Manipulation und Wahrheitsfindung

Der auf wahren Tatsachen basierende Spielfilm „True Story – Spiel um Macht“. Von José García
Foto: Fox | Als der Journalist Michael Finkel (Jonah Hill, links) vom des Mordes angeklagten Christian Longo (James Franco) hört, wittert er eine Sensationsstory.
Foto: Fox | Als der Journalist Michael Finkel (Jonah Hill, links) vom des Mordes angeklagten Christian Longo (James Franco) hört, wittert er eine Sensationsstory.

Der Spielfilm „True Story – Spiel um Macht“ beginnt mit einem eindrücklichen Bild: In Zeitlupe fällt ein Teddybär in einen Koffer hinein, in dem ein Kind liegt. Wenig später öffnet den aus dem Wasser gefischten Koffer ein Gerichtsmediziner. Offensichtlich handelt es sich dabei zwar um ein grauenhaftes Verbrechen. Diese Vorgänge bleiben jedoch zunächst einmal im Dunkeln, weil sich Regisseur Rupert Goold nun seiner Hauptfigur widmet: Der junge Journalist Michael Finkel (Jonah Hill) recherchiert in Afrika für eine Reportage, die in der „New York Times“ erscheinen soll. Obwohl erst Anfang Dreißig, hat es Finkel bereits zehnmal auf die erste Seite der „New York Times“ geschafft. Die jeweilige Seite wird von Finkels Freundin Jill (Felicity Jones) im heimischen Montana eingerahmt und aufgehängt.

Allerdings scheint es mit seiner neuen Story nicht ganz zu stimmen. Um der Geschichte mehr dramaturgisches Gewicht zu verleihen, hatte es der Reporter mit der Wahrheit nicht ganz genau genommen. Der Chefredakteur beruft eine Krisensitzung mit ihm und der Ressortleiterin ein. Obwohl sich Michael Finkel auf eine „höhere Ebene“ der Wahrheit beruft, steht es für die Ressortleiterin fest: „Du hast gelogen“. Daraufhin verabschiedet ihn der Chefredakteur mit den Worten: „Sie haben eine große Zukunft vor sich – aber nicht hier“. Dies beruht auf wahren Tatsachen: Im Februar 2002 wurde Finkel entlassen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er sich bei seiner Geschichte über Zwangsarbeit im heutigen Afrika nicht an die Fakten gehalten hatte. Regisseur Rupert Goold und sein Mit-Drehbuchautor David Kajganich setzten die von Michael Finkel selbst verfasste Buchvorlage „True Story“ um.

Nach einiger Zeit Untätigkeit im verschneiten Montana wird an den einstigen Starreporter eine Geschichte herangetragen, die ihn wieder ins Journalismusgeschäft zurückbringen könnte: In Mexiko ist ein etwa gleichaltriger Mann festgenommen worden. Christian Longo (James Franco) steht im Verdacht, seine Frau und seine drei Kinder ermordet zu haben – womit sich die erste kurze Filmszene dem Zuschauer erschließt.

Als der Reporter erfährt, dass sich Longo bei seiner Festnahme als Michael Finkel ausgegeben hatte, ist seine Neugier geweckt. So fährt er ins nahe gelegene Gefängnis und erlebt einen charmanten und gutaussehenden Christian Longo, dem er ein so schreckliches Verbrechen kaum zutrauen würde. Der Reporter und der Verdächtige, der auf seinen Prozess wartet, treffen sich immer wieder. Sie korrespondieren darüber hinaus ausgiebig. Regisseur Rupert Goold veranschaulicht diesen Prozess durch eine schnellgeschnittene Sequenz: Christian Longo schreibt seine eigene Geschichte in der Gefängniszelle auf, Michael Finkel liest sie in der eigenen Küche. Aus diesen Gesprächen und Briefen entstand Finkels Buch „True Story“, das im Jahre 2005 veröffentlicht und mit sehr positiven Kritiken bedacht wurde.

Die Ausgangssituation von „True Story – Spiel um Macht“ erinnert an den Spielfilm „Capote“ (Bennett Miller, 2005), der die Entstehung von Truman Capotes Tatsachenroman „Kaltblütig“ schildert. Darin geht der Erfolgsautor der Bluttat von zwei Mördern nach. Auch Capote besucht immer wieder einen der zwei zum Tode Verurteilten in seiner Zelle, mit dem er lange Gespräche führt, woraus eine regelrechte Obsession wird. Dennoch lässt sich Truman Capote nicht vom Verdächtigen vereinnahmen. In „True Story – Spiel um Macht“ bleibt das Verhältnis zwischen dem Journalisten und dem Beschuldigten ambivalent. Nicht umsonst weist Longo bereits beim ersten Gespräch auf die Ähnlichkeit zwischen den beiden hin. Im Vordergrund des teilweise kammerspielartigen Film steht denn auch die Frage, wer wen für seine Zwecke ausnutzt. Im Gegensatz zu seiner Verlobten Jill scheint Michael Finkel trotz seiner Beteuerung, er habe eine „Verpflichtung für die Wahrheit“, immer mehr in den Bann des redegewandten und sympathischen Longo gezogen zu werden. Dabei hätten kleine Details etwa bei der Formulierung von Longos Verteidigung vor Gericht dem Journalisten klarmachen müssen, dass der Angeklagte mit Hilfe von Finkels eigenen Worten eine Geschichte erfindet. Dennoch lassen die eher verschwommenen Rückblenden den Zuschauer bis zuletzt im Unklaren, ob Longo wirklich das schreckliche Verbrechen begangen hat. Trotz des sorgfältigen Produktionsdesigns von Jeremy Hindle, das sich beispielsweise darin zeigt, dass Finkel immer den gleichen Pullover in unterschiedlichen Farben, und ebenso das gleiche Hemd in verschiedenen Farbtönen trägt, der unauffälligen, aber wirkungsvollen Kameraarbeit von Masanabu Takayanagi und vor allem der herausragenden Leistung der zwei Hauptdarsteller hinterlässt „True Story – Spiel um Macht“ einen zwiespältigen Eindruck.

„True Story – Spiel um Macht“ deutet das im Filmtitel angesprochene Spiel um die Macht des Wortes, der Verführung und der Manipulation zwischen den zwei über alle Unterschiede hinweg ähnlichen Protagonisten zwar an. Denn ähnlich sind sie darin, die Fakten zum eigenen Nutzen zurechtzubiegen, sowohl in Finkels anfangs zitierter Reportage für die „New York Times“ als auch in Longos Darstellung und Interpretation des Verbrechens. Diese eigentlichen Fragen hinter der vordergründigen Krimigeschichte werden jedoch eher behauptet als stimmig entwickelt.

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