„Malen war für ihn nicht nur Spaß“

Kunst-Experte Jensen über Carl Spitzweg, dessen Todestag sich heute zum 200. Mal jährt, und seine Bilder

Herr Jensen, warum faszinieren Spitzwegs Bilder bis heute?

Es ist das allgemein Menschliche. Spitzweg thematisiert Unbeholfenheit, Erstaunen vor den Wundern der Natur, Verschrobenheit oder Langeweile. Denken Sie an das Gemälde mit dem Wachtposten, der hinter der Kanone einen Strumpf strickt.

KNA: Man muss wohl genau hinschauen...

Ja. Spitzweg ist ein intelligenter Bildregisseur. Er entwirft regelrecht eine Bühne, die durch Häuser, ein Waldstück oder eine Schlucht abgeschlossen wird. Er greift Situationen heraus wie etwa jene von den beiden Mönchen, die über eine Bibelauslegung so heftig streiten, dass der eine dem anderen einen Vogel zeigt.

War Spitzweg schon zu Lebzeiten erfolgreich?

Im Münchner Kreis war er bekannt. Er verkaufte seine Bilder aber auch über Kunstvereine zum Beispiel in Hannover, Karlsruhe, Wien oder Prag. Seine große Popularität über das Fachpublikum hinaus erreichte der Künstler erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In der „Jahrhundert-Ausstellung“ 1906 in Berlin war er mit mehr als 40 Bildern vertreten. Der Siegeszug setzte sich fort, als Hermann Uhde-Bernays 1913 das erste große Buch über ihn veröffentlichte.

Musste er denn ein Leben wie „Der arme Poet“ fristen?

Da ging es ihm besser. Spitzweg hatte eine Erbschaft gemacht. Sein Vater war ein wohlhabender Kaufmann in München und politisch engagiert. Der hat dem Sohn soviel vererbt, dass dieser nicht von seinen Bilderverkäufen abhängig war.

Aber das Kaufmännische war ihm nicht fremd?

Spitzweg hinterzog sogar Steuern, wie mein Kollege Siegfried Wichmann nachgewiesen hat. Von den Geschäftsführern der Kunstvereine ließ er sich die Erträge aus den Bildern bar auszahlen oder schickte einen Freund hin, der das Geld abholte. Er war clever und sehr intelligent.

Schimmert seine Apothekerausbildung in den Werken durch?

Sein großes Wissen über die Botanik und die Geologie bringt er ein. Die Pflanzen lassen sich sofort erkennen und haben immer eine Bedeutung. Ein Bild zeigt beispielsweise ein junges Mädchen mit einem Korb, das einen Waldweg entlanggeht. Dabei neigt sich ihr ein Rosenstock zu, als ob er stellvertretend für den Betrachter das hübsche Mädchen grüßen möchte.

Warum hat er denn die Ölbilder so klein gehalten?

Er sieht sich als Kammer- und nicht als Historienmaler. Im Alter war er übrigens starker Zigarrenraucher. Aus den Kisten hat er die Bretter herausgelöst und sie als Bildträger verwendet. Das war klug, denn Zedernholz verzieht sich nicht.

Es heißt, er sei ein frommer Katholik gewesen?

Mit seiner Frömmigkeit habe ich Schwierigkeiten; seine ironischen Bemerkungen über den Tod oder über sein späteres Grabmal passen nicht recht dazu. Hilfsbereit aber war er, sogar ein Kloster hat er unterstützt. Dennoch schaut er mit einer gewissen Distanz auf seinen Glauben.

Wird denn eine gewisse Frömmigkeit in den Bildern sichtbar?

Kritisch ist sie vorhanden. Die Kirche ist für ihn auch ein Hort der Heuchelei. Dabei zielt er auf die Mönche, die so tun, als wären sie fromm, aber in Wirklichkeit ganz anderes im Sinn haben. Das hat Spitzweg gemalt, aber nie eine Grenze überschritten. Den Mönchen ist er nicht böse und hat Verständnis für sie; zeigt er die Ordensleute ja bei Versuchungen, denen ein jeder ausgeliefert ist.

Hatte Spitzweg eine Mission?

Er hat der Kunst einiges zugetraut. Malen war für ihn nicht nur Spaß. Er wollte die Betrachter auch zur Selbstkritik anhalten. Wenn er eine Mädchengruppe an einem Teich unbekleidet zeigt, auf die von oben zwei Zwerge heruntergucken, dann wird auch der Betrachter zum Voyeur. Die Bilder sollen einen zum Nachdenken anregen – sie erschöpfen sich nicht etwa in flachem Witz.

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