Mit Mut und bunter Frische

Zwei Zeitschriften und ein Fernsehsender: Konservative Journalisten lassen sich in Polen nicht an den Rand drängen. Von Stefan Meetschen

In Polen gibt es unter Journalisten eine doppelte Gretchen-Frage: Wie hältst Du es mit der Religion und wie hältst Du es mit Smolensk? Während sich die großen liberalen Zeitschriften wie „Newsweek“ und „Polityka“ sowie Zeitungen wie die „Gazeta Wyborcza“ darauf geeinigt haben, dass die Kirche immer kritischer hinterfragt, mitunter sogar attackiert werden darf, und die Absturzursache der Präsidentenmaschine vor fast drei Jahren mit dem MAK-Abschlussbericht der russischen Luftfahrtbehörde und dem sogenannten Miller-Report der polnischen Regierung geklärt sei, gibt es eine nicht zu unterschätzende Riege von konservativen polnischen Journalisten, die zur doppelten Gretchenfrage eine andere Einstellung hat. Nämlich: Ja zur Kirche und Treue zu christlichen Werten bei der journalistischen Arbeit einerseits, andererseits eine kritische Distanz zu den bisherigen Aufklärungsergebnissen in Sachen Smolensk. Gebündelt in der Forderung nach einer Klärung des Absturzes durch eine unabhängige, internationale Kommission.

Kritische Anmerkungen zum Zeitgeist

Besonders Tomasz Wróblewski, Chefredakteur der Zeitung „Rzeczpospolita“, eine Art „Frankfurter Allgemeine“ Polens, hat sich dabei weit aus dem Fenster gelehnt, indem er im November 2012 einen Recherche-Artikel in seiner Zeitung zur Titelgeschichte machte. Die Hauptnachricht: Es seien Spuren von Explosivstoffen auf dem Flugzeugwrack von Smolensk nachweisbar. Der Aufschrei in den liberalen Medien war gewaltig, das Echo des Herausgebers auch. Seitdem ist Wróblewski nicht mehr Chefredakteur bei „Rzeczpospolita“, obwohl inzwischen sogar Oberst Ireneusz Szel¹g von der Militärstaatsanwaltschaft die Existenz solcher Spuren zugibt und sich bei immer mehr Wissenschaftlern, wie beispielsweise Kazimierz Nowaczyk von der Universität in Maryland (USA), der Verdacht bestärkt, dass das Flugzeug nicht – wie bisher angenommen – durch die Kollision mit einer Birke, sondern durch zwei Explosionen in der Luft zerstört worden sei.

Hatte Wróblewski also doch Recht? Knapp drei Monate später ist er jedenfalls bei einem neuen konservativen Hochglanz-Magazin, für das auf zahlreichen Plakatwänden Polens geworben wird, als Autor mit dabei: „Do Rzeczy“ (dt. Zur Sache). Chefredakteur ist Pawe³ Lisicki, der auch schon mal bei „Rzeczpospolita“ an der Spitze stand. Zum Preis von 3,95 Zloty (ca. ein Euro) erscheint „Do Rzeczy“ im Wochen-Turnus. In der aktuellen Ausgabe wird darin Politikern, die offen gegen die Homo-„Ehe“ in Polen protestieren, eine ausführliche, wohlwollend-differenzierte Würdigung erwiesen. Während frühere Priester, die bei den liberalen Zeitungen des Landes nicht selten als Kommentatoren arbeiten, mit feiner Feder desmaskiert werden. So auch ein Film von „National Geographic“, der auf Grundlage der MAK-Kommission den Absturzvorgang schildert.

Doch Wróblewski ist nicht der einzige polnische Journalist, der vom Absturz in Smolensk beruflich erfasst wurde. Im Zuge der Bomben-Theorie gab es auch bei dem bisherigen konservativen Schlachtschiff des polnischen Magazin-Marktes, „Uwa¿am Rze“ (dt. Meiner Meinung nach) einen Kurswechsel. Die bekannten Journalisten-Zwillinge Jacek und Micha³ Karnowski, die vor ihrer Mitwirkung bei „Uwa¿am Rze“ die Nachrichten-Sendung beim öffentlichen Fernsehen Polens verantworteten, die „Polsat“-Fernsehsehjournalistin Dorota Gawryluk, die bei „Uwa¿am Rze“ eine Kolumne hatte, sowie der bekannte jüdische Autor Bronis³aw Wildstein und der renommierte Journalist Rafa³ Aleksander Ziemkiewicz wurden vor die „Uwa¿am Rze“-Tür gesetzt und das Magazin bekam vom Herausgeber Grzegorz Hajdarowicz ein liberaleres Lifting verpasst. Was die Geschassten nicht davon abhält, ihre konservativen Anschauungen und kritischen Anmerkungen zum Zeitgeist auf anderen publizistischen Wegen in die Gesellschaft zu tragen.

Eine Zeitung mit Bloggern und Internetautoren

Gawryluk zum Beispiel machte den radikal-liberalen Politiker Janusz Palikot, der auf die Einführung der Homo-„Ehe“ und die Legalisierung von Drogen drängt, in ihrer TV-Sendung sprachlos, als sie ihm empfahl, statt anhaltender Kirchenkritik mehr für die Kirche zu beten. Wildstein geht bald mit seinem eigenen Fernsehen „Republika TV“ auf Sendung. Während die Karnowski-Brüder innerhalb weniger Wochen ihrerseits ein eigenes Magazin bastelten. „W Sieci“ ( dt. im Netzwerk), das mittlerweile in einer Auflage von 250 000 Exemplaren wöchentlich erscheint. In der aktuellen Ausgabe findet man viel Schelte am ökonomischen Kurs der Regierung Tusk und ein Interview mit Jaros³aw Kaczyñski. Die Beiträge über Kultur, Küche und Lifestyle sind bunt gestaltet und frisch geschrieben. Mit Hilfe vieler Blogger und Internet-Autoren, wie Jacek Karnowski gegenüber dieser Zeitung unterstreicht. „Das ist ein wichtiger Faktor, um die Kosten niedrig zu halten. Aber nicht alles, was man in einem Blog schreibt, lässt sich übertragen in ein Magazin. Wenn es gelingt, kann daraus ein gegenseitiger Werbeeffekt werden.“ Für den Erfolg hat Karnowski eine einfache Erklärung. „Die Menschen sind müde mit dem, was die Mainstream-Medien ihnen als offizielle Wahrheit verkaufen. Sie suchen etwas, dass sich mit eigenen Erfahrungen deckt, und sie wissen, dass wir als Journalisten kompetent sind und diesen Weg gehen, um der Zivil-Gesellschaft in einer Weise zu dienen, wie es etwa Alexis de Tocqueville verstanden hat.“ Auf Smolensk will auch „W Sieci“ nicht verzichten.

Ganz anders als das Werk von Anita Gargas, einer langjährigen TVP-Journalistin, die mit einem Dokumentarfilm die Trauer nach dem Absturz festhielt. Kurz nachdem Komorowski Präsident wurde, verlor Gargas allerdings ihre Anstellung beim Fernsehen. Der Film durfte bis heute nicht im öffentlichen Fernsehen gezeigt werden. Ebenso wenig wie der aktuelle Film „Anatomia upadku“ (dt. Anatomie eines Absturzes), der jetzt Premiere im Sender TV Puls hatte und von mehr als einer Millionen Menschen gesehen wurde. Mittlerweile ist eine Fassung mit deutschen Untertiteln bei YouTube zu sehen. Ein Film, der nachdenklich macht, denn Gargas scheut sich nicht, bei russischen Augenzeugen bis hin zu hohen polnischen Politikern, Militärs und Wissenschaftlern nachzufragen, was in Smolensk wirklich geschah, geschehen sein könnte. Wie immer man die Frage beantworten will und kann, das Engagement und der Mut dieser eigentlich schon kaltgestellten Edelfedern verdient Aufmerksamkeit. Gerade von denen, die sich auch in anderen Ländern um die Presse- und Meinungsfreiheit im liberalen Mainstream-Journalismus Sorgen machen.

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