Mit dem Ersten sieht man besser

Wie unterschiedlich ARD und ZDF den Papst zum Thema machen

Die Finanzkrise ist erschöpfend im doppelten Wortsinn abgehandelt. Aus der Großen Koalition lassen sich derzeit auch kaum sprühende Funken schlagen. Der neue amerikanische Präsident Barack Obama arbeitet sich gerade im Regierungsalltag ein. Und dass Horst Seehofer seit hundert Tagen regiert, ist ohne Gabriele Pauli-Glamoureffekt nicht wirklich spannend. Gut fürs Fernsehen in Deutschland, dass es in diesen Zeiten Papst Benedikt XVI., die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der schismatischen, traditionalistischen Priesterbruderschaft Pius X., den Holocaust-Leugner Richard Williamson in deren Reihen, sowie die Empörung in und außerhalb der katholischen Kirche darüber gibt – Personalisierung, Emotionalisierung und Moralisierung, auf die das Fernsehen als visuelles Medium mehr als Print- und Hörmedien angewiesen ist, sind garantiert. Also macht das Fernsehen den Papst zum großen Thema. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen steigt groß ein. Wie unterschiedlich jedoch dort der Grundauftrag der Information wahrgenommen wird, zeigt ein Vergleich der Info-Flagschiffe im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: dem ZDF Heute Journal vom 2. und 3. Februar sowie den Tagesthemen der ARD vom 3. Februar.

Claus Kleber stellt im ZDF Heute Journal am 2. Februar seine Anmoderation zur Berichterstattung über Benedikt XVI, sofort in den Zusammenhang des Zweiten Vatikanischen Konzils, das ein modernes Bild von Christentum entworfen und selbstverantwortlich denkende Menschen gefordert habe – positiv besetzte Begriffe, die der Moderator auch gleich selbst für sich in Anspruch nimmt. Die Vorgehensweise des Papstes dagegen beschreibt er in indirekter Frageform mit der eher flapsig und pejorativ gebrauchten Redewendung, nämlich ob Benedikt XVI. „von allen guten Geistern verlassen“ sei. Kleber: „Er nimmt vier erzkonservative Geistliche, die unter Papst Johannes Paul II. aus der Kirche ausgeschlossen wurden, wieder auf.“ Was auffällt: Der Journalist Kleber gebraucht hier den Begriff der Wiederaufnahme ungenau. Dass die vier Bischöfe zwar nicht mehr exkommuniziert, aber immer noch suspendiert, und dass die Priesterbruderschaft Pius X. eben nicht in die römisch-katholische Kirche wiederaufgenommen ist, sondern darüber jetzt erst Gespräche erfolgen sollen, erfährt der Zuschauer nicht. Diese undifferenzierte Wortwahl verkürzt Information, die nicht unwesentlich ist für das Verstehen des Ganzen. In diesen Zusammenhang fügt Kleber dann die Ernennung des neuen Linzer Weihbischofs mit den Worten „als der Papst nachlegt“ ein – auch ein Wortfeld, das nicht unbedingt freundlich konnotiert ist und nicht zur Nachrichtensprache gehört –, und verquickt damit beide Vorgänge. Klebers Anmoderation in der Hauptinformationssendung des ZDF endet mit den Worten: „Im Land der Reformation und Massenmordes an Juden mischen sich heute Empörung und Ratlosigkeit, wie Jürgen Erbacher berichtet.“

Der Beitrag von Jürgen Erbacher beginnt damit, dass Benedikt XVI. am 2. Februar „kein Wort“ zu den Kritiken über ihn gesagt habe. Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann kommt sogleich zu Wort: Der Papst solle „unmissverständlich eine Entschuldigung aussprechen“. Dass der Papst dies in der Mittwochs-Audienz vergangener Woche getan hat, bleibt unerwähnt. Erbacher fährt fort: „Es geht um eine grundsätzliche Frage, wohin will Benedikt die Kirche führen? In die Zukunft oder zurück in die Vergangenheit?“ Als „Hauptstreitpunkt“ benennt der Korrespondent das Zweite Vatikanische Konzil und dessen Aussagen zur Religionsfreiheit, zum Dialog der Religionen, der Verantwortung der Laien und der Liturgie. Der Journalist spitzt seine Frage nach der Zukunft der Kirche zu: „Weil Benedikt den Traditionalisten die Hand reicht, befürchten viele Gläubige eine Rückkehr ins Mittelalter“ – dass hier in einem Bericht über den Papst Assoziationen mit dem „finsteren Mittelalter“ geweckt werden können, die keinerlei belegbare Informationen, sondern Stimmung transportieren, scheint dem Autor gleichgültig.

Als Beleg für seine These lässt Erbacher den aus der katholischen Kirche ausgetretenen „weltbekannten“ Theologen Jean-Pierre Wils zu Wort kommen – an welche Kriterien sich diese Weltbekanntheit bemisst, mit der zusätzliches Gewicht der Aussage suggeriert wird, sagt Erbacher nicht. Zur Frage nach der möglichen Rückwärtsgewandtheit des Papstes, der rote Faden des Erbacher-Beitrage, wird jedoch kein Theologe gefragt, der dieser These widerspricht. Zwar interviewt Kleber im Anschluss an den Bericht den Münchner Erzbischof Reinhard Marx mit unbequemen Fragen. Aber genau diese Frage nach dem Kurs der Kirche und der vermeintlichen Rückwärtsgewandtheit spart er dabei aus. Die tragende Frage des Abends bleibt als insinuierte Tatsache im Raum stehen. Auch in der Berichterstattung am 3. Februar im ZDF Heute Journal bleibt der Fokus auf dem künftigen Kurs der Kirche – die tatsächliche Aufklärung in theologischer, kirchenrechtlicher und politischer Ausdifferenzierung der Abläufe im Vatikan, die die Berichterstattung ausgelöst haben, tritt vollends in den Hintergrund. Im ZDF-Bericht aus Rom an diesem Tag kommt kein offizieller Sprecher des Vatikans, der angegriffen ist, zu Wort. Das Interview zum Thema an diesem Tag führt Kleber mit dem Papstkritiker Hans Küng, dem er freundlich Stichworte liefert, um gemeinsam mit dem Tübinger Theologen das Thema eine Umdrehung weiter zu drehen: Jetzt steht die Anerkennung der geschichtlichen Leistung des Pontifikates Papst Benedikt XVI. überhaupt zur Disposition.

Die ARD reagieren mit ihren „Tagesthemen“ auf die Vorgänge anders als das ZDF. Beispiel dafür ist der Beitrag aus dem Vatikan von Korrespondent Michael Mandlik am 3. Februar: Er berichtet über die Reaktion des Vatikan auf die Forderung der Bundeskanzlerin Angela Merkel an den Papst nach Klarstellung. Er schildert, dass in Italien die Vorgänge weit weniger dramatisch gesehen werden als in Deutschland. Danach weist Gemmingen im ARD-Bericht darauf hin, dass die vier nicht mehr exkommunizierten Bischöfe immer noch suspendiert und auch die Traditionalisten noch nicht in die Kirche wieder aufgenommen seien. Mandlik interviewt Pater Federico Lombardi, Pressesprecher des Vatikans, zu den Vorgängen. Dieser erklärt die Reaktion des Vatikans auf die Forderung der deutschen Bundeskanzlerin. Danach schneidet der Korrespondent Ausschnitte aus der vergangenen Mittwochs-Audienz des Papstes in den Beitrag, in denen dieser sich ausdrücklich von jeder Holocaust-Leugnung distanziert hatte. Und Mandlik erklärt, dass der Vatikan die Priesterbruderschaft Pius X. eindeutig aufgefordert hat, alle Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils anzuerkennen – alles Informationen, die der Zuschauer so nicht beim ZDF erhält. Schließlich greift die ARD auf die Trennung von Bericht und Kommentar als Grundlage des Journalismus zurück – nach dem Korrespondentenbericht kommentiert Bernhard Wabnitz vom BR. Der Zuschauer konnte so Nachricht und Meinung klar unterscheiden.

Fazit: Wer sich über die Vorgänge im Vatikan sachlich informieren wollte, um sich ein Urteil zu bilden, sah mit dem Ersten besser. Das Erste arbeitete nachrichtlich, das Zweite feuilletonistisch.

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