Mit Mut und gutem Herzen

Im Berliner Akademiegebäude der Konrad-Adenauer-Stiftung ist zurzeit eine Ausstellung zu sehen, welche den Mut jener Polen festhält, die im Zweiten Weltkrieg jüdische Männer, Frauen und Kinder vor Zugriffen deutscher Besatzer schützten. Ein Rückblick nach vorn zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Von Ingo Langner
Foto: KAS/Liebers | Historische Aufnahmen und Anordnungen aus der deutschen Besatzungszeit vermitteln ein authentisch düsteres Bild.

Mit der Berliner Buslinie 100 vom Bahnhof Zoologischer Garten zur Konrad-Adenauer-Stiftung unterwegs, kommen wir an der Haltestelle Schillstraße vorbei, die sich direkt vor der Kurfürstenstraße mit den Hausnummern 115/116 befindet und gleichzeitig ein Mahnmal ist. Es informiert uns, dass an dieser Stelle bis 1961 das Gebäude stand, in dem das sogenannte Judenreferat des Reichssicherheitshauptamtes seinen Sitz hatte. Als Leiter des Referats hat Adolf Eichmann die Deportation an den deutschen und europäischen Juden organisiert. Eichmann kann 1945 nach Argentinien fliehen. Im Mai 1960 wird er vom israelischen Geheimdienst in Buenos Aires entführt und 1961 in Jerusalem nach dem Gesetz zur Bestrafung von Nazis und Nazihelfern angeklagt und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Das Urteil wird am 1. Juni 1962 um zwei Minuten nach Mitternacht vollstreckt.

Zwei Busstationen später sind wir am Ziel. Wir wollen ins Akademiegebäude der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Tiergartenstraße. Dort wird die Ausstellung „Sie riskierten ihr Leben“ gezeigt. Vom Warschauer „Museum der Geschichte der Polnischen Juden“ als Wanderausstellung konzipiert und vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen unterstützt, berichten Schautafeln in Text und Bild unsentimental, aber eindringlich genug vom Heldenmut jener Polen, die während des Zweiten Weltkriegs jüdische Männer, Frauen und Kinder vor dem Zugriff der deutschen Besatzungsmacht versteckt haben. Heldenmut gehörte deshalb dazu, weil ihnen seit dem Herbst 1941 dafür die Todesstrafe drohte. Die, das ist wichtig zu wissen, nur in Polen galt und nicht in anderen von der Wehrmacht besetzten Ländern.

Trotz dieser tödlichen Bedrohung sind ein Viertel aller Gerechten der Völker in Yad Vashem, der „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“, polnische Bürger gewesen. In keinem Land der Welt sind von ihren Mitmenschen so viele Juden gerettet worden. Was gewiss auch damit zusammenhängt, dass Polen die größte europäische jüdische Diaspora gewesen ist. Offiziellen Statistiken zufolge lebten dort 1939 rund 3 460 000 „polnische Bürger jüdischer Abstammung“. Nahezu drei Millionen von ihnen sind in den Vernichtungslagern ermordet oder von NS-Einsatzgruppen hingerichtet worden. Die genaue Zahl der Helfer ist schwer zu schätzen. Historiker vermuten, dass es zwischen zweihundert- und vierhunderttausend gewesen sein müssen. Ihre Motive sind unterschiedlich gewesen. Mal ging es um Verwandte oder enge Freunde, mal wurde aus christlicher Nächstenliebe gehandelt, mal aus humanitären Gründen. Allen gemeinsam war, ein gutes Herz zu haben.

Sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder sind bekanntlich im Holocaust ermordet worden. Adolf Eichmann ist einer der Hauptverantwortlichen am Völkermord an den europäischen Juden. Hannah Arendts auf Eichmann gemünztes und vielbeachtetes Wort von der „Banalität des Bösen“ stammt aus Prozessreportagen, die sie 1961 für die Zeitschrift „The New Yorker“ verfasst hat.

In der Einleitung zur deutschen Buchausgabe der Reportagen begründet sie ihre Sicht der Dinge so: „In dem Bericht kommt die mögliche Banalität des Bösen nur auf der Ebene des Tatsächlichen zur Sprache, als ein Phänomen, das zu übersehen unmöglich war. (...) Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte (Eichmann) überhaupt keine Motive.“ Man könne ihm beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen. Trotzdem sei er nicht alltäglich. „Dass eine solche Realitätsferne und Gedankenlosigkeit in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen innewohnenden bösen Triebe zusammengenommen, das war in der Tat die Lektion, die man in Jerusalem lernen konnte. Aber es war eine Lektion und weder eine Erklärung des Phänomens noch eine Theorie darüber.“

Hannah Arendt wuchs in einem säkularen jüdischen Elternhaus auf. Es heißt, sie habe bereits als Vierzehnjährige Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und Karl Jaspers „Psychologie der Weltanschauungen“ gelesen. Während ihres Studiums in Marburg hat sie Philosophie bei Martin Heidegger und Nicolai Hartmann und Evangelische Theologie bei Rudolf Bultmann gehört. Ihre Dissertation hieß „Der Liebesbegriff bei Augustin“.

Wer Hannah Arendts Arbeiten zur antiken und neuzeitlichen Philosophie kennt, muss von ihrer intellektuellen Brillanz beeindruckt sein. Umso erstaunlicher ist ihre offensichtliche Unfähigkeit, hinter der Maske des pflichtbewussten Bürokraten, die Adolf Eichmann während seines Jerusalemer Prozesses trug, nicht eine der mannigfaltigen Camouflagen zu erkennen, die dem absolut Bösen seit jeher zur Verfügung stehen. Der Katechismus der Katholischen Kirche stellt fest, dass Satan mitsamt seinen Dämonen einst Engel waren, die aus der göttlichen Nähe und Gnade gefallen sind, „weil sie sich aus freiem Willen weigerten, Gott und seinem Ratschluss zu dienen. Ihre Entscheidung gegen Gott ist endgültig. Sie suchen den Menschen in seinem Aufstand gegen Gott hineinzuziehen.“

In der Genesis tritt Satan als Schlange auf und verführt Adam und Eva zum Sündenfall. Irreführung, Täuschung und Tarnung sind mithin sein Element. Im Neuen Testament versucht er Jesus sogar in der Maske des Schriftgelehrten: „Darauf nahm der Teufel ihn mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Als handle es sich in diesem weltentscheidenden Moment um einen Disput unter Theologen erwidert Jesus ihm: „In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“

In einer Ansprache, die Benedikt XVI. am 28. Mai 2006 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau hält, sagt der deutsche Papst: „Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als Ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; auf furchtbare Weise haben sich da die Psalmworte bestätigt: „Wie Schafe werden wir behandelt, die zum Schlachten bestimmt sind.“ Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören – ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen. Mit dem Zerstören Israels, mit der Schoah, sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht und endgültig durch den neuen, selbstgemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken, ersetzt werden.“

Von Adolf Eichmann sind seine letzten Worte überliefert. Schon unter dem Galgen stehend soll er gesagt haben: „Meine Herren, bald werden wir uns wiedersehen“. Was kann er damit gemeint haben? Sollte das eine Drohung sein? Sprach er selbst oder „sprach es aus ihm“? Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, erinnern wir uns mit guten Gründen an die Opfer der Schoah. Wir sollten jedoch darüber die heute in Israel lebenden Juden nicht vergessen. Jener Geist, der Hitler, Himmler und Eichmann zur Tat trieb, ist immer noch wach und wartet auf seine Stunde. Damit sie nie wiederkommt, sollten Menschen mit gutem Herzen zusammenstehen – unabhängig von Weltanschauung und Glauben. In Polen ist das während der Shoah mit dem Judenhilfsrat „Zegota“ möglich gewesen.

Was die „Zegota“ war, hat Wladyslaw Bartoszewski – der 2015 verstorbene polnische Historiker, Publizist und Politiker ist ein Gerechter unter den Völkern –, so gesagt: „Sie war die erste Untergrundorganisation, in der zionistische Aktivisten, Bundisten, Katholiken, polnische Demokraten, polnische Sozialisten und Mitglieder der Bauernpartei – also Juden und Polen – an einem Tische saßen.“

Die Ausstellung „Sie riskierten ihr Leben“ ist noch bis zum 15. Februar in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Tiergartenstr. 35, Berlin, zu sehen.

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19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer