Marcel Proust - Metaphysik der Erinnerung

Wie Marcel Proust die Kirche vor der Moderne verteidigte. Von Alexander Riebel
Marcel Proust.
Foto: IN | Kunst und Religion verstand er als große Einheit: Marcel Proust.

Es waren katholische Mönche, die das Hauptwerk von Marcel Proust (1871–1922) möglich gemacht haben: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Um 1900 suchten findige Projektmanager nach einer geeigneten Stelle für einen Badeort an der Küste der Normandie. Zunächst fiel die Wahl auf das damals legendäre Douville. Aber bald stellte man fest, dass hier im Sommer eine Mückenplage herrschte, weil das Gebiet noch versumpft war. Im weiter südlich gelegenen Blonville-sur-Mer war die Lage vergleichbar. Erst im nahen Cabourg war der Sommer frei von Mücken, weil katholische Mönche die Landschaft schon lange zuvor entwässert hatten. Hier wurde dann ein Grand Hotel innerhalb eines Jahres gebaut, das prächtigeste an der ganzen Küste, das bis heute nicht seinen Charme verloren hat. Als Proust 1907 in einer Anzeige des Figaro von dem Hotel las, machte er sich gleich auf den Weg von Paris aus. Er wird nun insgesamt eineinhalb Jahre in acht Aufenthalten hier wohnen und in der Gesellschaft der Hotelgäste wesentliche Studien für seinen Roman anstellen können; aber mit dem augenfälligen Reiz der Menschen begnügte er sich nicht, sie waren ihm Symbol einer tieferen Ordnung, die er sezieren wollte. Und hier in Cabourg konnte der schwer Asthma-Kranke endlich wieder frei atmen. Das Seebad wird im Roman unter dem Namen Balbec erscheinen.

Wo die Messe zelebriert wird, sind Kirchen lebendig

Doch wusste Proust auch, dass das gesellschaftliche Leben nicht alles war. Die Wahrheit liegt jenseits, schrieb er ein Jahr vor seinem Tod an den Bonner Romanisten Ernst Robert Curtius. Seine Liebe für Kirchen und Kathedralen zeigte Proust aber nicht nur in seinem Roman. Er schrieb auch eine Verteidigung der Kathedralen am 16. August 1904 im Figaro: „Wenn das Opfer von Christi Fleisch und Blut nicht mehr in den Kirchen zelebriert wird, werden sie ohne Leben sein.“ Auch heißt es in dem Artikel über die damals schon drohende Zweckentfremdung in dem Artikel „Der Tod der Kathedralen“: „Es gibt heute keinen Sozialisten von Geschmack, der die Verstümmelung all der Statuen, die Zertrümmerung all der Glasfenster, die die Revolution unseren Kirchen zugefügt hat, nicht beklagte“; und weiter schreibt er über die Kirchen, „solange man in ihr noch die Messe zelebriert, bewahrt sie, so verstümmelt sie auch sein mag, wenigstens noch ein bisschen Leben. Am Tag ihrer Zweckentfremdung ist sie tot, und selbst wenn man sie als historisches Denkmal vor anstößigen Zwecken schützt, ist sie nichts weiter als ein Museum.“ Proust, den man sonst auch gern als Dandy bezeichnet hat, nahm aktiv am Schutz des katholischen Ritus teil. Seine Liebe zu Kirchen hat Proust auch immer wieder in „Combray“ gezeigt, dem ersten Teil seines Romans: „Den Glockenturm von Saint-Hilaire nahm man schon von sehr weither wahr, denn er zeichnete sein unvergessliches Bild bereits in den Horizont, bevor noch Combray den Blicken erschien; wenn von dem Zuge aus, der uns in der Woche vor Ostern aus Paris herbeitrug, mein Vater ihn bemerkte, wie er abwechselnd rechts und links auf dem sichtbaren Streifen Himmel erschien und seinen kleinen blechernen Wetterhahn nach allen Seiten der Windrose wendete, sagte er jedesmal: ,Los jetzt, nehmt eure Decken, wir sind angekommen‘.“

Kirchen sind für Proust auch in einem tieferen Sinn Zielpunkte. In seiner Artikelserie für den Figaro unter dem Titel „Zum Gedenken an die gemordeten Kathedralen“ verdanke sich das Weiterleben der Riten und der Glaube im Herzen der Katholiken dem Umstand, dass die Kathedralen „nicht nur die schönsten Denkmäler unserer Kultur sind, sondern zugleich die einzigen, die noch ein ganzheitliches Leben führen, die im Zusammenhang mit dem Zweck verblieben sind, zu dem sie geschaffen wurden“. Wie der Erforscher der Grabwespe, Jean-Henri Fabre, hätte Proust auch sagen können, „Ich glaube nicht an Gott – ich sehe ihn“, schreibt kongenial die Schriftstellerin und Künstlerin Anita Albus in „Im Licht der Finsternis – Über Marcel Proust“ (2011).

Schon früh, im ersten Teil des Hauptwerkes kommen auch schon die Madeleines vor, die ovalen Sandtörtchen, wie Proust sie nennt und „die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt“. In der Madeleine kondensierte sich für den Dichter ein Geheimnis über den Zusammenhang von Sinnlichem und Übersinnlichem. Denn als er sie mit einer Tasse Lindenblütentee zu sich genommen hatte, fühlte er sich plötzlich wie entrückt und der Geschmack lockte die Erinnerung längst vergessener Umstände hervor. Und das, was zwischen dem ehemaligen Ereignis und der jetzigen Erinnerung lag, konnte für Proust nur außerhalb der Zeit sein. Es war seine Metaphysik der Erinnerung, die die häufig bereits vergessenen Gegenstände von einst in ein neues Licht tauchten, das ihn zusammenzucken ließ und ihn bannte „durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog“. Für den Schriftsteller war es die eigentliche Weltwerdung, die er im Roman beschreibt: „Man hätte meinen können, dass die Zeichen, die mich an jenem Tag aus meiner Mutlosigkeit ziehen und mir den Glauben an die Literatur wiedergeben sollten, sich verabredet hatten, mannigfach zu erscheinen. Und ich sagte mir, wenn die Erinnerung aufgrund des Vergessens kein Band hat knüpfen können zwischen sich selbst und dem gegenwärtigen Augenblick, bewirkt sie, dass wir plötzlich eine neue Luft atmen. Neu gerade deshalb, weil es eine Luft ist, die wir früher schon geatmet haben. Diese reinere Luft, welche die Dichter vergeblich versucht haben, dem Paradies anzueignen. Denn die wahren Paradiese sind jene, die wir verloren haben. Dies war die Erklärung dafür, dass meine Todesängste in dem Moment aufhörten, indem ich unbewusst den Geschmack der Madeleine wiedererkannt hatte. Weil sich in diesem Moment mein bisheriges Wesen außerhalb der Zeit befand. Dieses Wesen existierte immer nur außerhalb des Handelns und des unmittelbaren Genusses. Nämlich jedes Mal dann, wenn das Wunder einer analogen Sinnesempfindung mich aus der Gegenwart entführte.“ Proust erkannte, als er sich in der Bibliothek des Fürsten Guermantes aufhielt, dass die Empfindungen als Zeichen ebenso vieler Gesetze und Ideen zu deuten waren. Was sinnlich empfunden wird, ließ er aus dem Halbdunkel hervortreten und wandelte es in ein geistiges Äquivalent. Dieses Mittel konnte für Proust nur das Erschaffen eines Kunstwerkes sein, wie durch Wesensschau. Das Erinnern hatte für Proust also eine außerzeitliche Dimension, und in diesem Zusammenhang mag auch seine Liebe zur kirchlichen Tradition gestanden haben, deren Erinnerung für unser Wesen entscheidend sei.

Zur Vorgeschichte zu „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gehört auch Prousts sehr intensive Beschäftigung mit dem englischen Maler, Schriftsteller und Kunsthistoriker John Ruskin, der sich lange den Kathedralen und deren Kunstgeschichte widmete. Proust hat ihn eifrig studiert und sogar dessen „Bibel von Amiens“, eine detaillierte Kunstbetrachtung von Kathedralen, ins Französische übersetzt. Auch hat er Ruskin vor dem damals häufigen Vorwurf, dieser habe nur ein kunstwissenschaftliches Interesse an den Kirchen, ausdrücklich in Schutz genommen. Ruskin habe vielmehr „ein Göttliches verspürt“ am Grund der Gefühle, die ihm Kunst eingegeben habe. Hinter der Schönheit sei immer das Religiöse, was auch für Proust gelten sollte.

Anders als das Klischee vom Leidenden wahrhaben will, reiste Proust viel zwischen Paris und dem Meer, aber auch ins Engadin, nach Bad Kreuznach, Amsterdam oder nach Venedig. Aber natürlich war er auch der Kranke, der sich in seinem Kork-beschlagenen Zimmer gegen Geräusche und Düfte gewappnet hatte und den die eigentlichen Reisen in die Phantasie führten. Hier, in seinem Reich der Erinnerungen, hatte er in unendlichen Details Bezüge der sinnlichen Welt zum Glauben gezeigt, als Teil seiner Metaphysik der Erinnerung.

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