Mit Friedrich Schiller die Gegenwart besser verstehen

„In die Zeit gefallen“: Frank Hoffmann, Intendant der Ruhrfestspiele, über die Hoffnung auf mehr Politik im Theater. Von Anja Kordik
Foto: Kordik | Frank Hoffmann will die literarische Qualität Schillers würdigen.
Foto: Kordik | Frank Hoffmann will die literarische Qualität Schillers würdigen.

Unter dem Motto „In die Zeit gefallen“ steht Friedrich Schiller in diesem Jahr im Mittelpunkt der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Eröffnet wird das Traditions-Festival am 1. Mai auf dem Gelände des Festspielhauses. Einen Vorgeschmack auf das kommende Programm der Spielzeit bot bereits jetzt die offizielle Programmpräsentation im „Dortmunder-Turm“ durch Frank Hoffmann, seit September 2004 Festspielleiter.

Herr Dr. Hoffmann, könnten Sie das Leitwort der Ruhrfestspiele 2011 „In die Zeit gefallen: SCHILLER“ näher erläutern?

Schiller ist derjenige unter den deutschen Autoren, der am eindringlichsten seine Zeit beschrieben hat, Stoffe suchte, die einen gesellschaftlichen Bezug hatten und damit „zeitgenössisch“ waren. Sein Leben lang wurde er von der Suche nach der Schönheit umgetrieben, wollte den Menschen mit einem ästhetischen, gleichsam liebevollen Blick und nicht nur aus der Nutzenperspektive sehen. Zugleich hatte Schiller einen genauen Blick für gesellschaftliche Zustände: Immer wieder stellte er Bezüge zur konkreten Realität in den Mittelpunkt – angefangen bei den „Räubern“ über „Wallenstein“, „Don Carlos“ und „Maria Stuart“ bis zum „Demetrius“. In nahezu allen Schiller-Dramen entwickeln sich die Charaktere vor politischer Folie. Schiller ist der Autor, der mehr als alle anderen über seine Zeit erzählt, für uns sozusagen „in die Zeit gefallen ist“ und Möglichkeiten bietet, das neu erwachende Bedürfnis nach gesellschaftlicher und politischer Teilhabe zu thematisieren. Als Theaterfestival müssen und wollen wir über unsere unruhige Zeit etwas erzählen, vor allem in diesem Jahr. Schiller dient uns dazu als Folie.

Was macht Friedrich Schiller so zeitlos?

Seine literarische Qualität! Er hat Worte für bisher unbekannte Realitäten gefunden und Figuren auf die Bühne gebracht, die uns nach wie vor faszinieren. Schillers Männer- wie auch seine Frauengestalten schlagen uns heute gleichermaßen noch in den Bann.

Ist es übertrieben zu sagen: Die Personen, die Schiller beschreibt, und auch die Personenkonstellationen sind gleichsam für die Ewigkeit?

Ich hoffe ja, ich hoffe es sehr.

Sie sagen, die Ruhrfestspiele müssen etwas erzählen über unsere unruhige Zeit. Muss Theater heute wieder gesellschaftspolitischer werden?

Ja, Theater muss wieder ein stärkeres gesellschaftlich-politischeres Bewusstsein zum Ausdruck bringen. Theater muss die großen Themen anpacken, die Themen unserer Zeit sind. Das ist in den letzten Jahren ein Stück versäumt worden, wird aber immer wichtiger. 2010 war mit Sicherheit ein Jahr, das in mancher Hinsicht eine Zäsur im gesellschaftlichen Bewusstsein markiert durch die gesellschaftlichen Diskurse, die vehementen und zum Teil schmerzhaften Auseinandersetzungen, die es auf verschiedenen Ebenen gegeben hat, ob sie die „Integration“ oder den „Sozialstaat“ betreffen. Grundsätzlich geht es immer um die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auf der einen Seite scheint es, als drifte die Gesellschaft immer mehr in Parallelgesellschaften auseinander. Auf der anderen Seite sehnen wir uns nach nichts mehr als nach einer klaren gesellschaftlichen Linie, nach gesellschaftlichem „Kitt“.

Welche Bedeutung hat hier das Theater?

Theater spielt eine sehr wichtige Rolle. Und so werden auch die Ruhrfestspiele in Zukunft einen gesellschaftspolitisch deutlicheren Tonfall annehmen. Natürlich hatte unser Festival immer schon Entwicklungen in Gesellschaft und Politik im Blick. Künftig aber wird sich dieser Akzent verstärken, weil die gesellschaftlichen Konflikte schärfer zu Tage treten. Und weil diese Konflikte nicht mehr parteipolitische, ideologische Konflikte sind, sondern die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit betreffen. Die großen Fragen unserer Zeit lassen sich nicht mehr parteipolitisch eingrenzen, sie lassen sich auch nicht mehr einfach parteipolitisch vereinnahmen. Vielmehr werden die gesellschaftlichen Fragen von verschiedenen Kräften neu gestellt, und damit beginnt eine neue Phase gesellschaftlicher Entwicklung.

Welche Bezüge zu Schiller finden sich im übrigen Programm der diesjährigen Ruhrfestspiele?

Wenn wir Autoren wie Albert Ostermaier sehen, der mit „Aufstand“ ein politisches Stück über unsere Zeit im Geiste Schillers schreibt, dann sind wir, glaube ich, Schiller sehr nahe, ohne ihn in diesem Falle direkt auf der Bühne zu haben. Meine eigene Inszenierung von George Taboris „Die Demonstration“ hat das Verhältnis von Politik und Bürgergesellschaft zum Thema: Es geht um gesellschaftliche Probleme, insbesondere um Ausgrenzung und den Kampf der Minderheiten (auch untereinander). Und es geht um die grundsätzliche Frage: Welche Möglichkeiten in unserer Gesellschaft haben Menschen mit abweichender politischer Meinung, die von keiner Partei vertreten werden? Diese Fragen stellt Tabori in seinem neuen Stück „Die Demonstration“, das bei den Ruhrfestspielen seine deutsche Erstaufführung erleben wird. Aber auch andere Stücke werfen diese Fragen auf und gehen auf heutige Realitäten ein.

Eine besondere Rolle spielt bei Schiller die Idee der Freiheit, die Frage auch nach dem Verhältnis zwischen Individuum – seinen Bedürfnissen und Ansprüchen – und den Ansprüchen des Kollektivs. Wie gehen die Ruhrfestspiele mit diesen Fragen um ?

Sie haben für uns wesentliche Bedeutung, das zeigt sich in den von uns ausgewählten Schiller-Dramen: In „Die Räuber“ zum Beispiel steht das Individuum gegen das Kollektiv, aber auch im Kollektiv. Die Frage nach der Rolle des Einzelnen im Kollektiv wird ganz stark auch von zeitgenössischen Autoren thematisiert, wie wir in dieser Spielzeit in einer Reihe von Uraufführungen zeigen, die von Schiller inspiriert sind: etwa von Philipp Löhle, der in seinem neuen Drama „Das Ding“ über das Thema der Globalisierung spricht: Was ist der einzelne Mensch? Ist er nur ein Rädchen im Getriebe? Sein Produkt, das er erarbeitet, wird nachher irgendwo in der globalisierten Welt an irgendwelchen Kunden verkauft – was bedeutet das für den Einzelnen?

Stichwort: Ruhr.2010. Hat sich die Rolle der Ruhrfestspiele dadurch verändert?

Recklinghausen mit den Ruhrfestspielen – das hat auch der Vorsitzende der Geschäftsführung der Ruhr.2010 GmbH, Fritz Pleitgen, gesagt – ist eigentlich in jedem Jahr Kulturhauptstadt des Ruhrgebiets. Wir waren es vorher, wir waren es 2010. Und wir wollen in diesem Jahr wieder sechs Wochen lang Kulturhauptstadt der Region und darüber hinaus sein. Aber wir werden mit Sicherheit auch versuchen, das wachsende Bewusstsein von der „Metropole Ruhr“, das durch die Ruhr.2010 geweckt wurde, weiterzutragen und stärker in den Köpfen zu verankern.

Glauben Sie, dass das Ruhrgebiet als Kulturregion auf Dauer stärker zusammengewachsen ist?

Ich kann das nur hoffen, aber noch nicht mit Sicherheit sagen. Es ist ein Prozess, der Jahre dauern wird. Erst in drei bis fünf Jahren werden wir wirklich sehen: Hat sich auf längere Sicht etwas verändert? Es braucht Zeit, es braucht Geduld – den Menschen in dieser Region muss die Zeit gegeben werden. In Zukunft wird sich zeigen, was nachhaltig von der Ruhr.2010 bleibt.

Ruhrfestspiele Recklinghausen, 1. Mai bis 12. Juni 2011, www.ruhrfestspiele.de

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