Jedoch bleibt der Gegenstand, wie umrisshaft auch immer, bei ihnen erhalten. Seine vollständige Eliminierung ist vordringliche Aufgabe jener, die das Bild allein mit der Farbe, als „reine“ oder „absolute“ Malerei, gestalten. Kunst ist demnach nur echte Kunst, wenn sie selbst die Ausdrucksformen schafft, so Kandinskys Diktum.

Kandinsky ist auch als Schriftsteller tätig. Seine theoretischen Reflexionen liest man in verbreiteten Veröffentlichungen wie „Über das Geistige in der Kunst“. Darin legt er auch seine Vorstellungen zu den Synästhesien, zu den Wechselwirkungen von Farbe und Musik, dar. Einzelne Farben entsprechen musikalischen Klängen. So betont er beispielsweise die Analogie von Zitronengelb und Trompetentönen. Am Rande beeinflusst er mit solchen Überlegungen auch die Kehre zur atonalen Musik, die ebenfalls naturalistische Bezüge beseitigen will. Arnold Schönberg wirkt nicht zufällig im Umfeld der Künstlervereinigung Der Blaue Reiter. Auch als Dichter geht es Kandinsky um den reinen Klang, der die „Seele in Vibration und Erschütterung versetzt“. Warum ausgerechnet durch Kandinsky „lange vorbereitete und angelegte Ideen zur Kulmination gebracht“ (Werner Haftmann) werden, lässt vielfältige Gründe erkennen: Das „Mystische der russischen Menschlichkeit“ (Haftmann), das Kunst nie als nur Wiedergabe des Sichtbaren versteht, ist dabei an vorderer Stelle zu nennen.

Er unterschied innere und äußere Eindrücke

Zu den Höhepunkten seines Schaffens zählen die großformatigen Kompositionsbilder, die von vielen Skizzen vorbereitet werden. Er teilt die Bilder in die Kategorien „Impressionen“, denen gegenständliche Motive zugrunde liegen, „Improvisationen“, die innere Erlebnisse zum Ausdruck bringen und schließlich „Kompositionen“ ein. Letztere umfassen genau durchkomponierte Bilder. Zwischen 1910 und 1939 entstehen zehn viel beachtete Kompositionen.

Kandinsky ist stets Weltenbummler. 1915 verlässt er München. Er kehrt eine Zeit lang nach Moskau zurück. Bald lebt er jedoch wieder in Deutschland. Am Staatlichen Bauhaus Weimar erhält er eine leitende Stellung als Lehrer. Nach einigen Umzügen landet die Schule schließlich in Berlin, wo sie von den Nationalsozialisten 1933 endgültig geschlossen wird.

Im gleichen Jahr emigriert Kandinsky nach Paris. Der Neuanfang erweist sich als schwierig. Mit einigen Kollegen pflegt er Freundschaften. In der internationalen Kunstszene spielt er keine herausragende Rolle mehr. Im fortgeschrittenen Alter muss er noch seine Diffamierung als „entartet“ erdulden. 1944 stirbt er an den Folgen einer Arteriosklerose.

Die Rezeption Kandinskys für das frühe 21. Jahrhundert ist schwerlich zu schreiben. Ein solches Unterfangen hieße, einen nicht geringen Teil der Gegenwartskunst unter die Lupe zu nehmen, findet doch der Vater der Abstraktion unzählige Nachahmer, dazu viele Ableitungen seines Stils, von den geometrischen Formen der Konkreten Kunst bis zu den ekstatischen Expressionen des Informel und seiner Erben. Die weltanschaulichen Hintergründe seines Wirkens interessieren später jedoch nur wenige. Dem Kandinsky-Liebhaber ist ein Besuch der Städtischen Galerie des Münchner Lenbach-Hauses nahezulegen. Die Besucherinnen und Besucher treffen auf den Reichtum der weltweit größten Sammlung an Bildern aus dem Künstlerkreis des „Blauen Reiter“. Eine intensivere Pflege des Andenkens an das singuläre Multitalent ist kaum denkbar.

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