Mit Höhen und Tiefen

In ein paar Tagen wird Eric Clapton 72 Jahre alt. Dass der begnadete Gitarrist noch lebt, ist nicht selbstverständlich. Drogen gehörten genauso zu seiner Karriere wie einige schwere Schicksalsschläge. Von Ingo Langner
Eric Clapton: Gitarrist, Sänger, Songwriter
Foto: dpa | Gitarrist, Sänger, Songwriter: Eric Clapton ist nicht nur ein vielseitig begabter Musiker, er hat im Laufe seiner Karriere auch die verschiedenen Seiten des Lebens intensiv erlebt.

Born under a bad sign“. Wer diesen Song mit fünfzehn nicht oft genug hören konnte, der hat ihn auch als 65-Jähriger noch genau im Ohr. Unter einem Unglücksstern geboren, könnte man die Titelzeile frei übersetzen. Musik und Text stammen von Booker T. Jones und William Bell. Berühmt gemacht jedoch hat ihn die Rockband „Cream“. Schon der Name war Programm. Denn als Creme de la Creme fühlten sich 1966 Ginger Baker am Schlagzeug, Jack Bruce an der Bass- und Eric Clapton an der Leadgitarre. Der Lead Singer war Clapton damals nicht. Dieser Part war Bruce vorbehalten. Doch wenn der sang: „Bad luck and trouble's my only friend. I've been down ever since I was ten“, so hatte das mit Eric Claptons Jugend mehr zu tun, als die Öffentlichkeit zu Beginn seiner Karriere als Blues- und Rockgitarrist auch nur ahnte.

Erst 2006 bekannte der am 30. März 1945 in dem Dorf Ripley in der englischen Grafschaft Surrey als Sohn seiner sechzehnjährigen Mutter Patricia Molly unehelich Geborene in einem Interview mit Alexander Gorkow: „Mama und Papa waren Alkoholiker. Sämtliche Onkel und Tanten waren Alkoholiker. Und sämtliche Omas und Opas waren auch Alkoholiker. Alles reizende Leute damals in Surrey. Und allesamt rund um die Uhr besoffen. Die Uropas und Uromas übrigens auch. Ich selbst war schon mit sechzehn ein Alkoholiker.“ Doch dabei blieb es nicht.

Der Name Eric Clapton steht für eine phänomenale Musikerkarriere. Clapton gehört zu den Besten der Allerbesten. Bis heute. Doch trotz Ruhm, Reichtum, mehr als 280 Millionen Schallplattenverkäufe, aktuell 20 Grammys und eine gleich dreifache Mitgliedschaft in der „Rock 'n' Roll Hall of Fame“, blieben ihm die falschen Freunde, nämlich Unglück und Ärger, jahrzehntelang treu.

1974, da war er noch keine dreißig, offenbarte Clapton der englischen Musikfachzeitschrift „Rolling Stone“, dass er die vergangenen drei Jahre als Heroinsüchtiger „in einer Wolke aus rosa Baumwolle“ gelebt habe, nun aber durch eine spezielle Elektro-Akupunktur geheilt worden sei. Doch nur wenige Jahre nach dem Heroin übernahm der Alkohol wieder das Kommando, und der gab sich erst nach der zweiten Entziehungskur geschlagen. „Bad luck and trouble“ waren jedoch nicht abzuschütteln. Am 27. August 1990 kam sein Freund, der Gitarrist Stevie Ray Vaughan, bei einem Helikopterabsturz ums Leben, und am 20. März 1991 fiel in New York sein vierjähriger Sohn Conor aus dem Fenster und stürzte vom 53. Stockwerk in die Tiefe. Clapton ließ den kleinen Toten (dessen Mutter ist die Italienerin Lory Del Santo) nach England überführen, beerdigte seinen Sohn in Ripley auf dem Kirchhof von St. Mary Magdalene und ließ auf den Grabstein schreiben: „Conor Clapton 1986–1991 Beloved Son Sweet child of infinite beauty you will live in our hearts forever“.

Gut zehn Jahre später, nämlich am Neujahrstag 2001, wurden in St. Mary Magdalene Eric Clapton und Melia McEnery von Vikar Christopher Elson getraut, der auch dem kleinen Conor das letzte Geleit gegeben hatte. Nach der ersten Ehe mit Patty Boyd, die 1979 geschlossen und 1988 geschieden wurde, war Clapton nun erneut verheiratet. Vor der Hochzeitszeremonie wurden Claptons Töchter Julie Rose und Ruth getauft. Die Mutter der sechs Monate alten Julie Rose war die frischangetraute 25-jährige Melia McEnery. Die 16 Jahre alte Ruth stammte aus der Beziehung Claptons mit Yvonne Kelly. Aus der anglikanischen Hochzeit und dem Sakrament der Taufe für seine Kinder dürfen wir bei Eric Clapton wohl mit einigem Recht auf einen christlichen Glauben schließen. Genaues dazu verraten uns die bekannten einschlägigen biographischen Quellen jedoch leider nicht.

Darum müssen wir uns mit seinen Liedern begnügen. Obwohl der Text von Will Jennings und nur die Musik von Clapton selbst stammt, ist „Tears in heaven“, auf die Glaubensfrage bezogen, am aufschlussreichsten. „Would you know my name/ If I saw you in heaven?/ Would it be the same/ If I saw you in heaven?/ I must be strong and carry on/ 'Cause I know I don't belong here in heaven/ Would you hold my hand/ If I saw you in heaven?/ Would you help me stand/If I saw you in heaven?/ I'll find my way through night and day/ 'Cause I know I just can't stay here in heaven“, sind die Schlüsselverse des Songs.

Alle Welt weiß, dass Clapton darin die Trauer um seinen Sohn zum Ausdruck bringen wollte, und darum wird Conor auch der im Lied Angesprochene sein. Ob das Kind im Himmel noch den Namen seines Vaters kennt, ob ihr Verhältnis noch das gleiche wie zu Lebzeiten sein wird, das sind bange Fragen, die Clapton hier singend stellt. Nur eines scheint er sicher zu wissen, nämlich dass zwar sein Sohn jetzt im Himmel ist, er selbst aber dort noch keinen Platz hat, sondern stattdessen unten im irdischen „Jammertal“ seinen Weg durch Nacht und Tag finden muss. Obwohl der Song die Realität eines Himmels und eines Lebens nach dem Tode ausdrücklich betont: nach Hoffnung auf ein eigenes Leben in dieser anderen Welt klingt das mit Sicherheit nicht gerade. Beim Nachdenken darüber fallen uns wieder die schlimmen Vorzeichen ein, das fatale „Born under a bad sign“.

Wie um die lastende Einsamkeit um ihn herum noch ausdrücklich zu betonen, sitzt Eric Clapton in einem offiziellen Video-Clip zu „Tears in heaven“ mutterseelenallein auf der Bühne. Um ihn herum sind die Instrumente für viele Mitspieler aufgebaut. Was seine Verlassenheit noch verlassener macht. Für den großartigen Western „Pat Garrett & Billy the Kid“ von Sam Peckinpah, in dem James Coburn und Kris Kristofferson die beiden Titelrollen spielen, hat Bob Dylan den Soundtrack geschrieben. Der vermutlich berühmteste Song heißt „Knockin' on Heaven's Door“. Im Film erklingt er als Sterbelied für einen alt gewordenen Sheriff, der in einem Duell mit Billy tödlich getroffen wird, beim letzten Licht des Tages opernhaft langsam stirbt und, wie es im Lied heißt, am Himmelstor klopfend um Einlass bittet.

Auf der 1973 von Bob Dylan als Langspielplatte publizierten Filmmusik singt Dylan das Lied mit viel Trauer in der Stimme. Es schwingt sogar ein für Dylans Verhältnisse ungewöhnliches Pathos mit. Eric Clapton allerdings macht in seiner Coverversion daraus einen Reggae Song. In der für diesen in Jamaika entstandenen langsamen Musikstil mit der typischen Offbeat-Phrasierung, bei der man den zweiten und vierten Takt betont, ist aus dem traurigen „Knockin' on Heaven's Door“ ein Lied der Hoffnung geworden.

Ohne es überinterpretieren zu wollen: doch möglicherweise ist das genau jene Hoffnung, die Eric Clapton trotz aller Schicksalsschläge bis heute am Leben gehalten hat. Immerhin wird er, so Gott will, am kommenden 30. März seinen schon 72-jährigen Geburtstag feiern können. Für einen Musiker aus dem Rock'n'Roll Zirkus ist das eine sehr lange Lebenszeit. Mit dem Drogen- und Alkoholkonsum gleich zu Beginn seiner Karriere wäre Clapton nämlich der klassische Kandidat für die unter seinesgleichen viel zu oft befolgte Regel „Live fast – die young“ gewesen. Andere Rockstars (an dieser Stelle sollen nur Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain genannt werden) sind mit den längst „magisch“ gewordenen 27 Jahren an einer Überdosis von welchem Stoff auch immer gestorben. Doch auch wenn wir nicht wissen, an wen oder an was Eric Clapton heute glaubt, wir sollten ihm wünschen, dass, wenn er einst selbst ans Himmelstor klopfen wird, er dort oben nicht abgewiesen wird.

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