Manipulation öffentlicher Meinung

Ein deutscher Politthriller, der die typischen Elemente des Genres in die Gegenwart übersetzt: „Die Lügen der Sieger“. Von José García
Foto: NFP | Der mit allen Wassern gewaschene Journalist Fabian Groys (Florian David Fitz) und die naiv wirkende Praktikantin Nadja (Lilith Stangenberg) kommen einem Skandal auf die Spur.
Foto: NFP | Der mit allen Wassern gewaschene Journalist Fabian Groys (Florian David Fitz) und die naiv wirkende Praktikantin Nadja (Lilith Stangenberg) kommen einem Skandal auf die Spur.

Fabian Groys (Florian David Fitz), der in der Hauptstadtredaktion des politischen Nachrichtenmagazins „Die Woche“ arbeitet, hat sich einen Ruf als investigativer, mit allen Wassern gewaschener Journalist erarbeitet. Der Diabetiker, der regelmäßig Insulin spritzen muss, fährt gerne mit seinem schon als Oldtimer zu bezeichnenden Porsche durch die Hauptstadt. Allerdings ist Groys auch spielsüchtig: Immer wieder zieht es ihn an obskure, illegale Orte, wo er beim Würfelspiel Schulden anhäuft. Porschefahrer und Spieler: Fabian Groys wird in „Die Lügen der Sieger“ von Regisseur Christoph Hochhäusler und seinem Mit-Drehbuchautor Ulrich Peltzer von Anfang an als risikofreudig gezeichnet.

Zurzeit recherchiert Groys über angebliche schwarze Kassen bei der Bundeswehr. Mit sicherer Hand inszeniert Hochhäusler die Bundeswehr-Pressekonferenz, um dann ein Gespräch zwischen dem Journalisten und seinem Informanten aus der Sicht der Observierung – in schwarzweiß und mit unsauberem Ton – zu zeigen. Damit verweist Regisseur Christoph Hochhäusler auf die Polit-Thriller der 1970er Jahre, etwa „Die drei Tage des Condors“ (Sydney Pollack, 1975) und insbesondere auf „Die Unbestechlichen“ („All the President's Men“, Alan J. Pakula, 1976). Als Fabians Ressortleiter die naiv wirkende Praktikantin Nadja (Lilith Stangenberg) an seine Seite stellt, reagiert der Journalist nicht gerade begeistert. Deshalb setzt er die junge Frau auf einen absurd klingenden Rechercheauftrag: Sie soll herausfinden, warum ein ehemaliger Bundeswehr-Soldat Selbstmord begangen hat. Im Laufe ihrer Recherche entwickelt sich daraus eine brisante Story, die mit einem Vergiftungsskandal bei einer Gelsenkirchener Recyclingfirma zusammenhängen könnte. Der Selbstmörder könnte – so die These – in der Arbeit psychisch krank geworden sein. Und das war möglicherweise kein Einzelfall.

Nun, da daraus eine richtige „Knaller-Geschichte“ werden könnte, reklamiert Fabian sie für sich, was Nadja natürlich empört. So fahren sie gemeinsam nach Gelsenkirchen. Allerdings stehen sie dort vor verschlossenen Türen – bei der Witwe des ehemaligen Bundeswehrsoldaten, bei der Recyclingfirma, beim Pathologen. Dennoch stoßen sie anderswo auf Interesse: Eine PR-Beratungsfirma sucht nach Mitteln, die Vergiftungs-Story in ihrem Sinne zu beeinflussen, auch wenn Regisseur Hochhäusler bewusst offen lässt, für welchen Auftraggeber die Agentur arbeitet und welche Ziele dabei verfolgt werden. „Die Lügen der Sieger“ belässt es bei Bruchstücken und Andeutungen, um zu suggerieren, dass eine obskure Macht die Recherchen der Journalisten in ihrem Sinne lenkt. Denn Fabian und Nadja finden plötzlich passende Puzzlestücke, die dem vermuteten Chemie-Skandal einen interessanten Dreh geben: die Opfer scheinen alle in der gleichen Kompanie gewesen zu sein. Zu spät erfährt Fabian, dass die Verbindung zu seiner alten Geschichte konstruiert war, Ergebnis einer bewussten Fälschung.

„Geschichte wird von den Siegern geschrieben“, so der bekannte Spruch, den der US-amerikanische Schriftsteller Lawrence Ferlinghetti in einem Gedicht so umwandelte: „Geschichte wird gemacht aus den Lügen der Sieger, aber man würd's nicht erkennen an den Titeln der Bücher“, dem Christoph Hochhäusler den Filmtitel entnimmt. Wer aber steckt hinter den Manipulationen? Fabians Ressortleiter ist nicht begeistert, als sich der investigative Journalist damit nicht abspeisen lässt und weiter recherchiert.

Die Kamera von Reinhold Vorschneider bewegt sich sehr häufig, sie unterstreicht das Gefühl einer ständigen Überwachung, einer komplexen Situation. Dazu führt Christoph Hochhäusler aus: „Es ging uns darum, den Überblick zu verweigern. Gegenwart ist unübersichtlich, man kann sie nicht anhalten. Sie zerfällt in Momente, die man erst in der Rückschau, erzählend, zusammenfügen kann. Deshalb ist die Kamera viel in Bewegung, viele Szenen erleben wir wie aus dem Augenwinkel, nicht frontal, sondern en passant.“ Allerdings erweckt sie auch, etwa bei einer Parallelmontage in den Hotelzimmern, den Eindruck, dass die Kameraarbeit zuweilen zum Selbstzweck wird.

Christoph Hochhäuslers Film nimmt die von den Filmemachern so bezeichnete, „mitunter zwielichtige Arbeitsweise von Lobbyisten“ in der Berliner Republik ins Visier. Die Anzugträger arbeiten in transparenten Bürogebäuden aus Glas und Stahl, aber auch in dunklen Hinterzimmern. In einem solchen bereitet sich etwa ein Lobbyist auf ein Treffen im Restaurant mit dem Wirtschaftsminister vor. Die Szene, in der dann Minister und Lobbyist miteinander scherzen, bis der Lobbyist deutlich macht, wer hier nun das Sagen hat, wirkt zwar auf den ersten Blick als ein satirisches, kaum mit dem restlichen Film zusammenhängendes Einsprengsel. Sie unterstreicht aber die Intention des Regisseurs: „Einer durchaus überschaubaren Anzahl professioneller Journalisten stehen mehr und mehr Spezialisten gegenüber, die nicht der Neutralität verpflichtet sind. Lobbyisten, Spin-Doktoren und PR-Profis sind gefährlich vor allem dann, wenn sie im Verborgenen wirken“, so Hochhäusler.

Andererseits lässt diese Szene – wie auch manche Stellen des Filmes – das Drehbuch als etwas zu konstruiert wirken. Dennoch erweist sich „Die Lügen der Sieger“ als ein gut inszenierter Thriller, der mit den Elementen des Genres – Paranoia, Verschwörungstheorien – gut umzugehen weiß. „Die Lügen der Sieger“ erzählt von Macht und Manipulation im Spiel der Kräfte zwischen Wirtschaftslobbys und Medien.

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