Mein Tagesposting: Ecce homo!

Von Monika Metternich
Tagesposting: Schutzraum für die Kinder Gottes
Foto: Archiv | Monika Metternich ist eine katholische Publizistin und Autorin.

„Seht, da ist der Mensch!“ heißt es dieser Tage hundertfach auf Plakaten, die auf den in dieser Woche stattfindenden Katholikentag in Leipzig hinweisen. Unterschiedlichste Menschen sind darauf abgebildet, traurig oder fröhlich dreinblickend. Das Motto des gerade in Leipzig stattfindenden Katholikentages hat im Vorfeld auch ein kritisches Echo hervorgerufen. Rein optisch seien die Plakate mit ihrem tristen Grün-Braunstich wenig attraktiv, klagten die Ästheten. Dass bei einem Katholikentag nicht Gott, sondern der Mensch in den Vordergrund gerückt werde, störte die kirchlichen Puristen.

Nicht zuletzt hatte der diesjährige Katholikentag Debatten über eine aktive Beteiligung von AfD-Politikern ausgelöst: Der Entschluss, diese nicht zur Teilnahme an Podien einzuladen, wurde von vielen begrüßt, aber auch von manch einem als kontraproduktiv zum Motto gesehen: Wenn bei diesem Katholikentag schon der Mensch im Mittelpunkt stehen solle, fallen dann Mitglieder und Sympathisanten der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“ etwa nicht unter „Seht, da ist der Mensch“?

Der bisherige Bischof von Dresden und heutige Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, legte den Fokus in seinem Grußwort auf das „Sehen“, das genaue Hinschauen. Wer nur oberflächlich schaue, bleibe beim schnellen Urteil: „Nichts als ein biologisch-chemisches Etwas“ – ein häufig vertretenes „Menschenbild“ materialistischer Atheisten. In einer Stadt wie Leipzig, in der 80 Prozent der Bevölkerung nicht gläubig sind, durchaus ein „Hingucker“. „Nichts als ein Konsument“ – in unserer von Markt und Kapital bestimmten Welt eine gängige Sichtweise. „Nichts als ein Migrant“ – seine Geschichte, sein Leiden, sein Hintergrund interessiert nicht, wo Pauschalurteile politische Höhenflüge zeitigen. Man könnte viele Beispiele solcher Kurzsichtigkeit finden: Nichts als ein Versager. Nichts als ein Verbrecher. Nichts als ein Ärgernis. Genau wie im 19. Kapitel des Johannesevangeliums, dem das „Ecce homo“ des Katholikentagsmottos entnommen ist. Was Großes hinter dem Menschen Jesus steckt, realisiert auch Pilatus nicht.

In diesen Tagen, in denen das Reden von einer deutschen „Leitkultur“ ein Revi-val erlebt, zeigt sich, dass über deren Inhalte keinerlei Konsens herrscht. Was so alles als „christlich-abendländische Kultur“ apostrophiert wird, könnte nicht widersprüchlicher sein. Was das Christentum, das sich lange gegen das säkulare Menschenrechtskonzept gewehrt hat, heute in Wort und Tat zu diesem Diskurs beitragen kann, ist seine ureigenste frohe Botschaft: Die Sichtweise von Menschenwürde als Frucht der Gottesebenbildlichkeit. Im Anderen, auch im Fremden – selbst im Feind! – jene Gottesebenbildlichkeit zu erkennen, in welcher der christliche Anspruch auf unbedingten Lebensschutz, ohne Ansehen der Person, wurzelt.

Diese zentrale Botschaft will der diesjährige Katholikentag vielfältig verkünden. „Was du dem geringsten deiner Brüder getan hast, das hat du mir getan“. „Mir“, das heißt Jesus Christus. Wer jeden Anderen auf diese Weise anschaut und in Konsequenz auch behandelt, wird, ja kann nicht ausgrenzen, pauschalisieren und rundweg verurteilen. Aber auch nicht Leute auf ein katholisches Podium setzen, die genau das propagieren. Das käme einem Ausverkauf des christlichen Wesenskerns gleich.

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