Meinungsfreiheit in Staat und Kirche unterscheiden sich

Was ist ein katholischer Journalist? Die Antwort auf diese aus gegebenem Anlass außerordentlich umstrittene Frage ist – das sei einleitend bemerkt – außerordentlich einfach und bedarf keiner hermeneutischen Klimmzüge: katholisch ist der – und nur der – Journalist, der sich an den Maßgaben des Lehramtes der Una Sancta in Fragen des Glaubens und der Sitten orientiert und von loyaler Liebe zur Kirche erfüllt ist. Punkt. Oder verbindlicher mit Augustinus formuliert: Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Vielfalt, in allem aber Liebe. In dieser Reihenfolge.

Seit den sechziger Jahren ist das alles andere als klar. Zu tun hat das mit dem Erfasstwerden weiter Kreise der katholischen Kirche vom emanzipatorischen Zeitalter, seiner Schwester, der Kritik, und ihrer beiden Verheißungen: Freiheit als Befreiung von, nicht zu etwas. Die Institution – die Familie, die Schule, der Staat, – galt fortan als prinzipiell repressiv. Der Einzelne gegen die Institution: Das war der Stoff, aus dem in einer Kultur der permanenten Verdächtigung private, literarische und journalistische Heldendramen gestrickt wurden. Ins Katholische übersetzt: Papst und Bischöfen galt es fortan auf die edelsteinberingten Finger zu sehen. Sie waren tendenziell des Machtmissbrauchs und des Verrats am Geist des Konzils und damit der „Sache Jesu“ verdächtig. Hans Küngs – um den auflagenstärksten Nestor dieses Geistes anzuführen – zweibändige, auf 1 300 Seiten ausgebreitete Memoiren heißen deshalb so treffsicher paradigmatisch wie sie bemerkenswert selbstgerecht sind „Erkämpfte Freiheit“ und „Umstrittene Wahrheit“. Weil aber die Kirche als die Institution gewordene Repression schlechthin galt, verstanden sich Journalisten, die sich mit „Kirche“ befassten, als quasiinstitutionelle Gegengewichte zu ihr. Das Gründungsdatum der bischöflichen Journalistenschule ifp, 1968, sagt deshalb mehr als viele dialektisch gewundene Statuten des kirchensteuerfinanzierten Instituts. Dessen zurückgetretener Geistlicher Leiter, der unglückliche Pfarrer Broch, der sich angesichts des bischöflichen Misstrauens in all seinen Vorurteilen bestätigt sehen wird, ist geradezu ein Paradebeispiel dieser Spezies, die innerkirchlich in den sechziger Jahren herangereift ist und seither in Akademien, Redaktionen, Fakultäten und Ordinariaten den Ton angibt. Seine gegenüber der „Leonberger Kreiszeitung“ geäußerte Einsicht: „Das Gefährliche an der katholischen Kirche ist das geschlossene System“ bringt diesen emanzipatorischen Impetus exakt auf den Punkt. Für den im innerkirchlichen Bereich – Bistumspresse, theologische Fachzeitschriften – arbeitenden Journalisten wie auch für den Katholiken im Bereich der säkularen Presse hieß dies: Im Zweifelsfall für die Kritik. Gut journalistisch gedacht. Weil aber in der nachkonziliaren Ära nur noch der Geist und nicht mehr der Buchstabe zählte, gab es innerkirchlich nichts mehr, was der Kritik entzogen gewesen wäre, und Dogmen als allerletztes. Mündigkeit und Autonomie, die basalen und einzigen Dogmen der relativistischen Gesellschaft, wurden auch innerhalb der Kirche leitend. Im theologischen Sprachgebrauch wurde das zwar nicht so gesagt und mit dem Schlagwort vom gebildeten, autonomen Gewissen verbrämt, dem der mündige Christ folgen müsse. Gemeint war aber dasselbe. Die Königsberger Erklärung zur künstlichen Empfängnisverhütung von 1968 war der erste und bis heute unkorrigiert gebliebene „amtskirchliche“ Kotau vor diesem neugläubigen Ungeist. Aber muss der Journalist nicht prinzipiell kritisch sein? Ist dies nicht die Bedingung der Möglichkeit seines Berufes? Ist sie. Aber es kommt auf seinen Wirkungsbereich wie auch auf die Kriterien der Kritik an.

Gemeinhin werden spätestens jetzt Parallelen zur Stellung der freien Presse im freien Staat gezogen. Die sind aber grundfalsch. Denn den Staat, in den man hineingeboren wird, kann man sich nicht aussuchen. Und auch später kann man eigentlich nur von einem zum anderen wechseln. Man kommt ihm – von der Antarktis vielleicht abgesehen – nicht aus. Staatliche Verbände überziehen diesen blauen Planeten ringsum. Weil aber der Staat qua definitionem ein Zwangsverband ist, der das Gewaltmonopol über seine Bürger ausübt, ist er prinzipiell begründungs-, auskunfts- und überwachungspflichtig. Das Grundgesetz räumt deshalb der Meinungs- und Pressefreiheit einen extrem hohen Stellenwert ein und schützt sie de facto als vierte Gewalt im Staate. Mit Recht. Denn zur unbedingten Loyalität dem Staat gegenüber wie auch der ihn ordnenden Verfassung sind nur die auf das Grundgesetz beeideten Beamten verpflichtet. Der einfache Bürger – der Journalist eingeschlossen – indes nicht. Er muss die grundgesetzlichen Vorgaben nicht im Gewissen teilen. Er kann sie sogar ablehnen. Trotzdem schützen ihn die Grundrechte, die als Abwehrrechte formuliert sind, vor der Willkür des Staates und der Inhaber der legitimen Macht. Mit der Kirche ist das anders. Zwar wird man in sie – wenigstens in volkskirchlichen Strukturen – auch hineingeboren. Man kann aber aus ihr – anders als aus dem Staat – jederzeit wieder austreten. Abfallen nennen das die Theologen und verbinden damit der Bibel folgend die schrecklichsten Folgen für die Ewigkeit. Das Recht auf Apostasie indes: so theologisch falsch das ist, so zivilrechtlich unbenommen ist das jedermann. Wer sich aber bewusst für den katholischen Glauben entscheidet, der ist in seinem Gewissen und dessen Bildung an die Vorgaben des kirchlichen Lehramtes gebunden. Das ist im modernen Staat aber keine Knechtung. Denn der Austritt aus diesem Verhältnis ist wie gesagt jederzeit möglich. Wer sich aber für den Verbleib in der Institution Kirche entscheidet – und ihr heilsvermittelnder Charakter ist die einzige hinreichende Motivation dafür –, der steht fortan in einem freiwilligen Loyalitätsverhältnis zur Institution. Weil der aber das depositum fidei, der Glaubensschatz anvertraut ist, gibt es einen Bereich, der jeder Kritik im Sinne einer Infragestellung entzogen ist. Niemand kann als kirchlich bestallter Journalist in einem kirchlichen Medium etwa den Sühnetod Christi, die unbefleckte Empfängnis Mariens oder die Unfehlbarkeit des Papstes folgenfrei leugnen und sich auf die Meinungsfreiheit berufen. Sie wird dadurch nicht eingeschränkt, sondern hat sich von vornherein nie darauf erstreckt. Das ist in jedem anderen Tendenzbetrieb nicht anders. Was das Lehramt an Christi Statt entschieden hat, den Dauerbrenner der ausschließlich Männern vorbehaltenen Priesterweihe inbegriffen, das ist jeder legitimen innerkirchlichen Diskussion entzogen. Kirchenvolksbegehren hin oder her.

Anders ist das mit Fragen, wo es einen legitimen Pluralismus gibt. Von der „legitimen Autonomie“ sprach das letzte Vatikanische Konzil und meinte damit nicht die Prinzipien, sondern deren Anwendung im säkularen Bereich durch die katholischen Laien. Die Fragen politischer Präferenz gehören etwa hierher. Wie und in welcher Partei lassen sich die Vorgaben der katholischen Soziallehre am besten verwirklichen? Hier darf es auch in kirchlichen Medien ein Ringen von Pro und Contra geben.

Wenn der Papst irrt, irren wir mit ihm: So weit muss man deshalb nicht gehen. Kritik etwa an der Konzilsgemäßheit der Experten übertragenen nachkonziliaren Liturgiereform, der Strafordnung in Sachen klerikalen Kindesmissbrauchs oder den aktuellen diözesanen Strukturreformen ist legitim und damit diskutabel – solange es nicht von einem Geist des „wir da unten“ gegen „die da oben“ erfüllt ist. Denn es gibt keine Opposition zwischen dem Volk Gottes und seiner hierarchischen Verfassung. Das hat nicht zuletzt das letzte Konzil in „Lumen gentium“ seitenweise ausgeführt.

Das heißt aber nicht, dass es in der Kirche einen kritiklosen Kadavergehorsam geben müsste. Die an Deutlichkeit nicht zu wünschen lassende Kritik der heiligen Katharina von Siena etwa an der Lebensweise der Päpste und Bischöfe ihrer Zeit des 14. Jahrhunderts kann dafür als Beispiel gelten. Katholische Journalisten müssen nichts unter den Teppich kehren. Wo sie am Evangelium, am Glauben und der Sittenlehre der Kirche Maß nehmen, dürfen sie Finanzskandale, Amts- und Machtmissbrauch, Beugung des kirchlichen und weltlichen Rechts, sexuelle Verfehlungen wie Kindesmissbrauch und was es sonst so gibt anprangern und aufdecken. Diese Zeitung hat etwa über das atemberaubende und hollywoodreife Doppelleben des Gründers der Legionäre Christi, Marcial Maciel Degollado, nie den Mantel des Schweigens gebreitet. Genauso hat sie es mit den Missbrauchsfällen gehalten. Das nun haben auch andere nicht getan – mit einem Unterschied: Die Gelegenheit zu nutzen und der medial durch die Missbrauchsberichterstattung an die Wand gedrückten Institution noch gleich eine kirchenpolitisch motivierte Zölibatsdiskussion anzuhängen, ist mit Liebe zur Kirche sicher nicht vereinbar. Und fair ist es schon gleich gar nicht.

„Die Glaubenslehre ist der Chefredakteur der Zeitung“

Es gibt also legitimerweise so etwas wie eine öffentliche Meinung in der Kirche. Das hat Papst Pius XII. in seiner Botschaft an den „Dritten Weltkongress der katholischen Presse“ schon 1950 festgestellt. Deshalb gibt es auch Medien in ihr, die diesem Austausch ein Forum bieten. Und bereits avant la lettre gab es diese Sache in der Kirche. Dass die Metzger Konstantinopels über die Homoousie Jesu Christi stritten, dass im Hochmittelalter die befleckte oder unbefleckte Empfängnis Mariens diskutiert wurde: All das beweist eine lebendige Gesprächskultur zwischen „Basis“ und Hierarchie, die als solche zur Kirche gehört. Das wurde nicht erst 1962–65 erfunden.

Was also ist ein katholischer Journalist? Wie hat es doch der Gründer dieser Zeitung, Johann Wilhelm Naumann, seinerzeit ausgedrückt: „Die Glaubens- und Sittenlehre der Kirche ist der Chefredakteur der Zeitung und die Wahrheit ihre Sensation“. Das ist ein Programm, dem nichts hinzuzufügen ist.

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