Mit allen Nöten und Sorgen bei Gott sein

Die Schubertmesse ist ein Klassiker des Meisters der Liedkunst: Franz Schuberts „Gesänge zur Feier des heiligen Opfers der Messe“ Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Franz Schubert, Aquarell von 1825.
Foto: IN | Franz Schubert, Aquarell von 1825.

Von aufgeklärten Kirchenmusikern und Theologen streng verachtet, führten die „Gesänge zur Feier des heiligen Opfers der Messe“, Deutsch-Verzeichnis 872 des Komponisten Franz Schubert, lange Jahre ein Schattendasein in der Liturgie. Als die Autorin dieses Beitrags in den 1980er Jahren Kirchenmusik studierte, galt es als trendiger, ebenso revolutionärer wie pädagogischer Akt, das Spielen dieser Messe strikt zu verweigern, was den aufgeklärten Studierenden insofern zumeist leichtfiel, als die Messe im Gotteslob von 1975 allenfalls in süddeutschen Diözesananhängen abgedruckt worden war. Der Grund für die Ablehnung der volkstümlichen Gesänge liegt auf der Hand. Betrachtet man sie unter der Maßgabe, sie nicht zur, sondern als Liturgie zu singen, ist zumindest das in seiner Entstehungszeit „zum“ Agnus Dei gesungene „Mein Heiland, Herr und Meister“ nicht mehr liturgiegerecht, bei konsequentem Bestehen auf der korrekten und vollständigen Wiedergabe des liturgischen Textes gilt dies selbstverständlich auch für die beiden anderen für das Ordinarium Missae komponierten Lieder „Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Heilig, Heilig, Heilig! Heilig ist der Herr“. Das für den Vollzug nach der Elevation vorgesehene „Betrachtend Deine Huld und Güte“, wurde mit Hinweis auf das Entfallen dieses Gesanges nach der Liturgiereform entfernt und für die übrigen „Schubertlieder“ galt das schlagende Argument „so etwas singen wir hier nicht“.

Aber irgendwie ist es mit der Schubertmesse wohl genauso wie mit dem Rosenkranz und anderen volksfrommen Gebeten und Liedern. Ungeachtet jahrzehntelanger pädagogischer Bemühungen beten und singen die Menschen sie einfach weiter und verlangen sogar danach, sie in ihren geistlichen Hausbüchern, sprich dem Gotteslob, vorzufinden. Umfragen in einzelnen Bistümern, die nach den Top- und den Flop-Ten des Gesangbuches fragten, sprechen hier eine geradezu überdeutliche Sprache: Die unter Kirchenmusikern gern sogenannten „Kühlschranklieder“, deren dezidierte Nüchternheit den Forderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils so perfekt zu entsprechen schien, landeten einträchtig auf den letzten Plätzen, während in jenen Bistümern, in denen die im Volksmund Schubertmesse genannten Gesänge im Diözesananhang überwintert hatten, diese durchweg Spitzenwerte erzielten und dort, wo man sie von Handzetteln oder auswendig singen musste, mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit auf die Wunschliste gesetzt wurden.

Sie spiegelten eine emotionale Befindlichkeit, die man in einer wortlastigen und moderationsfreudigen Liturgie vergeblich hatte totreden wollen: die Sehnsucht des Menschen nach dem lebendigen Gott. „Ich suche ihn, den meine Seele liebt“, könnte man das Motiv derjenigen, die die Aufnahme der Deutschen Messe in das Gotteslob von 2013 forderten, prägnant zusammenfassen.

Warum diese Wiederaufnahme zumindest der beiden bekanntesten und beliebtesten Gesänge in den Stammteil und vieler weiterer in Diözesananhänge sinnvoll und sogar notwendig war, kann ein Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses Werkes zeigen. Franz Schubert komponierte seine berühmt gewordene Messe im Jahr 1826 im Auftrag Johann Philip Neumanns, eines österreichischen Physikers, Bibliothekars und Poeten. Von ihm stammen die Texte der Gesänge, die Neumann in seiner Sammlung „Geistliche Lieder für das heilige Messopfer“ ediert hatte. Die Dichtungen sind in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen bieten sie, für die Zeit innovativ, deutschsprachiges Liedgut an, das nicht nur zum Eingang, während der Gabenbereitung, nach der Elevation und als Schlussgesang, sondern auch „zum“ Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei gesungen werden kann. Die liturgische Funktion dieser Gesänge ist diejenige einer Messandacht. Beim Singen werden die Menschen eingeladen, im Bewusstsein des gerade vom Priester vollzogenen Messopfers, dessen Gebete und Gesänge er selbstverständlich vollständig und korrekt rezitiert, vor Gott mit ihren Nöten und Sorgen präsent zu sein. Diesen Sorgen und Nöten, dem Suchen und Fragen, Hoffen und Sehnen wird in den Texten der Schubertmesse Ausdruck verliehen. Die Gemeinde wurde durch diese Texte sprachfähig gemacht und partizipierte auf die ihr mögliche Weise an der Liturgie. Wie groß das Bedürfnis nach dieser Form der Partizipatio actuosa war, wird daran deutlich, dass die Gemeinden sich das Recht, diese, ihre Messe zu singen, geradezu eroberten. Denn ursprünglich war die heute nach ihrem Schöpfer schlicht Schubertmesse genannte Kompositionen für vierstimmigen gemischten Chor und Orgelbegleitung konzipiert. Schubert selbst bearbeitete sein Werk zudem für den Einsatz mit Bläsern (zwei Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner und Trompeten, drei Posaunen, Pauken und einen Kontrabass). Franz Schuberts Bruder Ferdinand versorgte den Markt der Knaben- und Männerchore durch seine Bearbeitung für dreistimmigen Knabenchor und Orgel sowie für vierstimmigen Männerchor a capella. Doch insgesamt sind die Bearbeitungen so unzählig, dass eine Auflistung sinnlos erscheint. Da jedermann und jede Frau diese Messe singen wollten, gibt es Fassungen für nahezu jede denkbare Aufführungssituation und Besetzung. Dass die Messe sich allenthalben so schnell durchgesetzt hat, liegt an ihrer kunstvollen Schlichtheit. Franz Schubert ist nicht umsonst ein Meister der Liedkunst, die sich mit seinem Namen gewissermaßen zu einer eigenen Gattung, dem Schubertlied, verdichtet. Eingängigkeit, schrittweise Tonfortschreitung, gleichmäßige Rhythmik und schlichter homophoner Satz kennzeichnen seine Messe, für die der Komponist sich das Deutsche Hochamt seines geschätzten Kollegen Michael Haydn zum Vorbild genommen hatte. Für die Menschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert war die Schubertmesse so etwas wie das Neue Gotteslob ihrer Zeit und sie ist, wie ihre Wiederaufnahme ins Gotteslob zeigt, ein Klassiker geblieben.

Bleibt die Frage, wie man mit den Gesängen in der Liturgie umgehen sollte. Die Kommission, die das Gotteslob zusammenstellte, hat sich aus guten Gründen dafür entschieden, das „Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe“ und das „Heilig“ nicht unter die Ordinariumsgesänge einzuordnen, denn sie geben den Text des Gloria und Sanctus nicht vollständig wieder. Allerdings hält dies in der Praxis niemanden davon ab, sie „zum“ Gloria und Sanctus zu singen. An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs zur gebeugten Präposition, dem „zum“, gewagt. Sie gehört zu den wenigen offenbar unausrottbaren Teilen unserer Sprache, denn ungeachtet aller berechtigten Aufklärungsversuche durch liturgiebewusste Kirchenmusiker und Priester, hält sich die Redewendung „Zum Gloria singen wir heute die Nummer XX“. Nein, das tun wir nicht. Denn tatsächlich würde das Gloria dann zumindest in Messfeiern jenseits des usus antiquior nicht mehr vorkommen, denn niemand ist da, der es betet, während die Gemeinde „dazu“ singt. Und weil man „zur“ Nationalhymne auf keinen Fall „Kein schöner Land in dieser Zeit“ singen kann, kann man als Gloria, Credo oder Sanctus streng genommen auch nur Vertonungen singen, die deren Texte vollständig enthalten. Aber, wie der heilige Benedikt von seinen Mönchen hinsichtlich anderer Gewohnheiten schon richtig anmerkte: Das ist den Gemeinden heutzutage nicht vermittelbar. Gut möglich, dass es daran liegt, dass Brautleute heute damit durchkommen, eine CD mit dem Titelsong von Startrack oder Chasing Car Piano, also ein Autorennen auf dem Klavier, während der Liturgie abzuspielen, weil man im Bereich der Musik doch gern mal kompromissbereit ist. Auswege aus diesem Dilemma sind mehrere denkbar. Zum einen ist es angesichts des sinkenden Liturgiebewusstseins leicht möglich, die beliebten Lieder an anderen als an Ordinariumsstellen zu platzieren. Wer „Lasst uns miteinander“ „zum“ Gloria singt, sollte mit Schuberts „Heilig“ zur Gabenbereitung kein Problem haben. Zum anderen ist zu überlegen, ob es dem liturgischen Bewusstsein des Volkes Gottes nicht dienlich wäre, wenn wenigstens die Priester wieder die kompletten Ordinariumstexte durch tägliche Praxis inwendig beherrschen würden.

Nachhören kann man die Schubertmesse auf der CD Schubert: Complete Masses, erschienen beim Label Brilliant Classics.

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