Macht

Barack Obama, der amerikanische Präsident, ist ein Jahr im Amt. Und gemeinhin wird er der mächtigste Mann der Welt genannt. Sein Charisma scheint diesen Machtanspruch nur zu bestätigen. Ja, global gesehen wurden der Verbindung von Amt und persönlichem Charisma bei Obama gar messianische Qualitäten bescheinigt (oder erhofft). Das er jetzt mit dem Verlust des Senatorensitzes der Demokraten in Massachusetts die strategische Mehrheit im Senat verloren hat und so seine Gesundheitsreform gefährdet ist, dass er in Afghanistan beileibe nicht der Pazifist ist, den manche in ihm sehen wollten – der mächtigste Mann der Welt ist also so mächtig und erlösungskräftig nun auch wieder nicht.

Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, soll laut dem Grundgesetz die Richtlinienkompetenz in der Regierung ausüben. Kritiker werfen ihr vor, davon keinen Gebrauch zu machen – oder nur zu zögerlich. Sie werfen ihr auch vor, nicht genügend ihre Partei zu führen, sich für ihre Partei, die CDU, einzusetzen, die ihre Machtbasis ist. Aber ist Merkel wirklich so machtlos und zaudernd und führungsschwach, wie diese Kritik nahezulegen scheint? Setzt sie sich nicht immer wieder durch, mit ihren Mitteln? Gibt sie nicht die Richtung der Modernisierung in der Union vor, und hat sie ihre Kritiker nicht immer wieder im Zaum gehalten, ohne dass es die Öffentlichkeit gemerkt hat?

Macht, sie tritt charismatisch wie bei Obama auf, aber Charisma allein garantiert nicht die Durchsetzung politischer Vorhaben. Macht, sie tritt pragmatisch und zurückgenommen auf wie bei Merkel, aber eine solche Physik der Macht allein bedeutet nicht, dass ihr ihre Mächtigkeit auch zugesprochen wird, was Sand ins Getriebe des Regierens streut.

Die Rede von der Macht macht immer wieder den Kern der tagespolitischen Debatten in der Politik aus, auch wenn stets zugleich gemahnt wird, dass allein die Sache im Mittelpunkt des Politischen stehen soll. Machtpolitik geht vor Sachpolitik, sie ist Bedingung für Sachpolitik – sagt der Machtrealist. Sachpolitik, die Inhalte, was erreicht werden soll, sind das Erste, das Zweite ist die Frage, welche und wieviel Macht es dafür braucht, diese durchzusetzen, sagt der Machtidealist. Die Tatsache der so großen Rolle, die die Macht im demokratischen Alltag spielt, wird wechselweise entweder beklagt, verteufelt oder geradezu hymnisch eingefordert – beides manchmal von den gleichen politischen Protagonisten zugleich. Die Rhetorik von der Alternative von Machtpolitik und Sachpolitik wird so selbst zum Machtfaktor. Und wieder kommt das Reden von und das Denken über die Politik nicht von der Macht los.

Aber hat die Politik überhaupt noch die Macht, die ihr zugeschrieben wird und sie für Politiker so anziehend macht? Ist es nicht die Wirtschaft, die sagt, was die Politik zu machen hat? Ist es nicht die Lobby, die den Parlamentariern einflüstert, wofür sie ihre Hand heben sollen? Sind es nicht die gesellschaftlichen Druckmacher, die Nichtregierungs-Organisationen, die Vertreter von gesellschaftlichen Gruppen, die sich benachteiligt fühlen und das lautstark beklagen, die Macht haben und die Parlamentarier damit gefügig machen können? Macht Macht nicht käuflich, im finanziellen wie moralischen Sinn?

Machtmenschen – das Wort wird mit gleichzeitiger Bewunderung und Verachtung ausgesprochen. Es schwingt etwas Sakrales darin mit, und etwas Banales. Wer mächtig und ein Machtmensch war, dem wird zumeist nicht zu Lebzeiten, sondern erst im Nachhinein Absolution erteilt, ja er wird geradezu in den Heiligenstand erhoben. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Helmut Kohl, Franz Josef Strauß – sie gelten heute gleichsam als strahlende Vorbilder dessen, was ein Machtmensch ist und sein soll. Und doch standen sie zu aktiven Politikerzeiten immer in der Kritik. Brandt galt als Zauderer der Macht. Schmidt wurde eine Arroganz der Macht unterstellt. Wehner nannte man „den Zuchtmeister“. Kohl belächelten viele zuerst, um ihn dann zum Autisten der Macht zu machen. Wie Strauß brachial Macht ausübte, das wurde nahe der Grenze des Diktatorischen eingeordnet. Man sieht: Wie man's macht, macht man's verkehrt.

Was tröstlich ist. Macht ist etwas, das mehr ist als die Person, die sie gerade hat. An dieser einfachen Wahrheit muss alles Nachdenken über Macht Maß nehmen. Kein Charisma, kein noch so sorgfältig geknüpftes Netzwerk der Macht, keine noch so kunstvolle Schaukelpolitik, keine Intrige und kein Milliardenvermögen können auf Dauer mächtig bleiben. Macht ist immer nur temporär, vergeht, wird den scheinbar Mächtigen untreu. Macht ist kein Schicksal. Jeder kann sich der Macht, dem Bedrückenden entgegenstellen. Jeder kann die Macht anstreben, das Ermöglichende nutzen wollen. Und alle müssen früher oder später erkennen: Macht ist nur geborgt – von Gott, vom Volk, vom Amt. Und selbst der Kaiser ist ab und an nackt.

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