Mit der Expresspost an die Spitze geritten

Peter Styras gelungene historische Studie über den Aufstieg des Hauses Thurn und Taxis zeigt, wie wichtig seit langem gelungene Kommunikation ist. Von Urs Buhlmann
Foto: dpa | Eine Luftaufnahme von Schloss St. Emmeram im oberpfälzischen Regensburg, das der Familie von Thurn und Taxis gehört.
Foto: dpa | Eine Luftaufnahme von Schloss St. Emmeram im oberpfälzischen Regensburg, das der Familie von Thurn und Taxis gehört.

Sie gehören sicher zu den besser bekannten Familien des deutschen und europäischen Hochadels, die in Regensburg ansässigen Fürsten Thurn und Taxis. Ihren Aufstieg verdanken sie dem über Jahrhunderte gewissenhaft ausgeführten Postdienst auf den Straßen des Alten Reiches. Woher die Familie mit dem Doppelnamen eigentlich stammt, dass sie über lange Zeit in Brüssel, dann auch in Frankfurt zu Hause war, wie sie in relativ kurzer Zeit einen Schwindel erregenden Aufstieg nahm – all das erfährt man in der sehr gelungenen historischen Dissertation von Peter Styra. Er zeichnet in gut lesbarer Form nach, wie die kaiserlichen Postmeister in den Reichsadel, wenig später den Freiherren- und Grafenstand aufgenommen wurden, bis sie als Fürsten, zunächst von spanischen, dann von Reiches Gnaden, in den Spitzenstand des Adels des Heiligen Römischen Reiches gelangten.

Zur Reichsstandschaft mit Sitz und Stimme im Reichstag war der Besitz eines geeigneten Territoriums notwendig, das man, wenn man es nicht schon besaß, ganz einfach erwerben konnte, mit Mann und Maus sozusagen. Doch war dies am Ende doch nicht so einfach und beschäftigte selbst eine Familie mit den finanziellen Möglichkeiten der Thurn und Taxis längere Zeit.

Styra legt keine enggefasste Spezialstudie vor, sondern arbeitet heraus, so Herausgeber Wilhelm Imkamp im Vorwort, wie 300 Jahre gelungene Kommunikation eine ehrgeizig und zielstrebig vorgehende Familie nach oben beförderte: „Als Kommunikationsträger der Reichsöffentlichkeit einerseits, aber eben auch als Kommunikator für die eigenen Ziele“.

Aus Bergamo und wohl langobardischen Ursprungs waren die ersten Taxis. Sicher gehörten sie schon einer gehobenen Schicht an, auch wenn im Italien des 15. und 16. Jahrhunderts förmliche Nobilitierungen selten nachweisbar sind. Der erste wichtige Vertreter der Familie – 1512 in Trier in den Reichsadel erhoben – ist der fünf Jahre später gestorbene Franz von Taxis. Sein Geschäftsmodell, das zugleich für ihn und seine Familie zum Garanten des Aufstiegs werden sollte, war die gegenüber dem Landesherrn übernommene Verpflichtung, auf eigene Kosten ein umfangreiches Streckennetz an Poststationen mitsamt den dafür benötigten Postreitern aufzubauen und zu erhalten. Styra: „Franz von Taxis übernahm auf eigenes Risiko die Organisation dieser Postlinien und musste sich verpflichten, (...) berittene Posten auf folgenden Routen zu unterhalten: Von Brüssel (...), dem Sitz des spanisch-niederländischen Statthalters, zum jeweiligen Aufenthaltsort Kaiser Maximilians in Deutschland, zum französischen Königshof sowie zum Hoflager des spanischen Königs (...). Als Beförderungszeiten festgelegt wurden für die Strecken Brüssel-Innsbruck fünfeinhalb Tage (im Winter sechseinhalb), Brüssel-Paris 44 Stunden, Brüssel-Granada 44 Tage“. Auch in Kriegszeiten musste das gewährleistet werden. Also kein geringes Unterfangen, das aber, wenn es glückte, dem Kaiser und seinem Umfeld die dringend benötigte Kommunikationsstruktur für das Regierungshandeln zur Verfügung stellte. Franz von Taxis nahm dazu seinen Wohnsitz in Brüssel und ließ sich seine Dienste nicht nur gut bezahlen, sondern auch privilegieren: Er und seine Verwandten wurden kaiserliche und königlich spanische Postmeister – in einer eigentümlichen Zwitterstellung zwischen staatlichen Beamten und privaten Unternehmern.

Den zahlreichen, meist politisch verursachten Problemen zum Trotz gelang es den Taxis, ihr Gewerbe zuverlässig zu führen und auch gegen die bald entstehende Konkurrenz zu halten. Der Lohn blieb nicht aus: 1608 wurde man Freiherr im Reich, 1624 Graf. Zwischen diesen beiden neuen Titeln liegt 1615 die Übertragung der Post als Lehen durch Kaiser Matthias. Ein gar nicht zu unterschätzender Akt, stellte er doch ein persönliches Band zwischen der Familie und den hohen Auftraggebern her. Das hatte Auswirkungen bis ins 19. Jahrhundert, so Styra. „Noch am Wiener Kongress berief sich das fürstliche Haus auf das Postlehen und argumentierte somit erfolgreich für Entschädigungsleistungen, nachdem die Post dem Haus Thurn und Taxis weitgehend entzogen worden war“.

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wuchs der Wunsch nach Mehrung des gesellschaftlichen Ansehens, ein Ziel bildete sich heraus für die Generalpostmeister-Familie: Sie wollten Fürsten werden und damit den hohen Familien des Reiches gleichgestellt sein. Das Geld dafür war vorhanden, denn all diese Adelserhebungen und Gnadenakte, auch das kann man dem akribisch zusammengetragenen Wissen Peter Styras entnehmen, kosteten einiges. Nicht nur Gebühren waren fällig, die als dringend benötigte Einnahmequelle an den Kaiser gingen, auch diskrete und gar nicht so diskrete finanzielle Gunsterweise an einflussreiche Hof-Chargen waren nötig, wenn man etwas werden wollte.

Die Erhebung in den spanischen Fürstenstand für den 1652 in Brüssel geborenen Eugen Alexander im Jahre 1681 ging bereits einher mit der Errichtung eines kleinen, im Hennegau gelegenen Fürstentums. Doch war damit der Ehrgeiz der adligen Postmeister noch nicht gestillt: Reichsfürsten wollten sie werden, damit auch Sitz und Stimme im Reichstag, die Reichssstandschaft, erwerben.

Dabei hatten die Thurn und Taxis, im Gegensatz zu so vielen anderen Familien, keine militärischen Verdienste vorzuweisen. Auch wenn sie nun schon seit einiger Zeit in erste Familien geheiratet hatten, war es letztlich auch nicht das familiäre Geflecht, das zum Aufstieg beitrug. Styra weist zu Recht darauf hin, dass es der Status als zuverlässiger Dienstleister war, der diese Familie so einzigartig macht und der die Basis ihres kometenhaften Avancements bildete. Freilich war die Aufnahme in das Reichsfürstenkolleg etwas anderes als die bereits zurückgelegten Stationen.

Endlich Landesherrscher, da ging das Alte Reich unter

Vielfältiger Widerstand der bereits arrivierten Fürsten musste überwunden, die komplizierte konfessionelle Austarierung beachtet, vor allem aber ein angemessenes Territorium vorgewiesen werden, bis ein Antrag das Plazet des Kaisers und das positive Votum im Kolleg erfuhr. Bei den Taxis war dies erst nach einem weiteren Jahrhundert der Fall. Doch wurde diese letzte Standeserhebung noch ohne die Voraussetzung der Landesherrschaft vollzogen. Erst 1786 gelang mit dem Erwerb der bayerischen Grafschaft Friedberg-Scheer der abschließende Schritt, der dann auch die Kritiker der so schnell nach oben gekommenen, mittlerweile in Regensburg ansässigen Familie verstummen ließ: Jetzt waren sie richtige Fürsten wie alle anderen. Doch gerade einmal 20 Jahre konnte man sich nun als Landesherr fühlen, bis das alte Reich und seine Ordnung untergingen. Mit derselben Pfiffigkeit und Konsequenz, die die Familie immer auszeichnete, fand sie sich nun in die gänzlich veränderten Verhältnisse ein – der Postdienst war bald Vergangenheit – und baute sich mit unternehmerischen Mitteln ein neues Reich auf.

Peter Styra: Eine Karriere durch die Post – Die Standeserhebungen des Hauses Thurn und Taxis. Thurn und Taxis-Studien – Neue Folge, Bd. 4, Verlag Friedrich Pustet, 2013, 212 Seiten, ISBN 3-7917-2518-5, EUR 29, 95

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