Missbrauch: „Kirche hätte auf Differenzierung pochen müssen“

Herr Professor Kepplinger, schon 1999 hatte der Journalist Jörg Schindler in der „Frankfurter Rundschau“ über sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule berichtet. Damals blieb der Bericht weitgehend ohne mediale Resonanz, die Hamburger liberale Wochenzeitung „Die Zeit“, der die Vorwürfe parallel zur „Frankfurter Rundschau“ zugetragen worden waren, entschied beispielsweise, über die Angelegenheit überhaupt nicht zu berichten. Warum führte der gleiche thematische Gegenstand damals nicht zu einer Berichterstattung und heute wird ausführlich über die Odenwaldschule berichtet?

Versuche, Missstände anzuprangern, verlaufen in ungefähr 90 Prozent aller Fälle im Sande, sie haben keine Resonanz. Nur wenige dieser Versuche werden tatsächlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen, und zwar dann, wenn andere Journalisten auf dieses Thema einsteigen. Es ist zunächst einmal gar nichts Ungewöhnliches, dass dieser Beitrag in der „Frankfurter Rundschau“ damals keine Beachtung gefunden hat. Wenn man weiterfragt, warum es jetzt Beachtung findet, muss man sagen: Weil das Thema jetzt durch die Vorwürfe gegen die katholische Kirche etabliert ist und man deshalb an den damaligen Missbrauchsfällen in der Odenwaldschule nicht mehr vorbei kann.

Bietet sich also die katholische Kirche in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft besser an für eine Skandalberichterstattung als eine Reformschule?

Das ist ein ganz ungleiches Verhältnis. Auf der einen Seite die Odenwaldschule. Sie ist ein Symbol für die Reformpädagogik und wird getragen vom Establishment im linksliberalen Lager. Das sind Bürger mit hohem Status, die in der Gesellschaft und auch in den Medien gut vernetzt sind. Ein bekanntes Beispiel ist die Journalistin Amelie Fried. Auf der anderen Seite steht die katholische Kirche, die in der öffentlichen Wahrnehmung eher die Tradition oder das Rückwärtsgewandte repräsentiert und bei weitem nicht so gut in den Medien vernetzt ist.

Wie hat sich insgesamt in der Geschichte der Bundesrepublik die Funktion der Skandalberichterstattung der Medien verändert? Man kann hier ja durchaus verschiedene Funktionen wie Aufklärung, Emotionalisierung, Moralisierung und so weiter unterscheiden.

Allgemein – losgelöst von der derzeitigen Debatte – hat die Zahl der Skandalisierungen dramatisch zugenommen und sich das Themenspektrum ausgeweitet. Ursprünglich gab es in den fünfziger und sechziger Jahren im Wesentlichen politische Skandale. Inzwischen hat die Skandalberichterstattung zum Beispiel die gesamte Umweltthematik erfasst und erreicht jetzt auch die Religionen. Denken Sie nur an den Skandal um die Mohammed-Karikaturen. Hier kann man schon von größeren Trends sprechen. Die Funktionen der Skandalberichterstattung haben sich nicht geändert, wohl aber ihre Ursachen. Früher war die Skandalisierung nicht unbedingt ein Mittel im Wettbewerb zwischen den Medien, heute ist sie das durchaus. Getrieben von der Notwendigkeit, mit massiven Angriffen möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen, um die Publikationen am Kiosk zu verkaufen und die Zuschauer am Fernseher zu gewinnen, werden immer häufiger auch weniger bedeutsame Dinge groß aufgemacht.

Sind bei der derzeitigen medialen Berichterstattung über die aktuellen Missbrauchsfälle nicht die klassischen professionellen journalistischen Kriterien wie zum Beispiel die, dass immer die Gegenseite bei Vorwürfen zu hören ist, dass sich der Journalist vor Vorverurteilung hüten und zum Gegenstand der Berichterstattung Distanz halten soll, der Trennung von Nachricht und Kommentar, der Gewichtung und Einordnung der verifizierten Fakten in weitere gesellschaftliche und historische Zusammenhänge, der sachlichen Genauigkeit et cetera nicht zugunsten der Skandalisierung aus dem Blick geraten? Ersetzt hier nicht zu schnell die Moral den Journalismus?

Zunächst ist das für Skandale typisch. Ein Skandal ist dadurch gekennzeichnet, dass alle zu wissen glauben, was geschehen ist, und dass das moralische Urteil schon feststeht. Das unterscheidet den Skandal von einem publizistischen Konflikt, wo es verschiedene Lager gibt: die einen sagen Ja, die anderen Nein. Ein typisches Beispiel für solche Konflikte sind die Auseinandersetzungen um die Rolle, die der spätere brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) zuvor in der DDR gespielt hat. Hier gab es im Grunde zwei Lager: Die einen haben ihn verteidigt und die anderen haben ihn gerechtfertigt. Das ist im Skandal nicht so. Im Skandal um Lothar Späth, um ein Beispiel aus der gleichen Zeit zu nennen, waren alle der Meinung, dass er gravierende, moralisch anstößige Fehler gemacht hat, dass er weg muss. Das ist im Skandal immer so, aktuell nicht nur mit Blick auf die katholische Kirche. Das ist nichts Kirchenspezifisches.

„Ein Teil der Kritik wie auch ein Teil dieses ganzen Skandals zielt natürlich auf Papst Benedikt XVI.. Er war in Deutschland von Anfang an in weiten Bereichen nicht beliebt, weil er als Repräsentant einer eher konservativen Haltung wahrgenommen wurde“

Es gibt Kirchenvertreter, die bezeichnen Teile der Berichterstattung über die Missbrauchsfälle als Medienkampagne gegen die Kirche. Was sagen Sie als Medienwissenschaftler zu dieser Einschätzung? Gibt es Kriterien, mit denen sich hier Kampagne von Nicht-Kampagne trennen lässt?

Typisch für eine Medienkampagne ist, dass die Intensität der Berichterstattung und das Ausmaß der Anprangerung über das sachlich angemessene Maß hinausgehen. Ein Zweites muss aber hinzukommen: Es muss intentional geschehen, jemand muss das in der Absicht betreiben, andere zu schädigen, in diesem Fall also den Papst oder die katholische Kirche insgesamt. Diese beiden Dinge, also das Unverhältnismäßige in der Darstellung und die Absicht, die dahintersteht, müssen zusammenkommen. Meines Erachtens ist dieser Skandal nicht so zu erklären. Diese ganze Entwicklung der Berichterstattung folgt vielmehr dem typischen Muster eines Skandals. Es ist ganz egal, ob Sie die Anprangerung der Kernkraft im Fall Krümel nehmen, oder BSE oder SARS: Diese Prozesse sind nicht getrieben von der Absicht der Journalisten oder anderen Leuten, jemand zu schädigen. Sie sind getrieben von der Eigendynamik der Medien und den Eigeninteressen, die einzelne Journalisten und Medien haben. Hinzu kommt die Überzeugung, man wisse alles ganz genau, man sei moralisch eindeutig im Recht, der Kritisierte eindeutig im Unrecht. Bei der Berichterstattung über die Missbrauchsfälle handelt es sich nach meinem Eindruck um einen Prozess, der von dieser Eigendynamik getrieben wird, was eine Schädigungsabsicht im Einzelfall nicht ausschließt. Aber das ist nicht der Kern der Problematik. Deshalb kann man nicht sagen, das ist eine Kampagne gegen die katholische Kirche.

Gleichwohl haben hier einzelne Medien ja auch versucht, Papst Benedikt XVI. mit den Fällen sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester und Ordensangehörige in Deutschland in Verbindung zu bringen. Diese Berichterstattung verband sich dann mit der kritischen journalistischen Begleitung des fünfjährigen Jubiläums seines Pontifikates. Eingestiegen sind darauf auch internationale Medien bis zur „New York Times“. Wird hier die Berichterstattung über den Missbrauch nicht instrumentalisiert für einen umfassenderen Konflikt, der dahinter steht: Ein weltanschaulicher Kampf des säkularen Westens, der das Denken von Papst Benedikt XVI. als Eingriff in die eigene Autonomie empfindet und abwehrt, mit Benedikt XVI., der umgekehrt nicht zulassen will, dass die Kirche im Westen weiter säkularisiert?

Ein Teil der Kritik wie auch ein Teil dieses ganzen Skandals zielt natürlich auf Papst Benedikt XVI.. Er war in Deutschland von Anfang an in weiten Bereichen nicht beliebt, weil er als Repräsentant einer eher konservativen Haltung wahrgenommen wurde und weil in Teilen der deutschen Bevölkerung die Vorstellung vorherrscht, dass uns als schuldiges Volk ein solches Amt nicht zusteht. Die Freude hat sich auf bestimmte Bereiche beschränkt, was man auch daran erkennen kann, dass der BILD-Titel „Wir sind Papst“ keineswegs überall Zustimmung gefunden hat. Das muss man schon im Zusammenhang damit sehen.

Wenn also Skandalberichterstattung von Moralisierung lebt und vom Wettbewerb der Medien getrieben ist – muss dann in der aktuellen Missbrauchsdebatte die katholische Kirche in ihrer eigenen Öffentlichkeits- und Medienarbeit dagegen nicht eigene Aufklärung setzen, indem sie selbst, ihre Öffentlichkeitsarbeiter und katholische Journalisten die Kriterien klassischer professioneller journalistischer Arbeit beachten und von anderen einfordern?

Im Skandal haben die Angeprangerten wegen der erwähnten Eigendynamik keine Möglichkeit, den Umfang und die Tendenz der Berichterstattung zu ändern. Sie können durch das Vermeiden von Fehlern eine noch negativere Entwicklung verhindern, aber sie können nicht wirklich eingreifen. Das hat beispielsweise die CDU im Spendenskandal erfahren. Das sind eigendynamische Prozesse, die wie eine Lawine alles mitreißen. Da kann man nicht mit den journalistischen Kriterien argumentieren, die außerhalb des Skandals für Medien gelten. Sie gelten ja immer noch, aber eben nicht im Skandal.

Zeigt die fortschreitende Moralisierung des Journalismus im Skandal nicht auch, dass der säkulare Journalist mittlerweile in unserer Gesellschaft eine Art priesterliche Funktion übernommen hat? Er spricht von Sünde los oder eben nicht?

Das würde hier zu weit gehen, aber man kann sicher sagen, dass nicht ein Journalist, aber die Medien als Anwälte der Moral auftreten. Und das mit Erfolg. Ob dieser Anspruch, der hier wahrgenommen und durchgesetzt wird, wirklich begründet ist, ist eine ganz andere Frage. Aber faktisch ist es so.

Das spezifische Problem für die katholische Kirche ist ja auch, dass sie eine Sprache spricht, die in der säkularen Medienwelt nicht mehr geläufig ist, und die Kirche anders aufgebaut ist und funktioniert als alle anderen Institutionen – was für das Gros der Journalisten ebenfalls eine fremde Welt ist. Aber um aktuell das Handeln der Kirche in der Frage des Missbrauchs zu verstehen und einordnen zu können, müsste der Journalist diese Welt kennen, er müsste die Zuständigkeiten kennen, er müsste wissen, dass eine Kleruskongregation im Vatikan etwas anderes ist als die Glaubenskongregation und jeweilige Verlautbarungen unterschiedlich einzuschätzen sind, dass ein Papst andere Formen der Kommunikation nutzt als ein Politiker, dass ein Bischof eine andere Stellung hat in einem Bistum als ein Manager in einem Unternehmen und so weiter. Muss also die Kirche in ihrer Medienarbeit nicht darauf insistieren und Hilfen geben, damit die katholische Lebenswelt von Journalisten in die säkulare Lebenswelt übersetzt werden kann, damit das Ergebnis der Berichterstattung dem Gegenstand angemessen ist? Muss sie nicht auf Differenzierung pochen? Lässt sich das auf die aktuelle Missbrauchsdebatte übertragen?

Nach meinem Eindruck hat sie ja gerade im Falle der aktuellen Missbrauchsdebatte nicht darauf gepocht. Es ist ein Fehler von Anfang an gewesen, dass die Beschuldigten es zugelassen haben, dass der Begriff Kindesmissbrauch – das ist ja ein riesig breites Etikett – benutzt wurde, ohne dass darauf gedrungen wurde, zu unterscheiden, um was es hier konkret geht. Mit der Konsequenz, dass unter dem Begriff Kindesmissbrauch die verschiedensten Dinge subsumiert wurden. Da gibt es schwerwiegende Übergriffe, durch die Kinder zum Opfer werden. Es gibt aber auch Bagatellfälle, die zwar auch nicht akzeptabel, aber im Vergleich zu dem schweren Missbrauch relativ belanglos sind. Hinzu kam, dass unter dem ohnehin weiten Begriff Kindesmissbrauch etwas aufgeführt wurde, was mit den sexuellen Übergriffen nichts zu tun hat, nämlich körperliche Strafen im Unterricht. Das alleine ist ein weites Thema, das man ebenfalls von Anfang an hätte differenziert behandeln müssen: Sind Kinder mit dem Stock geschlagen worden? Sind sie schwer geohrfeigt worden, oder war das ein Klaps auf den Hinterkopf? Hinzu kommt die Zeitdimension und der damit verbundene Wandel der moralischen Maßstäbe: Körperliche Strafen hat die Mehrheit der Bevölkerung in den sechziger und siebziger Jahren als normale Erziehungsmittel angesehen. Der Grundfehler der katholischen Kirche war also, dass sie nicht von Anfang an darauf insistiert hat, die Fälle konkret beim Namen zu nennen: Wer hat was wann wo gemacht? Die Gründe sind nachvollziehbar: Man schämt sich, man will Leute schützen, man will keine unappetitliche Einzelheiten in die Öffentlichkeit bringen. Der verständliche Verzicht auf solche Klärungen hat dazu beigetragen, dass aus extrem unterschiedlichen Dingen eine Kette von Ereignissen wurde, die sich gegenseitig zu einem Negativbild ergänzen.

Gleichwohl: Ist es heute überhaupt möglich, ein so kompliziertes, in 2000 Jahren entstandenes Gebilde wie die Kirche in der Öffentlichkeit zu kommunizieren?

Das ist schon möglich, wenn man das von Anfang an tut. Es gibt ja einige autorisierte Sprecher in der katholischen Kirche. Natürlich kann man nicht erwarten, dass Journalisten die differenzierte Organisationsstruktur der Kirche verstehen, das müssen sie aber auch nicht. Denken Sie an den Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der das in der Deutschen Bischofskonferenz über viele Jahre sehr geschickt gemacht hat. Auf jeden Fall gibt es Personen, die für die Kirche hier sprechen können; ob das im konkreten Fall des Missbrauchs an katholischen Einrichtungen gelungen ist, kann man bezweifeln. Es ist zu defensiv, zu zögerlich agiert worden. Ärgerlich ist, dass die Kirche das alles hätte wissen können, denn etwas ganz ähnliches ist vor einigen Jahren in den USA passiert. Zweifellos bietet Kindesmissbrauch in Kombination mit Zölibat eine emotionsträchtige Angriffsfläche für einzelne Personen und Organisationen in der Gesellschaft. Damit muss man rechnen und darauf muss man vorbereitet sein.

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