Marias Schmerz um den gekreuzigten Sohn

Baden-Badener Osterfestspiele präsentieren erstmals ein „Musikfest zum Karfreitag“. Von Gerd Felder

„Es stand die Mutter schmerzerfüllt“: So beginnt das mittelalterliche Reimgebet „Stabat Mater“, das Maria in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Sohn besingt und als gesungene Sequenz in der Liturgie Verwendung fand. Im Jahr 1521 wurde es sogar in das Missale Romanum, das amtliche Messbuch für den römischen Ritus, aufgenommen, jedoch wenige Jahrzehnte später wieder aus dem Gottesdienst verbannt. Erst 1727 erfolgte die Wiederaufnahme in die katholische Liturgie. Kaum ein Jahrzehnt danach erhielt Giovanni Battista Pergolesi den Auftrag zu einer Neuvertonung des Stabat Mater. Entstanden kurz vor seinem Tod im März 1736, gilt Pergolesis Stabat Mater als letzte vollendete Komposition aus der Feder des mit nur 26 Jahren allzu früh Verstorbenen.

In Baden-Baden steht es bei den Osterfestspielen im Mittelpunkt des „Musikfestes zum Karfreitag“, das erstmals im Programm auftaucht. Den Karfreitag kann man nicht feiern, sondern ihn möglichst angemessen begehen – darüber ist man sich beim Festspielhaus Baden-Baden im Klaren. „Wir haben einen großen Respekt vor sakralen Traditionen und wollen während der Osterfestspiele an allen Feiertagen die passende Musik anbieten“, betont Rüdiger Beermann, Direktor Medien und Kommunikation und Mitglied der Geschäftsführung des Festspielhauses. Deshalb das „Musikfest zum Karfreitag“, bei dem die Berliner Philharmoniker, die seit 2013 die Osterfestspiele in der Kurstadt an der Oos gestalten, Werke von Händel, Bach, Pergolesi, Schubert und Richard Strauss aufführen werden. Bei der Festspiel-Leitung sei man sich dessen voll bewusst, dass der Karfreitag ein ganz besonderer Tag sei, dessen Kultur gewahrt werden solle, versichert Beermann. „Wir wollen keine religiösen Gefühle verletzen, können aber auch nicht jedes Jahr am Karfreitag ein Oratorium aufführen“, erläutert der Medien-Direktor. „Das ist eine besondere Herausforderung.“ So sei in einem gemeinsamen Diskussionsprozess mit dem Berliner Star-Orchester danach gesucht worden, welche Musik man anbieten könne, die sich mit Tod und Jenseits auseinandersetze und zugleich Trost spenden könne. Dabei sei eine erstaunliche Bandbreite von Werken aus verschiedenen Jahrhunderten zusammengekommen.

Wie Ulrich Knörzer, Mitglied des Orchestervorstandes der Berliner Philharmoniker, auf Anfrage hervorhebt, bietet das „Musikfest zum Karfreitag“ verschiedenen Ensembles des Orchesters die große Chance, ihr Können zu präsentieren. So eröffnen die Blechbläser das Programm mit festlicher Bläsermusik von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach, bevor die Berliner Barocksolisten das bereits erwähnte Stabat Mater von Pegolesi zu Gehör bringen, „ein epochemachendes Stüc, bei dem es um die christliche Kernbotschaft von Karfreitag geht“, wie Knörzer erläutert. Der Orchestermusiker hat auch eine Erklärung dafür, warum Pergolesis Version die am häufigsten aufgeführte ist: Das könne daran liegen, dass das bedeutende Werk den strengen, würdevollen Satz eines Kirchenstils mit der anmutigen Melodik seiner Opernarien verbindet und so einen Reichtum des Ausdrucks schafft, der zeitlose Gültigkeit besitzt. „Danach geht es in Franz Schuberts Vertonung von Goethes Gedicht ,Gesang der Geister über den Wassern‘ um die Seele und das Werden und Vergehen“, erklärt Knörzer. Schuberts romantisches Werk lebt von seiner getragenen, mystischen Stimmung und wird vom Männerchor des Philharmonia Chors Wien zusammen mit dem Berliner Philharmonikern zu Gehör gebracht. Krönender Abschluss sollen die „Metamorphosen für 23 Solostreicher“, Richard Strauss' letztes großes Orchesterwerk sein. Das tiefernste, verinnerlichte Werk, das kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges und angesichts seiner Verwüstungen entstand, ist ein expressiver, leidenschaftlicher Klagegesang und zugleich ein Abschied von der spätromantischen Epoche.

„Wir sind Botschafter dessen, wie man sich einen Abend lang im Konzertsaal ohne jede Ablenkungsmöglichkeit einer Sache aussetzt“, unterstreicht Medien-Direktor Beermann. „Insofern sind wir da von einem Hochamt nicht weit entfernt, ohne dass wir der kirchlichen Liturgie Konkurrenz machen wollen.“ „Und bei der szenischen Aufführung von Bachs Johannes-Passion am Karfreitag vorigen Jahres waren wir ausverkauft.“ Im nächsten Jahr aber wird es kein „Musikfest zum Karfreitag“ geben: Dann wird Richard Wagners „Tristan und Isolde“ gespielt.

Das Festspielhaus Baden-Baden lädt zum „Musikfest zum Karfreitag“ am 3. April um 18 Uhr ein. Weitere Informationen und Eintrittskarten unter Tel.: 0 72 21/3 01 31 01, www.festspielhaus.de

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