Mit dem Haus nach Südamerika

Überragende Animation, gut ausgearbeitete Charaktere, spannende und ergreifende Handlung: der neue Pixar-Film „Oben“

Ein griesgrämiger, vereinsamter alter Mann, der durch den Einfluss eines naiven, offenherzigen Jungen aus seinem Schneckenhaus herauskommt, stellt geradezu einen Topos in der Literatur und im Film dar, spätestens seit Frances Hodgson Burnetts „Der kleine Lord“ (1886), dessen Verfilmung mit Alec Guinness (1980) jedes Jahr zur Weihnachtszeit deutsche Fernsehzuschauer immer wieder ergreift.

So oder ähnlich ließe sich in einem Satz der Kern des neuen „Pixar“-Filmes „Oben“ zusammenfassen. Die Handlung des nunmehr zehnten Langspielfilmes aus der Animationsschmiede Pixar nimmt sich allerdings durchaus komplexer aus. Denn in „Oben“ erzählen Drehbuchautor Bob Peterson, der bereits das Skript zu „Findet Nemo“ (2003) verfasste, sowie Regisseur Pete Docter, der bei „Toy Story“ (1995) das Drehbuch schrieb und bei „Die Monster AG“ (2001) Regie führte, im Grunde die gesamte Lebensgeschichte des 78-jährigen Carl Fredricksen.

Der Film beginnt im Kino, wo Carl als Kind eine Wochenschau sieht, die von den Reisen des berühmten Abenteurers Charles F. Muntz berichtet. Die schwarzweißen und zweidimensionalen Sequenzen auf der Leinwand kontrastieren mit den dreidimensionalen und bunten Bildern aus dem Zuschauerraum, in dem Carl sitzt.

Diese technische Finesse wird noch übertroffen von der Sequenz, die dann folgt: In einer knapp 10-minütigen schnell geschnittenen, stummen Bilderfolge wird das gesamte Eheleben Carls und Ellies erzählt. Bereits in seiner Kindheit lernt der abenteuerlustige Carl das verwegene Mädchen mit der Zahnlücke kennen, das ihm jede Angst nimmt. Später wird auch Ellie die Bestimmende bleiben. Nach ihrer Ehe wünschen sie sich Kinder, aber der Wunsch bleibt unerfüllt, genauso wie das Fernweh, das sie eint. Sie werden ein ganzes Leben lang für ihren Traum sparen, den Urwald Südamerikas zu erforschen, in dem sich die Spur ihres Idols Charles F. Muntz vor Jahren verlor. Als Carl endlich die Flugkarten in Händen hält, ist Ellie jedoch bereits zu krank, um die Reise anzutreten. Allein dieses berührende Kurzfilm-Juwel, die im Zeitraffer erzählte Liebesgeschichte zwischen Carl und Ellie, lohnt den Kinobesuch. Für „Oben“ ist freilich gerade einmal die Exposition vorbei. Denn das eigentliche Abenteuer beginnt, als Carl bereits Witwer ist und, von der Welt abgeschnitten, von seinen Erinnerungen lebt. Im Laufe der Zeit wurde Carls Holzhaus von Hochhäusern umgeben. Nun soll es abgerissen und Carl in ein Altersheim abgeschoben werden. Da beschließt der 78-Jährige, sein Haus mit Tausenden von Luftballons nach Südamerika, an den Ort seiner Sehnsüchte zu fliegen. Was er jedoch nicht eingeplant hatte: Der Pfadfinderjunge Russell hat sich auf seiner Veranda versteckt. Carl bleibt nichts anderes übrig, als ihn auf seiner Fahrt mitzunehmen. Die zwei ungleichen Charaktere erleben eine Fahrt voller Überraschungen.

Bei jedem neuen Pixar-Film von einem neuen Maßstab in der Animation zu sprechen, gehört schon zum Ritual. Was aber deshalb nicht weniger richtig ist. Als Beispiel seien hier etwa Charles F. Muntz' Hunde herausgegriffen, die in Paradise Falls nach einem bunten Riesenvogel jagen. Sie sind einerseits so fotorealistisch gezeichnet, dass sich der Zuschauer fragt, ob nicht echte Hunde in die Animation hineingeschmuggelt wurden. Andererseits werden sie mit Eigenschaften bestückt, die ihren comicartigen Charakter immer wieder unter Beweis stellen. Nicht einer gewissen Ironie entbehrt es in diesem Zusammenhang, dass der einzige „gute“ Hund Dug so aus der Art schlägt, dass er als Einziger künstlich wirkt.

Aber auch in anderen filmischen Belangen dreht „Oben“ die Schraube eine Windung weiter. Produktionsdesign, Farbkonzept und Kameraführung profitierten von einer bemerkenswerten Leinwandtiefe, sodass sie gegenüber den letzten Pixar-Filmen „Ratatouille“ (2007) und „Wall-E“ (2008) sogar etwas zulegen können.

Trotz dieser inzwischen gewohnten technischen Perfektion steht die Animation nicht im Vordergrund. Wie bei jedem Pixar-Film wird auch in „Oben“ der Handlung und den Charakteren der Vorrang eingeräumt. Bis in die Details liebevoll gezeichnete Figuren und eine Handlung, die sich trotz vieler Überraschungen und komischen Situationen nie zerfasert, drücken tiefgründige Gefühle, universelle Themen von Sehnsucht über Reue und Hoffnung bis zu Liebe aus.

Die Internationalen Filmfestspiele Cannes erkannten auch die filmische Qualität von „Oben“ an. Der zehnte Pixar-Film eröffnete als erster Animationsfilm überhaupt das Filmfestival Cannes 2009.

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24.09.2021, 10 Uhr
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