Mission im Netz

Blogger verkünden den Glauben im Internet. Das kann sogar zur Konversion führen. Von Claudia Sperlich
Kreuz auf Computertastatur
Foto: dpa | Über Blogs lassen sich auch suchende oder zweifelnde Menschen erreichen, meint Barbara Offermann, Dominikanerin von Bethanien.

Blogs, also Internetauftritte in der Art öffentlicher Tagebücher, gibt es seit den frühen 90er Jahren. Seit über zwanzig Jahren wird der katholische Glaube auf zahlreichen Blogs von allen Seiten beleuchtet.

Mit der Einführung von facebook und twitter wandelte sich die Bedeutung der Blogs; die Blogoezese (zuerst Spott-, dann ironischer Eigenname der deutschsprachigen katholischen Bloggerszene) wurde totgesagt. Einige Blogs werden nicht mehr oder kaum noch betrieben. Die bloggerliste.blogspot.de – ein Verzeichnis katholischer Blogs und Internetseiten – zeigt jedoch immer noch vor Minuten und Stunden entstandene Artikel zahlreicher Blogs, auch wenn seit Monaten keine neuen Blogs hinzugekommen sind.

Die Verlinkung von Blogartikeln auf facebook und twitter sorgt für Reichweite, jedoch haben sich Diskussionen zum großen Teil von den Kommentarfunktionen der Blogs auf facebook und twitter verlagert, wo sie kürzer und unsachlicher sind. Bloglisten und Leseempfehlungen geben Lesern die Möglichkeit, in neue Gebiete und Denkmuster vorzudringen – etwa von der geduldigen Erklärung der Texte des Aquinaten über moderne Sakralkunst zu einer Empfehlung des Stundengebets, von konträren Meinungen über erwünschte oder befürchtete Änderungen in der Kirche über eine gelassene Toleranz zu der Erkenntnis, dass Katholizismus keine Kleinstadt ist, sondern eine Welt.

Wer als Katholik bloggt, ist missionarisch tätig. Das ergibt sich von selbst, wenn man öffentlich über das schreibt, was man als Wahrheit erkannt hat. Ob diese Missionstätigkeit darin besteht, das Evangelium vom Tag zu kommentieren oder in Bildern und Literatur die Schönheit des katholischen Glaubens vorzustellen, Familien und Kindern den Rücken zu stärken, Bücher und Filme aus katholischer Sicht zu rezensieren, katholische Philosophie zu treiben, über Kirchengeschichte oder Weltgeschehen zu schreiben, ist dabei nicht das Wesentliche. Wesentlich ist die Begeisterung für Jesus Christus und den facettenreichen katholischen Glauben.

Missionstätigkeit schließt nicht aus, auch über etwas anderes als das Christentum zu bloggen – über Keksrezepte, Politik, Sport und andere weltbewegende Dinge. Dabei wird deutlich, dass der katholische (allumfassende) Blick auf die Welt auch das Schreiben über weltliche Themen prägt. Wer die katholische Kirche ernst nimmt, kann nicht jede beliebige politische Position einnehmen, nicht alle Usancen im Sport gutheißen und am Karfreitag keine Keksrezepte posten.

Meine Bilder von Eichhörnchen haben schon einen Neuheiden auf meinen Blog gelockt – und obwohl er sich sehr abfällig über das Christentum äußerte und nur die Eichhörnchen gut fand, kam er nicht umhin, Katholizismus wahrzunehmen. Irgendetwas wird hängen bleiben, und wenn es nur ist, dass er mit einer Katholikin die Vorliebe für Eichhörnchen teilt und diese Frau keine Abfälligkeiten über ihre Religion duldet.

Aufgabe der Mission ist zunächst Information: Was ist das Christentum überhaupt? Was sind besondere Anliegen des Christentums? Was gibt es für Riten, Feste, Gebete, Bräuche? Welche Denker, Künstler, Wissenschaftler schöpfen ihre Kraft aus dem Christentum? Was machen Christen so den Tag lang? Und zu jedem Was gehört auch ein Warum. Mission muss erklären. Dann wendet Mission sich nicht nur an Nichtchristen und Nichtkatholiken, sondern auch an ringende und zweifelnde, verängstigte und irrende Glaubensgeschwister. Mission besteht auch darin, zu sagen: All das Ringen, Zweifeln, Angst haben und Irren kenne ich aus eigener Erfahrung. Jesus Christus kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Er ist der Anker; mit Ihm kann ich leben. Die Kirche ist meine Heimat; in ihr bin ich geborgen.

Ein mir wichtiger Punkt ist das Fünfte Gebot, besonders in Bezug auf Ungeborene und Alte. Die Diskussion wird immer schärfer; das holländische Modell der „Sterbehilfe“ (der Euthanasie an sehr jungen, schwerbehinderten und sehr alten Menschen) gewinnt nicht nur in Deutschland immer mehr Freunde. Ich schreibe gelegentlich zum Thema Lebensschutz – wie viele andere christliche Blogger auch. Diese Artikel führen zu den längsten Diskussionen und den häufigsten Unsachlichkeiten und Beleidigungen durch kirchenferne Kommentatoren. Die sachliche Aussage, dass ein Mensch ab Zeugung Mensch ist, nicht erst irgendwann später, wird gern als fundamentalistisch und fanatisch bezeichnet (leider sogar von Menschen, die sich als Christen verstehen). Es hat gegenüber einem Blogoezesanen schon Morddrohungen gegeben. So unangenehm solche Reaktionen sind, zeigen sie mir, wie wichtig Mission ist. Hier fühle ich mich zuweilen als Kämpfer auf verlorenem Posten – bis ich wahrnehme, wie auch die Lebensrechtsbewegung wächst. Die meisten Lebensrechtler sind Christen; ein unbedingtes Recht auf Leben jedes Menschen und ein unbedingtes Verbot, Unschuldige zu töten, wohnt dem Christentum inne. Ich bin Dichterin, auch das prägt meinen Blog. Ich dichte, um Gott zu preisen. Damit bekehre ich keinen Ungläubigen, aber ich weiß, dass manche Christen sich daran freuen und einige einen ungewohnten Blick auf die Heilige Schrift und die Kirche wagen. Das gilt, auch wenn ich als Dichterin nicht vorrangig die Mission im Sinn habe (und als Bloggerin auch für meine Bücher werbe).

Wer viele Leser erreichen möchte, muss viele Blogs besuchen und dort möglichst kommentieren. Meine Reichweite bleibt überschaubar, da ich mir nur wenig Zeit dazu nehme. Bei einigen Bloggern bin ich Stammleser, bei anderen schaue ich gelegentlich vorbei. Meist ist das ein Gewinn, manchmal habe ich Fragen, manchmal spornt ein Blogartikel mich zu einem erwidernden Artikel an – auch das ist der Mission dienlich, wenn eine öffentliche Diskussion in christlicher Verbundenheit stattfindet. Mein Glaube hat sich in den letzten Jahren gewandelt, ist, wie ich hoffe, reifer geworden. Die missionarische Tätigkeit von mindestens zwei Bloggern ist daran mitbeteiligt. Das schönste Echo auf mein Blog war die Mail einer Leserin, die durch diese Lektüre zur katholischen Kirche zurückgefunden hatte.

 

 

Hintergrund

Der Blog „Theopop“ hat ein Ranking der reichweitenstärksten christlichen Blogs vorgenommen. Das von Theologen betriebene katholische Portal „feinschwarz.net“ war demnach 2017 die Nummer eins. An zweiter Stelle der Rangliste steht die Seite „Theoleaks“, die aktuelle christliche Themen satirisch aufarbeitet. Den dritten Platz belegt die Seite „GekreuzSiegt“ mit persönlichen Artikeln zu Fragen des christlichen Lebens. Es folgen der Blog „Jobo72“ des katholischen Publizisten Josef Bordat, die konservativ-katholische Seite „The Cathwalk“ und der liberal-evangelische Blog „kreuz und queer“, der sich hauptsächlich mit Gender-Themen befasst. DT

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