Mein Tagesposting: Der Zustand des Menschen

Von Johannes Hartl
Foto: Glöckner, Jutta

Die Zurückhaltung, mit der Kirchenvertreter den Begriff „Mission“ in den Mund nehmen, befremdet. So als sei das etwas Peinliches. Dass es keinesfalls darum gehen könne, Flüchtlinge zu christianisieren, dass man ihre Notlage nicht „zur Mission“ ausnutzen dürfe, hört man oft. Selbst der Leiter des vatikanischen Presseamtes sah sich zu einer erklärenden Stellungnahme veranlasst, nachdem Kardinal Kurt Koch in einer Rede in Cambridge jüngst gesagt habe, dass selbstverständlich auch Muslime zu evangelisieren seien. Man dürfe, so P. Frederico Lombardi SJ, die Aussage des Kardinals keinesfalls im Sinne einer Einladung zum Proselytismus verstehen. Beim Aufruf zur Mission scheint es sich also um etwas Missverständliches zu handeln. Weshalb?

Zunächst ist festzustellen, dass Jesus seiner Kirche einen klaren Auftrag gegeben hat, das Evangelium allen Völkern zu verkündigen. Der Missionsbefehl gilt universal. Freilich schwingt beim Begriff „Mission“ auch die unheilvolle Geschichte des Kolonialismus mit. Der kulturellen Überheblichkeit, mit der westliche Staaten in jener Epoche andere Ethnien behandelten, wollten die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils etwas entgegensetzen: Respekt für die kulturellen Eigenarten, ein echter Dialog auf Augenhöhe. Diese wichtigen Postulate scheinen sukzessive in das andere Extrem umgeschlagen zu sein. Nur noch Kennenlernen, niemals aber kritisches Konfrontieren. Wäre nicht genau das die Haltung der bedingungslosen Annahme, die Jesus vorgelebt hat? So beachtlich die dahinterstehende Herzenshaltung sein mag: ein solches Konzept von Mission übersieht theologisch Bedeutsames. Der Zustand des Menschen nämlich ist der der Gefallenheit. Nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Kulturen sind verstrickt in Lüge und Sünde. Der christliche Glaube besagt exakt, dass das eigentliche Problem des Menschen niemals die äußeren Bedingungen sind, sondern der reale Zustand seines Herzens. Während nun ein Mensch immer Respekt, Wertschätzung und bedingungslose Annahme verdient, gilt das Gebot „richtet nicht!“ keinesfalls für die Strukturen, in denen sich ein Mensch vorfindet. Und dazu gehören auch die religiösen Strukturen. Sie sind nicht neutral. Dass an den anderen Religionen nicht alles falsch ist, ja, dass sich auch dort Spuren der Wahrheit erkennen lassen (Nostra aetate), sollte nicht verwundern.

Überall, wo es Menschen gibt, gibt es auch das Wahre, das Gute und das Schöne. Und überall dort gibt es auch das Böse, das Menschen gefangen hält und aus dem nur Christus erretten kann, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist: nicht nur einer unter vielen. Tatsächlich stimmt es auch, dass Muslime sich derzeit in großen Scharen zum Christentum bekehren – in unserem Land und in unserer Zeit. Ein Trend, von dem die katholische Kirche leider weniger profitiert als die Freikirchen. Doch ist dies tatsächlich die Zeit, von Mission nur hinter vorgehaltener Hand zu sprechen, wenn Menschen, die aus muslimisch geprägten Ländern stammen, sich mit Freude dem christlichen Glauben zuwenden?

Kürzlich erzählte mir eine Frau, die sich für Flüchtlinge engagiert, ein Muslim, der Christ geworden ist, sei mit einer Beschwerde an sie herangetreten. In seinem Flüchtlingsheim leben 30 Muslime. 20 von ihnen seien bereit, Jesus anzunehmen. „Doch ihr schickt niemanden“, so sein trauriges Lamento an das christliche Europa.

 
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