Mit Panzerwagen gegen Gläubige

Der ZDF-Film über „2000 Jahre Christenverfolgung“ suchte bei den Christen selbst Gründe für die Verfolgung. Von Alexander Riebel
Gepanzerte Poilzeiwagen treiben demonstrierende Kopten am 9. Oktober 2011 in Kairo auseinander
Foto: IN | Gepanzerte Polizeiwagen haben friedlich für ihren Glauben demonstrierende Kopten am 9. Oktober 2011 in Kairo (Ägypten) auseinandergetrieben und auch beschossen.

„Warum provoziert das Christentum immer wieder Gewalt und Gegengewalt? Hat Jesus das gewollt oder zumindest in Kauf genommen?“ Diese provozierenden Fragen stellte die ZDF-Dokumentation „Gefährlicher Glaube – 2000 Jahre Christenverfolgung“ am Karfreitag. Dabei stellte die Sendung hauptsächlich die ägyptischen Verhältnisse in den Vordergrund, obwohl ein Blick auf die immer weiter zunehmende Verfolgung von Christen hilfreich gewesen wäre. Erst am Ostermontag sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, in einer Predigt: „Zu keiner anderen Zeit sind Christen wegen ihres Glaubens so zahlreich verfolgt worden wie heute.“

Dass die Christenverfolgung im öffentlichen Bewusstsein so wenig präsent ist, darüber muss man sich bei solchen Fernsehsendungen nicht wundern. Eingangs hieß es im ZDF: „Man sagt, Jesus habe seinen Tod bewusst auf sich genommen für eine Botschaft, für die 2000 Jahre später noch immer Christen verfolgt werden.“ Wer aber wie aus einer fremden Kultur das Christentum wie vom Hörensagen ausgibt und Christus den Tod von Christen selbst in die Schuhe schiebt, kann nicht hoffen, dass Christen geachtet werden. Weiter kommen solche Sätze in der „Dokumentation“ vor wie „Christen sind Opfer und werden zu Tätern“, um dann gleich die Kamera auf die Kreuzzüge zu schwenken. Als ob es da eine direkte Parallele gebe. Und dann die Aussage: „Das Christentum ist von sich aus eine provozierende Religion.“

Es ist ein Unterschied, über Christenverfolgung zu sprechen oder auch gleich Gründe dafür zu suchen und damit nahezulegen, dass die Christen selbst daran schuld sind. Die Sendung spekulierte darüber, ob die Christenverfolgung möglicherweise schon in der römischen Zeit gründe, als von Christen verlangt wurde, Opfer dem Staat zu bringen, die sich aber dem römischen Opferkult verweigerten. Daraufhin habe man sie zum Staatsfeinden erklärt. Und schon Christus habe ja die „Radikaltat“ gefordert, dass jeder, der ihm folgen wolle, das Kreuz auf sich nehmen müsse. Die eigentliche Dokumentation der Sendung bestand dann aber darin, auf die Christen in Kairo hinzuweisen. Sie fühlen sich schutzlos und auch vom Staat nicht geschützt. Bei Übergriffen auf Christen verhält sich die Polizei neutral und hilft ihnen nicht, erzählen Betroffene in Kairo.

Es war erschreckend zu sehen, wie gepanzerte Polizeiwagen mit hoher Geschwindigkeit in demonstrierende Kopten fahren, die für den Erhalt ihrer Kirchen auf die Straße gegangen sind. Monsignore Joachim Schroedel, Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Ägypten, machte die Eigentümlichkeiten im Leben der ägyptischen Christen deutlich: „Hier ist das Christentum ganz anders als bei uns. Bei uns ist Christentum eher so ein Kulturchristentum. Aber hier geht es wirklich – um es sehr locker zu sagen – um die Wurst. Hier geht es darum, dass ich wirklich Christ bin – oder ich lass es dann sein.“ Gerade auch die jungen Christen seien hierdurch herausgefordert, ihrem Weg treu zu bleiben.

Im Mittelpunkt des Films stand immer wieder das Maspiro-Massaker in Kairo vom 9. Oktober 2011, das bis heute nicht aufgeklärt sei. Die Kopten sehen die Ermordeten an diesem Tag als Märtyrer an, in einer Gedenkkirche in Kairo werden die Toten aufbewahrt. Die Kamera begleitete eine Familie an das Grab ihres Sohnes, der die Demonstranten nur mit Wasser und Medizin versorgen wollte und von einem Panzerwagen der Polizei aus durch einen Kopfschuss mit einem Maschinengewehr getötet wurde. So bedrückend diese Szenen sind, so fraglich war dann wieder der Schwenk auf die Geschichte des Christentums. Die Aussage, dass sich Religionsfreiheit daran zeige, wie gläubige Mehrheiten mit Minderheiten umgehen, mündete in dem Hinweis, wie Karl der Große gegen die Heiden vorging. Die ständigen Parallelisierungen von historisch nicht zusammengehörigen Fakten erzeugt eine Stimmung der Beliebigkeit, in der es nur noch Täter gibt. Auch wenn die Frage, ob die brutalen Kreuzzüge für die heutige Gewalt verantwortlich seien, dadurch abgemildert wurde, dass in islamischen Ländern die Kreuzfahrergeschichte, die nicht immer lebendig gewesen sei, wiederbelebt wird, bleibt doch beim Zuschauer der Eindruck hängen, dass die Christen selbst schuld an ihrer Verfolgung sind. Und ob die christliche Botschaft eine Illusion sei, wie schließlich gefragt wurde, machte endgültig deutlich, dass die Botschaft dieses Films am Karfreitag und auch sonst falsch am Platz ist.

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