Mit dem Naturrecht begründen

Europa muss zu seinen geistigen Grundlagen zurückfinden

In den Beiträgen des von Tadeusz Guz herausgegebenen Sammelbandes „Das Naturrecht und Europa“ wird der Leser einerseits mit der Entstehung des europäischen Rechts aus den naturrechtlichen Wurzeln der antiken und mittelalterlichen Philosophie und Rechtstradition vertraut gemacht und andererseits mit den Konsequenzen konfrontiert, die sich im neuzeitlichen Denken durch das Sich-Ablösen von der naturrechtlichen Verankerung des Rechts ergeben.

An die Stelle der Begründung des Rechts in der Natur des Menschen oder im ewigen Gesetz Gottes tritt in der Neuzeit die Begründung des Rechts in formalen Prozeduren. Verstand man in der Antike und im Mittelalter unter lex das niedergeschriebene Recht und unter ius naturale das Naturrecht, so wurden doch beide als eine Einheit begriffen, da man das Ziel des Rechtes in der Schaffung der Gerechtigkeit und den Ursprung allen Rechts in Gott sah. Im neuzeitlichen rechtspositivistischen Denken wird nicht mehr nach der Verankerung des Rechts im Wesen der menschlichen Natur bzw. in Gott oder nach den wahren Zielen des Rechts in Staat und Gesellschaft gefragt, sondern nur nach dem formalen Verfahren der Rechtsetzung. So wie in der Antike das mythische Denken vom rationalen Denken abgelöst wurde, versteht sich das neuzeitliche Denken als Ablösung des Rechts von der Ethik. Dementsprechend steht im modernen demokratischen Verfassungsstaat nicht mehr wie in der antiken Polis die Frage nach der Tugendhaftigkeit der Bürger im Mittelpunkt des politischen Interesses, sondern die Frage nach der staatlichen Garantie der Rechte der Bürger.

Die Ablehnung der naturrechtlichen Verankerung des Rechts hat, wie Ernesto Pavesi in seinem Beitrag zur Ideologie des Vatertodes zeigen kann, vor allem auch darin seinen Grund, dass in der modernen demokratischen Gesellschaft die Orientierung an Autoritäten abgelehnt wird. Der moderne Mensch hat sich allmählich von allen Autoritätspersonen emanzipiert, die seine Autonomie einschränkten. Mit der Köpfung des Königs von Frankreich begann dieser Prozess und führte über die Verkündigung des Todes Gottes, über die weitgehende Anonymisierung der Produktionsmittel zur Ablehnung der Autorität in Politik und Familie, Wirtschaft und Staat, mit einem Wort zur Tötung des Vaters. Damit wurde der Mensch aber nach Pavesi von seinen eigenen Wurzeln entwurzelt und ist nicht zum Übermenschen geworden, sondern zu einem Waisen ohne Himmel über ihm und ohne Fundament unter ihm.

Dem Beitrag des in Rom lehrenden Philosophieprofessors Horst Seidel kann man entnehmen, dass der antimetaphysische und antiideologische Kampf des Rechtspositivismus letztlich auf einem eingeschränkten Wirklichkeitsverständnis beruht, in dem nur das als Wirklichkeit gelten gelassen wird, was auf der sinnlichen Anschauung basiert. Der rechtspositivistische Ansatz leugnet zwar nicht allgemeine Rechtsgrundsätze und Normen als Ideale, spricht ihnen aber keinerlei extramentale Realität zu. Stützt man sich nur auf eine empirische Analyse von Fakten, dann kann man nie von einem Sein auf ein Sollen schließen. Das Naturrecht ist aber, wie Horst Seidl, Leo Elders und Berthold Wald in ihren philosophischen Beiträgen erhellend zeigen können, begründbar, weil die Wesensnatur des Menschen kein rein mentale, sondern eine extramentale Realität ist. Da die Vernunft substanziell zur Natur des Menschen gehört, ist jeder Mensch fähig zu erkennen, was Recht und Unrecht, was gut und böse ist.

Von Platon über Aristoteles, Cicero bis hin zu Thomas von Aquin war es im europäischen Denken allgemeiner Konsens, dass der Mensch als animal rationale eine substanzielle Natur besitzt. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass es das Ziel jedes Staates, jeder Familie und jedes Einzelnen sein muss, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Das Recht muss also an der Gerechtigkeit und das Handeln des Einzelnen an der Tugend orientiert sein.

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