Mein Tagesposting: Katholiken vor der Wahl

Von Prälat Wilhelm Imkamp
Prälat Wilhelm Imkamp

In zehn Tagen ist er da, der Tag unserer zwei Verabredungen, zwei „dates“ an einem Sonntag: nämlich, mit unserem Herrn Jesus Christus bei der Sonntagsmesse und das „date“ mit der Wahlurne. Wir wählen ein Parlament und das bietet bei Plenarsitzungen ein ähnliches Bild, wie deutsche Dome am Sonntag: leere Bänke.

Die hohen Priester des Parlamentarismus zelebrieren die Würde des hohen Hauses im leeren Haus. Das freie Gewissen des freigewählten Abgeordneten ist das Allerheiligste dieses Parlamentskultes und das ist besonders gut verschlossen im Tabernakel der Fraktionsvorsitzenden. Gewissensfreiheit für Abgeordnete gibt es nur, wenn die oder der mehr oder weniger große Vorgesetzte es feierlich hervorholt, und das geschieht nur, wenn das Gewissensergebnis feststeht; das ist meistens der Fall, wenn ein moralischer Wert über Bord gehen soll. Das Ganze wird dann von den Zeitgeistnotaren in Karlsruhe abgesegnet und zwar besonders feierlich in quasi liturgischer Kleidung (scharlachrot) mit schmuckem Barett. Der bisherige Höhepunkt dieser Weltanschauungsrabulistik in juristischem Termini war das Urteil, das de facto die Abtreibung zum Rechtsgut erklärte. Soldaten dürfen Mörder genannt werden, Abtreibungsärzte nicht.

Abtreibung, Homo-„Ehe“, Import von religiösen Konflikten, Schleichwege zur Euthanasie, vermerkelte Parteien, die sich fast nur noch durch die Gesichtsbehaarung ihres Spitzenpersonals unterscheiden, endlose Sonderzahlungen an die EU bilden die Grundlage für das Bewusstsein, moralische Großmacht zu sein. Dieses neue, gemerkelte Selbstbewusstsein äußert sich in Belehrungen über Demokratie, Menschenrechte und unabhängige Justiz, ausgerechnet gegenüber Polen und Ungarn, gerne aber auch gegenüber dem amerikanischen oder russischen Präsidenten, und die Briten haben ja bei der Volksabstimmung über den Brexit gezeigt, dass sie gar nicht demokratiefähig sind. Aber, am deutschen Wesen soll wieder einmal die Welt genesen. Der Zahlmeister Europas ist eben nicht der Lehrmeister dieses Kontinents. Deutschland will keinen Platz an der Sonne mehr, Deutschland ist die Sonne. Diese Überlegungen könnten natürlich viele verführen, am 24.9. die Wahlurne buchstäblich links liegen zu lassen, denn, kann man als gläubiger Christ überhaupt noch zur Wahl gehen?

Und da lautet die Antwort: Ja, man kann nicht nur, man muss! Und wenn man meint, keine der auf dem Wahlzettel aufgeführten Kräfte oder Personen wählen zu können, dann bleibt immer noch der ungültig gemachte Stimmzettel.

Es gibt keine staatliche Wahlpflicht – die Akteure der „asymmetrischen Demobilisierung“ wissen das sehr zu schätzen – aber es gibt sehr wohl eine moralische Wahlpflicht. Am Anfang der Heiligen Messe bekennen wir nicht nur, dass wir „Böses getan haben“, sondern auch „Gutes unterlassen haben“. Wer sich nicht der kleinen Mühe des Wählens unterzieht, hat Gutes unterlassen, das könnte eine Sünde sein! Für Katholiken jedenfalls gibt es eine moralische Wahlpflicht, aber keine Pflicht, eine bestimmte Partei zu wählen. In Amerika haben Bischöfe dazu aufgerufen, Befürworter von Abtreibung und/oder Homo-Ehe nicht zu wählen. Ihnen wurde der Zugang zu den Sakramenten verwehrt. Auch wir wollen Gutes tun, Böses unterlassen – gerade am Wahlsonntag.

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