Macht ohne Augenmaß

Das Niveau der Universitäten gerät in Gefahr. Von Christian Scholz und Volker Stein

Dass Leitungen von Hochschulen, also deren Präsidenten und Rektoren, sich in den letzten Jahren einen absolutistischen Machtzuwachs erkämpft haben, ist bekannt. Sicherlich gab es Rückschläge wie die richterlichen Aussagen zur präsidialen Gestaltbarkeit; trotzdem erinnert der Status der Chefs deutscher Hochschulen mehr an die mittelalterliche Feudalherren als an eine Verkörperung demokratischer Strukturen.

Was die Hochschulrektoren aber jetzt planen, verblüfft selbst ihre eingefleischtesten Kritiker. Verkündet hat diese Idee kürzlich der neue Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Professor Horst Hippler aus Karlsruhe: Schlecht forschende Universitäten werden zu Fachhochschulen degradiert, gute Fachhochschulen zu Universitäten befördert. Zur Umsetzung soll ein Forschungsrating entwickelt und seine Ausführung dem Wissenschaftsrat übertragen werden, der – wen wundert es – maßgeblich von der HRK besetzt wird.

Was aber ist diese HRK? Obwohl sich selbst als „Stimme der Hochschulen“ bezeichnend, ist die HRK ausschließlich die berufsständische Interessenvertretung der Präsidenten und Rektoren deutscher Hochschulen. Sie vertritt also nicht die Studierenden, die ihren AStA haben, nicht die Professoren, die im Hochschullehrerverband locker organisiert sind, und auch nicht die Fakultäten, die sich zaghaft im Allgemeinen Fakultätentag zusammenschließen. Sie vertritt ausschließlich die persönlichen Interessen der Hochschulrektoren und hat sich hier zur einflussreichsten Lobbyvereinigung der deutschen Bildungslandschaft gemausert.

Vorstellen muss man sich die HRK wie eine aus Steuergeldern finanzierte „Berufsvereinigung der Vorstandsvorsitzenden deutscher Aktiengesellschaften“ mit Zielen wie Maximieren der Macht der Vorstandsvorsitzenden, Abbau der Mitbestimmung, Vergrößerung der Gehaltsdifferenz zwischen Vorstandsvorsitzenden und dem Rest der Welt sowie Transparenz „nur bei den anderen“. Eine solche „Berufsvereinigung der Vorstandsvorsitzenden“ gibt es natürlich nicht, wohl aber eine entsprechende „Berufsvereinigung der Hochschulrektoren“.

Fachhochschulen sollen Universitäten werden können

Früher galt an Hochschulen das Subsidiaritätsprinzip, gemäß dem fachliche Entscheidungen möglichst dezentral auf der Ebene von Fakultäten oder Lehrstühlen zu treffen sind. Inzwischen regieren die Hochschulrektoren selbst in Forschung und Lehre in die unteren Ebenen hinein, indem sie letztlich ganz alleine über „strategische“ Forschungsrichtungen, über Berufungslisten, über aufzunehmende/abzuschaffende Fächer und über Personalfragen von der Professorenbesoldung bis hin zur Ernennung von Dekanen entscheiden. In dem entstandenen feudalistischen Steuerungsmodell liegt inzwischen die gesamte hochschulinterne Gestaltungsmacht in den Händen eines einzigen Akteurs, gegen dessen Interessen sich auch der korrektive Einfluss eines Hochschulrats in Grenzen hält.

Und jetzt streben Universitätspräsidenten nach dem ultimativen Drohpotenzial, nämlich nach dem Knopf zur Selbstzerstörung: Wenn die Fakultäten sich nicht nach dem Präsidenten richten, droht die als Abstieg ausgeflaggte Umwandlung in eine Fachhochschule. Analoges gilt für die Fachhochschulen: Sie dürfen sich – wenn die HRK dies befürwortet – in eine Universität verwandeln. Zudem werden die nach dem Bologna-Flop unter Druck stehenden und eng mit der HRK verbundenen Akkreditierungsagenturen nicht arbeitslos, wenn die teure Studiengangsakkreditierung demnächst wegfällt und die unsinnige Systemakkreditierung nicht richtig gestartet wird: Der nahtlose Übergang zur tiefgreifenden Forschungsakkreditierung ist mit dem aktuellen Vorschlag der Hochschulrektoren fest eingeplant.

Mit demokratischen Prinzipien von Transparenz und Partizipation hat diese Machtausweitung der HRK jedenfalls nichts mehr zu tun. Ob sich jetzt endlich einmal Widerstand gegen unsere Universitätsleitungen mit Absolutismusanspruch regen wird?

– Professor Christian Scholz, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes sowie Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität des Saarlandes.

– Professor Volker Stein, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personalmanagement und Organisation an der Universität Siegen sowie Vorstand der Südwestfälischen Akademie für den Mittelstand an der Universität Siegen Business School.

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