Metropolis kommt zur Berlinale

Sie eröffnen die Berlinale mit der dramatischen Liebesgeschichte „Tuan Yuan“ (Getrennt zusammen) des chinesischen Regisseurs Wang Quan'an, der vor drei Jahren mit „Tuyas Hochzeit“ den Goldenen Bären gewann. Zählt Wang Quan'an zu den chinesischen Regisseuren, die es in ihrer Heimat schwer haben?

„Tuan Yuan“ ist eine große Liebesgeschichte mit einem hochpolitischen Hintergrund. Es geht um die Besucherregelung zwischen Taiwan und China. Und um die Liebe. Natürlich müssen solche Filme durch die Zensur, das musste auch Quan'ans Werk. Aber sein Film ist kein Zensurfall. Wang Quan'an ist ein Independentregisseur, der in China anerkannt ist. Er arbeitet übrigens immer mit dem deutschen Kameramann Lutz Reitemeier.

Wie würden Sie das Festivalprogramm 2010 charakterisieren?

Im diesjährigen Programm haben wir teils sehr harte Filme, die die unschöne Realität zeigen. Außerdem zeigen wir echte Genre-Filme, mit Michael Winterbottoms „The Killer Inside Me“ zum Beispiel einen amerikanischen Film Noir. Jackie Chan ist mit einem Martial-Arts-Film dabei, der das Genre auch auf die Schippe nimmt.

Was erwarten Sie von Jurypräsident Werner Herzog, der sagt, dass er selbst nur selten ins Kino geht und den Sinn von Festivals eher anzweifelt?

Wir erwarten von Werner Herzog, dass er mindestens ein so guter Jurypräsident ist wie er ein toller Regisseur ist. Ich sehe das nicht so dramatisch.

Worauf muss man achten, wenn man eine Berlinale-Jury zusammenstellt?

Naja, das hat eine gewisse Komplexität. Man muss natürlich darauf achten, dass nicht ein „John-Malkovich“-Effekt entsteht, das heißt, dass man sieben Meisterregisseure zehn Tage lang zusammen einsperrt. Man muss schauen, dass es sehr unterschiedliche Charaktere sind. Wir achten auch immer darauf, dass die verschiedenen Filmkünste vertreten sind: durch Autoren, Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten. Auch geografisch muss es ausgewogen sein. Es muss in sich stimmig sein. Die Jury entscheidet über die Auswahl der Bären-Gewinner. Ich habe damit gar nichts zu tun. Die Jury sehe ich am Anfang des Festivals und am Ende.

Es gibt immer wieder den Vorwurf, dass die Berlinale-Jury Filme prämiert, die – anders als bei den Filmfestivals in Cannes und Venedig – lange gar nicht oder überhaupt nicht ins Kino kommen...

Es gibt Filme, die gut gelaufen sind, Filme, die nicht so gut gelaufen sind, und Filme, die gar nicht gelaufen sind. Statistisch gesehen unterscheidet sich die Berlinale da nicht von den anderen Festivals. Da steckt man nicht drin. Niemand kann vorhersagen, ob ein Film ein Erfolg wird. Manchmal gibt es Indikatoren. Wie zum Beispiel bei Mike Leighs „Happy-Go-Lucky“, für den die Hauptdarstellerin Sally Hawkins einen Silbernen Bären erhalten hat. Da wusste man gleich, das ist so ein Publikumsliebling – der muss im Kino laufen. Schwer abzuschätzen ist der Erfolg von Filmen wie dem letztjährigen Bären-Gewinner, dem peruanischen Film „Eine Perle Ewigkeit“, der jetzt aber auch im Kino angelaufen ist. Es ist übrigens nicht die Funktion der Jury, den Film auszusuchen, von dem sie denkt, dass er ein Massenpublikum bekommt. Die Jury will auch Filmen eine Plattform verschaffen, damit diese Regisseure überhaupt bekanntwerden.

In Berlin hat die Jury ja oft den Mut, Außenseiter-Filme zu prämieren...

Ja, wie man es nimmt. Manchmal denke ich schon: Ach, so ein Glamourfilm könnte auch mal einen Preis abbekommen. Wir werden dieses Jahr große Glamourfilme im Programm haben, wie zum Beispiel Roman Polanskis „Der Ghostwriter“ mit Ewan McGregor, Kim Catrall, Pierce Brosnan, Olivia Williams und Ben Kingsley.

Was bedeutet es für einen Filmemacher, den Goldenen Bären zu gewinnen?

Für noch unbekannte Regisseure bedeutet der Preis oft, dass sie so viel Aufmerksamkeit und Unterstützung bekommen, dass sie einen weiteren Film drehen können. Ein Goldener Bär kann auch politische Dimensionen haben. Nachdem die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic mit ihrem Film „Esmas Geheimnis“ den Goldenen Bären gewonnen hatte, wurden in Bosnien Gesetze zugunsten von Vergewaltigungsopfern aus dem Jugoslawien-Krieg geändert. Es gibt kleine Filme, die eine enorme politische Wirkung haben. Oder Maren Ades im Wettbewerb 2009 gelaufener Beziehungsfilm „Alle Anderen“ – ein kleiner Film einer dem breiten Publikum noch unbekannten Regisseurin, der dann einen ungeheuren Erfolg an der Kinokasse hatte.

Am 12. Februar wird zeitgleich im Friedrichstadtpalast, in der Alten Oper Frankfurt und auf einer Open-Air-Leinwand am Brandenburger Tor erstmals die restaurierte Originalfassung von Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ gezeigt, der Filmgeschichte geschrieben hat. Ist das auch eine Art Festakt zum 60. Berlinale-Geburtstag?

Am Brandenburger Tor wird es die Kunstinstallation „Vorhang auf – The Curtain!“ von Christina Kim geben, als Symbol für die Magie des Kinos. Der Vorhang wird vor der Premiere von „Metropolis“ aufgezogen. Das ist natürlich eine Art Festakt. Aber natürlich nicht mit Blaskapelle oder so. Die Uraufführung ist ein Statement: Mit diesem Klassiker blicken wir zurück auf die Filmgeschichte. Mit dem riesigen Vorhang wollen wir auch darauf aufmerksam machen, dass wir Filme gerne im Kino sehen und nicht auf der Armbanduhr.

Sie haben es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, in den verschiedenen Festivalsektionen inklusive des offiziellen Wettbewerbs um den Goldenen Bären eine ansehnliche Zahl von deutschen Filmen zu zeigen. Wie ist die deutsche Präsenz und die Qualität der deutschen Filme in diesem Jahr?

Der deutsche Film ist richtig stark präsent. Wir haben knapp 90 deutsche Filme, und zwar in allen Festivalreihen und in allen Genres. Zum 60. Geburtstag wird es auch wieder eine große deutsche Berlinale. Es ist ein guter Jahrgang.

Ist es immer noch eine bewusste Entscheidung, dem deutschen Kino eine Plattform zu geben?

Nein, wir müssen da kein Statement mehr abgeben. Es gibt genügend deutsche Filme, die wir ins Programm nehmen können. Diese Normalisierung hat etwas Angenehmes.

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