Mein Tagesposting: Der zweifelnde Mensch im Alter

Von Monika Metternich
Tagesposting: Schutzraum für die Kinder Gottes
Foto: Archiv | Monika Metternich ist eine katholische Publizistin und Autorin.

Neulich saß ich, für die stundenlange Bahnreise mit den „letzten Gesprächen“ Peter Seewalds mit Papst Benedikt gewappnet, in einem Zugabteil. Als ich das Buch aus der Hand legte, sprach mich die ältere Dame an, mit der ich das ansonsten leere Abteil teilte. Sie fragte, ob meine Lektüre lohnend sei (ich bejahte), und wir kamen zunächst ganz unverbindlich ins Gespräch über Päpste, Kirche und Glauben, bis meine Zugnachbarin den Satz sagte, der mich bis heute nicht losgelassen hat: „Finden Sie nicht, dass man einen Unterschied im Leben bemerken müsste, wenn man davon ausgeht, dass es Gott gibt?“ Und in meine Verblüffung hinein begann sie zu erzählen von ihrer katholischen Erziehung, ihrem lebenslang praktizierten Glauben (tägliches Beten, regelmäßiger Besuch der heiligen Messe, tiefes Vertrauen in das Wirken Gottes) und den Schicksalsschlägen, die sie seit Jahren heimsuchten. Aus Diskretionsgründen möchte ich letztere nicht hier ausrollen, nur soviel: bei so viel abgrundtiefem Unglück stockte mir der Atem. Und nun fragte sich die alte Dame seit einiger Zeit, ob der „liebende Gott“, der heute so sehr im Vordergrund der Verkündigung stehe und dem sie ihr ganzes Leben lang vertraut habe, sich wohl in totaler Abwesenheit oder in völliger „Wurschtigkeit“ zeigen könne. Oder schlimmer: Was ein Glauben wert sei, der im Leben keinerlei Unterschied zur resignierten Hinnahme blinden, grausamen Zufalls mache. Ob unsere weitere Unterhaltung ihr etwas geholfen hat oder nicht, sei hier dahingestellt. Was mich besonders bedrückte, war die Tatsache, dass die alte Dame, deren tiefes Glaubensproblem sicher nicht singulär ist, keinerlei Idee hatte, an wen in der Kirche sie sich um geistliche Hilfe wenden könnte. Ihr Pfarrer sei derart mit seinen vielen Gemeinden beschäftigt, dass sie ihn gewiss nicht „belästigen“ wolle. Ihre Kinder und Enkel möge sie nicht fragen, um sie nicht mit ihren Zweifeln selbst ins Zweifeln zu bringen.

Später recherchierte ich unter dem Stichwort „Altenpastoral“, welche Möglichkeiten denn in den Bistümern so angeboten werden für Menschen wie die verzweifelte alte Dame im Zug. Als Grundstruktur finden sich hier die „vier Grunddimensionen Altenseelsorge, Altenbildung, Altenhilfe und Altenpolitik“, deren Ziel es sei, „hochbetagten Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf weiterhin ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu ermöglichen“. In fast allen Angeboten findet sich zwar ein Hinweis auf Hilfe für körperlich Hinfällige oder dementiell Erkrankte, nicht aber für fragende und zweifelnde, um religiösen Sinn ringende alte Menschen. Wo sich dankenswerterweise inzwischen für die Jugend Angebot an Angebot reiht, gibt es für die reifen Menschen, welche an der Bürde ihres oft zur Last und zur Quelle von Glaubenszweifeln gewordenen Lebens leiden, wenig oder gar keine Unterstützung, zumal, wenn der oder die Betroffene das Internet nicht als selbstverständliche Informationsquelle nutzt. Alte sollen – so will es mir scheinen – entweder „mit ihren Fähigkeiten und Charismen“ ins Gemeindeleben integriert, gar fortgebildet werden, oder sie werden als kranke, demente Hilfsfälle gesehen, deren Würde die Kirche garantieren möchte. Der alte Mensch, den auf den letzten Metern des Lebens schwere Fragen und tiefste Glaubenszweifel plagen, kommt als Subjekt der Verkündigung offenbar nicht vor. Hier muss sich wirklich etwas ändern.

 
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