Mit aller Virtuosität gegen die Anti-Dramatik

Die Schauspielerin Dagmar Manzel beschert uns „Glückliche Tage“ – Ein Drama von Samuel Beckett am Deutschen Theater Berlin. Von Patrick Wagner
Dagmar Manzel als Winnie.
Foto: Arno Declair | Am Ende bleiben die Erinnerungen: Dagmar Manzel als Winnie.

Da sitzt sie nun in ihrer Strickjacke, auf einem schwarzen Stuhl mitten auf der großen Bühne, in gleißendem Licht vor einer schwarzglänzenden Spiegelwand und begrüßt jeden Tag mit einem Zwangsoptimismus, dass einem beim Zusehen bald mulmig wird: „Das wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein.“ Grund hat die etwa 50-jährige Winnie dazu freilich nicht, ist sie doch in einer Art Endzeit-Einöde gefangen, zusammen mit ihrem Mann Willie, der sich durch die Fragen seiner Frau nicht von der Zeitungslektüre ablenken lässt, womit die Rede der Gattin quasi zum Monolog wird. Jede Alltagshandlung kommentiert sie, jeder Gegenstand, den sie aus ihrer Handtasche kramt, sei es eine Zahnbürste oder ein Revolver, löst die nächste Reflexionsschleife aus, und wenn der Gatte mal wieder nicht auf Ansprache reagiert, driftet Winnie in Erinnerungen ab: der erste Kuss, ihre Puppe Dolly, die letzten Menschen, die in dieser Wildnis vorbeikamen.

Auf diesem hauchdünnen inhaltlichen Gerüst ist der Abend gebaut, der seit April im Deutschen Theater Berlin zu sehen ist. Dass praktisch nichts auf der Bühne geschieht, nimmt nicht wunder, schließlich wird Samuel Beckett gespielt, bei dessen Dramatik Handlungslosigkeit als Motor fungiert, gewissermaßen ein Anti-Theater im Theater, das die Gespanntheit des Zuschauers ausbremst und seine Neugier schrittweise zum Erliegen bringt. Dafür gab es 1969 den Nobelpreis, heute kann man sich nur darüber wundern, vor allem wenn man es mit anderen Dramen des absurden Theaters der 50er und 60er Jahre vergleicht: Wie viel weiter war beispielsweise Eugene Ionesco, der 1952 in „Die Stühle“ auch ein einsames Ehepaar in einer Einöde ins Zentrum stellt, das aber miteinander in Dialog tritt und ein Fest organisiert, auf dem der Ehemann die Summe seiner Lebenserfahrung verkünden möchte – man ahnt bald, dass er nichts sagen wird. Pointen dieser Art gaben dem absurden Theater seinen Namen, weil sie auf die Absurdität des Lebens an sich verweisen, und gleichzeitig Anlass für eine humoristische Aufwertung geben, die dem Drama Unterhaltungswert verschafft. Davon ist Beckett, dessen „Glückliche Tage“ erst 1960 uraufgeführt wurde, meilenweit entfernt.

Dennoch genießt sein Drama Klassikerstatus, ist von Generationen von Literaturwissenschaftlern interpretiert und von unzähligen Regisseuren weltweit über Jahrzehnte inszeniert worden. Winnies Wortkaskaden wurden als ein Hinauszögern des ewigen Schweigens gesehen, eine Versicherung ihrer Lebendigkeit durch die Sprache, die sandige Landschaft als Andeutung des Grabes und die Annäherung von Willie am Schluss als ein letztes vergebliches Aufflammen von Leidenschaft am Ende eines Ehelebens. Mögen diese Deutungen auch den Intentionen Becketts nahekommen, so machen sie sein Stück nicht bühnentauglicher. Wie kann man es also schaffen, aus einem derart schalen Text einen lohnenden Theaterabend zu gestalten?

Der Schlüssel dazu ist die Besetzung der Hauptfigur. Sie allein trägt die Last auf ihren Schultern, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erhalten. Am Deutschen Theater hat man sich für die beste aller möglichen Besetzungen entschieden und die Rolle Dagmar Manzel anvertraut. Und es ist schon ein wahres Vergnügen, dabei zuzusehen, wie sie ihrer Winnie Leben einhaucht, sich die Figur Satz um Satz, Geste um Geste, Blick um Blick erspielt und in ein stimmiges Ganzes verwandelt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ihr Handlungsradius extrem eingeschränkt ist: Bei Beckett steckt Winnie im ersten Teil des Stücks bis zur Hüfte in einem Erdhügel, im zweiten Teil sogar bis zum Hals. Regisseur Christian Schwochow setzt das hier mit weniger Aufwand um, indem Manzel zuerst fest auf einem Stuhl sitzt, später zusätzlich bis zum Hals in eine graue Wolldecke gehüllt ist. Der Effekt der Einschränkung ihrer Mittel ist aber der gleiche – und er kann der Manzel absolut nichts anhaben, denn ihr größtes Potenzial ist ihre Stimme. Sei es die Naivität, mit der sie ihre „glücklichen“ Tage besingt, oder die zig verschiedenen Arten, ein „Juhu!“ dahinzuflöten, um sich der Aufmerksamkeit ihres Mannes zu versichern – hier zeigt eine echte Theaterkönnerin ihr fulminantes Talent und füllt ihre Rolle bis in die Fingerspitzen aus.

Kurz gesagt: Wie Dagmar Manzel mit all ihrer Virtuosität unter Ziehung sämtlicher Register gegen die Beckettsche Anti-Dramatik anspielt, ist schlicht bravourös, zum Niederknien, eine Sensation. Dass sie dafür vor wenigen Wochen mit dem Goldenen Vorhang des Berliner Theaterclubs ausgezeichnet wurde, ist eine hoch verdiente Ehre. Und wie schön, dass sie trotz intensiver Zuwendung zum Musiktheater in den letzten Jahren an der Komischen Oper Berlin hier wieder im Sprechtheater agiert, ihrer eigentlichen Heimat, an dem Haus, das sie groß gemacht hat, an dem sie bis 2001 fest engagiert war und einen Triumph nach dem anderen feierte. Freunde großer Schauspielkunst kamen und kommen bei ihr immer auf ihre Kosten, und deswegen lohnt sich allein für sie der Besuch dieser Produktion.

Dafür tritt die Regie beinahe vollends in den Hintergrund. Sie beschränkt sich größtenteils darauf, Manzel einen roten Teppich auszurollen. Was sonst sollte ein Regisseur bei einem solchen Drama auch tun, könnte man fragen. Darauf gibt es nur eine Antwort, sofern man das Wohl des Publikums im Blick hat: Der Regisseur muss eine Fülle von Ideen auffahren, um die Fülle von Leerstellen zu schließen, mit denen Beckett uns allein lässt. Das kann beispielsweise so geschehen, wie bei der Inszenierung von Becketts „Endspiel“ von Regie-Veteran Robert Wilson am Berliner Ensemble vor etwa einem Jahr. Nicht nur, dass er die Protagonisten Hamm und Clov in einem für seinen Stil typischen, ostentativ farbenfrohen Bühnenbild platziert und Hamm in einen überdimensional großen Rollstuhl setzt, er lässt auch Clov von immer derselben klimpernden Musik begleitet auftreten, wobei dieser stets auf dieselbe clowneske Art hereingelaufen kommt, was von seiner Dienerrolle kündet, noch bevor er ein Wort gesagt hat.

Die Ritualisierung des einförmigen Endzeit-Alltags übersetzt Wilson in eine Spieldosen-Ästhetik, die neben dem Text eine durchdachte Choreographie, etwas Akrobatik und Pantomime sowie Licht- und Geräuscheffekte umfasst. Damit zieht er dem Drama eine zusätzliche performative Ebene ein, die es braucht, um beim Zuschauer anzukommen. Das Ergebnis ist eine stimmige Produktion, die nicht nur die Rätselhaftigkeit des Stücks spürbar macht, sondern dabei auch bestens unterhält und sich verdientermaßen bis heute auf dem Spielplan des BE halten konnte.

Schwochow hingegen lässt seine Heldin allein. Und wenn sie nicht Dagmar Manzel hieße, würde wohl auch der Schlussapplaus nicht so begeistert ausfallen. Dank ihr wird die nächste Vorstellung wieder ein glücklicher Theaterabend gewesen sein.

Nächste Vorstellungen am 19.11. um 19.30 Uhr und am 20.12. um 20 Uhr.

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