Mit Menschenzungen

Der Mensch hat Schwierigkeiten, die weder Tiere noch Engel kennen: Er muss sprechen, um zu kommunizieren. Das hat auch Vorteile. Von Alexander Ertl
Foto: dpa | Fragen stellen, Zuhören können – der antike Philosoph wusste, wie Kommunikation gelingen kann und zur Wahrheit führt.

Die wichtigsten Fragen drängen sich selten unvermittelt auf. Wer die platonischen Dialoge liest, wird dem zustimmen. Wie etwa im „Phaidros“. Eines Tages kommt der gleichnamige Jüngling vom Vortrag des Redners Lysias her und geht die Stadtmauer im antiken Athen entlang, wo er über den allzeit sinnierenden Sokrates scheinbar stolpert. Woher er komme und wohin er wolle, beginnt Sokrates die Unterredung, wie so viele Male zuvor und danach. Knapp antwortet ihm Phaidros, doch ehe er sich versieht, hat ihn Sokrates schon in ein Gespräch verwickelt. Es stellt sich heraus, dass der junge Mann eine Rede des Lysias mitgeschrieben hat und mit sich führt. Daraufhin lässt ihn Sokrates diese unter einer schattigen Platane vorlesen. Für den Vortrag findet Sokrates lobende Worte, nur scheint ihm der Inhalt nicht recht zu gefallen.

Gelehrte stritten sich lang, welcher platonischen Periode dieser Dialog wohl angehöre. Lange Zeit nahm man die Jugendzeit des akademischen Übervaters an. Dafür sprach die Verherrlichung des Erotisch-Sinnlichen, die der doch eher auf das Reich der Ideen schauende Platon im Gespräch immer wieder einfließen ließ. Zweitens die hämische Haltung, die Überheblichkeit, mit der Sokrates den Lysias belegte. Drittens sprach der geschmacklos-überladene Stil des Dialogs und die Steifheit des Wechselgesprächs nicht gerade für das Werk eines reifen Philosophen. Als der platonische Dialog im 15. Jahrhundert auch im lateinischen Westen wieder entdeckt wurde, stieß das gefiederte Wagengespann, Sinnbild des Eros, den christlichen Denkern der Renaissance schwer auf. Da ihnen zuvor nur Bilder christlicher Agape vermittelt wurden, konnten sie sich die Liebe freilich auch nur asketisch als Freundschaft denken. Nur die Gottesliebe durfte beglücken. Die Kontroverse um das Für und Wider des „Phaidros“ füllt ganze Humanisten-Bibliotheken. Doch mit der Konzentration auf den Eros allein verloren die Ausleger den Blick auf den zweiten wichtigen Strang dieses Zwiegesprächs.

Eigentliches Thema des Dialogs nämlich ist die Unterscheidung von geschriebener und gesprochener Sprache. In all der Widerlegung des antierotischen Affekts des Lysias sei doch Sokrates, so der große Hermeneut Hans-Georg Gadamer (1900–2002), „darüber hinaus der Gesprächsführer, der weit über die negative Rolle hinauswächst“. Tatsächlich liefert Platon mit dem „Phaidros“ ein Glanzstück an Rhetorik. Und: Um nichts weniger als um die Wahrheit geht es ihm. Nicht um das Nach-dem-Munde-Reden, um den schönen Schein, den der Sophist Lysias abliefert, sondern um die Kunst des Miteinander-Redens.

Sokrates, der die Hebammenkunst, Erkenntnisse aus seinem Gegenüber herauszulocken, versteht, definiert es bei ihm so: „Also nicht bloß in den Gerichtsverhandlungen bewährt sich die Widerspruchskunst und in Volksreden, sondern vermutlich dürfte es in allem, was gesprochen wird, nur diese eine Kunst geben, wenn es eine Kunst ist: die einen in den Stand setzt, alles Mögliche allen Möglichen ähnlich zu machen, und was ein anderer so ähnlich machend vertuscht, ans Licht zu ziehen.“ (Kap. XLIV)

Ins Licht der Wahrheit gezogen zu werden, das ist nach dem platonischen Sokrates die Kunst der Unterweisung, was das griechische Lehnwort „Dialektik“ meint. Nicht bloßes Geplänkel also (das durchaus auch in den Dialogen vorkommt), sondern – wieder mit Gadamer – „die Kunst, ein Gespräch zu führen, ein Gespräch mit dem anderen oder auch das Gespräch der Seele mit sich selbst, und das Gespräch hat eine Führung, indem es die Frage nach dem Wahren und Guten festhält, durch alle Einwendungen und Abirrungen hindurch“. Die Suche nach der Wahrheit eint die Gesprächsteilnehmer. Denken ist also nicht ein monadischer Vorgang des Einzelnen. Nicht der verschrobene Kopf im einsamen Studierzimmer ist das Urbild des Philosophen, sondern der gesprächige Wahrheitssucher. Denken fängt mit dem gemeinsamen Sprechen an, ist also nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern aller menschlicher Sinne. Für Platon ist auch die Redekunst selbst eine eigene Kreatur: „Immerhin wirst Du wohl soviel verlangen: es müsse jede Rede wie ein lebendiger Organismus zusammengesetzt sein und gewissermaßen ihren eigenen Körper haben, sodass ihr weder der Kopf fehle, noch die Füße …“ (Kap. XLVII).

Der Spätplatoniker Hermeias von Alexandrien entwickelte im 6. Jahrhundert davon ausgehend eine innovative Sprachphilosophie: Er unterschied nämlich die Sprache der Menschen von der der Dämonen. Letztere seien nicht Ungeister, die die Menschen quälen, sondern einfach körperlose Wesen, gefallene Engel gewissermaßen. Während die menschliche Sprache ein „pathos“ brauche, eine direkte Affizierung der Wahrnehmungs- und der Erkenntnisorgane, um dieser Einflussnahme zu folgen, sei nach Hermeias die Sprache der Dämonen nicht auf diese Hilfsmittel angewiesen. Wie die Sonne die Wärme in der Luft weitergebe, ohne sie zu bewegen, offenbare auch der Dämon, so Hermeias, seine Gedanken, ohne Schwingungen hervorzubringen. Die Sprache der Engel und die Sprache der Menschen sind also zwei grundverschiedene Sphären. Es ist ja nicht so, dass der Engel ein Wesen in Raum und Zeit sei. Die Engel leben im „aevum“, in einer eigenen Zeit, aber auch in einem eigenen Raum, der für uns Menschen eigentlich nicht zu denken ist: zeit- und ortlos. Damit besteht für die Engel auch keine Distanz, die die Kommunikation stören könnte. Sie brauchen kein Organ oder Medium zur Verständigung, sie selbst sind Medien.

Der Sprach- und Kulturphilosoph Johann Gottfried von Herder (1744–1803) setzte einen anderen Akzent. „Schon als Tier hat der Mensch Sprache“, begann Herder etwas sonderbar seine „Abhandlung über den Ursprung der menschlichen Sprache“ 1772. Sprache sei nichts spezifisch Menschliches. Auch Tiere könnten schreien, rufen, Laute in die Welt setzen. Anders als beim Tier ist für Herder jedoch die menschliche Weltwahrnehmung nicht primär von Instinkten geleitet. Daher kann der Mensch aus dem Strom der Empfindungen einzelne Merkmale absondern und sie als Kennzeichen eines Tieres oder eines Gegenstandes wahrnehmen und sich an sie erinnern. Indem der Mensch also fähig ist, nachzudenken über seine Laute, erzeuge er Sprache. So Goethes Mentor.

Nun muss man beachten, dass der Mensch der Sprache nicht nur mit dem Hörsinn ausgesetzt ist, sondern in kultivierter Form auch mit dem Sehsinn. Er liest und schreibt. Blinde benutzen den Tastsinn, um die Braille-Schrift zu dekodieren. Die gesprochene Sprache allerdings ist die ursprünglichere, wie schon Platons Sokrates zu bedenken gibt: „Denn das ist wohl das Bedenkliche beim Schreiben und gemahnt wahrhaftig an die Malerei: auch die Werke der Kunst stehen vor uns als lebten sie, doch fragst Du sie etwas, so verharren sie in gar würdevollem Schweigen.“ (Kap. LX) Woraus man schlußfolgern kann: Die Schrift, sie schweigt, das Gesagte dagegen spricht. In die gleiche Kerbe schlägt der Schriftsteller und Regisseur Alexander Kluge (*1932): „Dieses Prinzip der Mündlichkeit liegt der Literatur eigentlich ursprünglich zugrunde. Ursprünglich singen die Dichter, sie tragen vor.“ Große Literatur sei daher immer auch Erzählliteratur. Stimmt! Homer, Ovid, Vergil – sie alle wären nicht ohne das Deklamieren ihrer Werke zu denken. Das, was wir aus dem Unterricht der Alten Sprachen kennen, sind nur verkappte Dichtungen. Aber ebenso müssen wir uns Boccacio, Dante und Petrarca als Meister der mündlichen Vortragskunst vorstellen. Ganz zu schweigen von den vielen mittelalterlichen Minnesängern.

Ausgerechnet Thomas Mann (1875–1955) schließlich, der Romancier mit besonders ausgeprägtem Sinn für schier endlose Sätze, betrieb mit seiner Josephs-Tetralogie eine ästhetische Restitution von Mündlichkeitseffekten unter den Bedingungen der Schriftkultur des 20. Jahrhunderts. Ein Blick in die moderne Sprachwissenschaften mag nochmals helfen, auf die von Herder aufgeworfenen Fragen zurückzukommen. Für Ferdinand de Saussure (1857–1913) ist es müßig, nach einem „Ursprung der Sprache“ zu fragen, denn „niemals und nirgends kennt man historisch einen Bruch in der kontinuierlichen Bahn der Sprache, und man kann logischerweise und a priori begreifen, dass sich dies niemals und nirgends ereignen kann“. Eine gleichbleibende Sprache kann es für de Saussure nicht geben, „bloß als Vorstellung“. Er hebt die transformative Dimension von Sprache hervor, „der Bewegung der Sprache in der Zeit, aber einer Bewegung, die keinen Moment, denn hier liegt alles, dazu kommt, in Konflikt zu sein mit dem der Einheit der Sprache in der Zeit“. Sprache verändert sich fortwährend, doch der Sprecher selbst bemerkt dies nicht. Sprache ist immer im Werden begriffen.

Ist die fluktuierende Sprache nicht das eigentliche Problem der menschlichen Wahrheitssuche? Bereits Augustinus von Hippo (354–430) sah deutlich, dass Sprache nicht nur etwas mit Pragmatik, sondern stets auch etwas mit der Leidenschaft für die Wahrheit zu tun haben muss, wenn die Kommunikation gelingen soll: „Wenn wir die Wahrheit sprechen, das heißt: wenn wir sprechen, was wir wissen, dann muss aus dem Wissen, welches unser Gedächtnis enthält, ein Wort geboren werden; es ist durchaus von der Art, von der das Wissen ist, von dem es geboren wird. Der von dem gewussten Gegenstand geformte Gedanke ist nämlich das Wort, das wir im Herzen sprechen. Es ist nicht griechisch, nicht lateinisch, noch einer anderen Sprache zugehörig. Wenn es aber denen, mit denen wir sprechen, zur Kenntnis gebracht werden soll, dann nimmt es ein Zeichen an, um durch es bezeichnet zu werden. Meist wird ein Klanglaut, manchmal auch ein Wink, der erste für die Ohren, der zweite für die Augen, verwendet, damit das Wort, das wir im Herzen tragen, durch körperliche Zeichen auch den Leibessinnen bekannt werde.“ (De Trinitate XV)

Die Wahrheit tragen wir also im Herzen. Anders als die Tiere vermögen wir darüber zu reflektieren, anders als die Engel vermögen wir sie in Raum und Zeit auszusprechen. Für Thomas von Aquin (1224/25–1274), den großen scholastischen „doctor angelicus“, fehlt bei den Engeln der Unterschied zwischen Hören und Sehen, sodass ihre Mitteilungsweise nur eine geistige ist. Hören und Sehen sind sozusagen ein und dasselbe. Engel – auch die Nicht-Gefallenen – haben also nicht mit den Problemen der alltäglichen Kommunikation zu kämpfen. Die örtliche Entfernung ist für sie bei der Übermittlung von Botschaften nicht relevant. „Indem der Gedanke des Verstandes eines Engels durch dessen Willen zur Kundgabe an einen anderen bestimmt wird, wird der Gedanke des einen Engels dem anderen bekannt. Und so spricht ein Engel zum anderen.“ (Summa theologiae II, q. 107, a. 1, resp.) Ein klarer Vorteil gegenüber dem Menschen, obwohl dieser mit Smartphone und Internet bei der Gedankenübermittlung langsam aufholt.

Es gilt aber festzuhalten: Mit der Möglichkeit, Sprache zu fixieren, und sei es auch nur eine SMS auf dem Smartphone, kennt der Mensch zwei Konzepte des sprachlichen Austausches. Man unterscheidet hier die mediale Mündlichkeit von der konzeptionelle Mündlichkeit. Die mediale Dimension macht deutlich, wie die sprachliche Äußerung realisiert wird, die konzeptionelle, welche Ausdrucksweise gewählt wird. Sowohl eine Grußkarte als auch ein Gesetzestext sind medial schriftlich – konzeptionell schriftlich ist in der Regel aber nur der Gesetzestext; medial mündlich sind sowohl das Gespräch mit Freunden als auch ein wissenschaftlicher Vortrag – aber medial mündlich scheint eher nur die Unterhaltung im Freundeskreis zu sein. So steht fest: es kommt nicht nur auf die Gattung des Sprechers an, sondern ebenso auf die Gattung des Gesprochenen. Im Gespräch erst beginnt für Sokrates wahre Philosophie. Im Gespräch erst findet die Sprache ihren Ursprung.

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