Luxus und Auflehnung: Über das Lesen im Urlaub

Warum ein einziges Buch vollkommen genügt und es dazu ein altes sein sollte Von Johannes Seibel

Das Lesen im Urlaub ist Luxus und Askese zugleich. Luxus, weil der Urlauber vor jedem Urlaub denkt, dass er jetzt endlich Zeit hat, das zu tun, was er sich im Alltag nicht leisten kann – beispielsweise ein Buch von Anfang bis Ende zu lesen. Und Askese, weil die Lesehaltung im Urlaub eine völlig interesselose sein will – der Reisende liest nicht, weil er es muss, um etwa sein Auto reparieren zu können oder um seiner Tochter aus der Fünf in Deutsch herauszuhelfen oder um sich durch die Lektüre von möglichst vielen E-Mails, SMS und Akten Wettbewerbsvorteile in Beruf, Beziehung und Hobby zu verschaffen. Nein, der Lesende im Urlaub lässt das alles hinter sich und liest einfach um des Lesens willen, und das ist gut so.

Idealtypisch. Torpediert wird dieses Ideal in unseren Tagen jedoch aus unterschiedlichsten Richtungen. Beispielsweise durch Politiker, Stars und Sternchen, Kunstschaffende und andere Honoratioren, die von Zeitungen, Funk, Fernsehen und Internet Jahr für Jahr pünktlich zu Ferienbeginn gefragt werden, was sie denn im Urlaub lesen – und die dann aus der Panik heraus, nicht eine intellektuell oder staatstragend genug anmutende Antwort geben zu können, was womöglich ihrem öffentlichen Ruf schadete, die tollsten Titel nennen. Dabei listen diese Honoratioren für ihr Urlaubsgepäck vorsichtshalber immer mehreres auf – zuerst eine Biografie über eine historisch bedeutsame Person wie etwa Karl den Großen, Adolf Hitler oder Franz Beckenbauer, dann einen 800-Seiten-Schmöker aus der Volks- oder Betriebswirtschaftslehre zur aktuellen Finanz- und Weltwirtschaftskrise, den jüngsten schwedischen Krimi sowie schließlich die fälligen Neuerscheinungen von wahlweise Günter Grass, Martin Walser oder Charlotte Roche. Klingt gut, macht Eindruck, glaubt aber kein Mensch. Kein Minister XY wird seine Zeit auf Sardinien, in der Dominikanischen Republik oder an der Mosel tatsächlich damit verplempern, sich all' das reinzuziehen, um sich weiterzubilden – in seiner Freizeit will er wahlweise sich um die Kinder kümmern, seine Ruhe haben oder wirklich mal so richtig die Puppen tanzen lassen. Also, das ist es nicht, was die wahre Lesekultur des Urlaubs ausmacht.

Dann gibt es da noch die Flughäfen, Bahnhöfe und neuerdings auch Autobahnraststätten, die aus dem Lesen im Urlaub Kulturbarbarei machen. Es quellen nämlich an diesen Orten die Regale und Tische von Paperbacks der Bestsellerlisten über, von „Spiegel“ bis was weiß wer welche Listen. Dort schreien die üblichen Verdächtigen den Urlaubern kurz vor Urlaubsantritt entgegen: „Nimm mich, nimm mich!“ Richard David Precht etwa, der sich Philosoph nennt, und doch nur den dösigsten, materialistischsten Ich-Mist zwischen zwei Taschenbuchdeckel verdickt, den man sich vorstellen kann. Oder Olaf Henkel, der selbstverständlich als einziger weiß, wie die Republik zu retten ist. Oder Jens Lehmann – das ist ein in Rente gegangener Fußballtorwart –, der endlich auch mal seine Weisheiten zum Besten geben möchte, nachdem schon Oliver Kahn für sich hatte schreiben lassen. Wer in diesem Gruselkabinett lange genug aushält, der kann sich dann auch noch den unvermeidlichen Dan Brown einpacken lassen. Fastfood. Das alles hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Lesen als Luxus und Askese, wie es im Urlaub sein soll, zu tun.

Wer Lesen im Urlaub dagegen als Lebensstil der gelassen subversiven Noblesse kultivieren möchte, muss es nicht gleich wie der Schriftsteller Richard Wagner machen, der ausschließlich Bücher verstorbener Autoren empfiehlt (siehe oben) – aber er muss zweierlei beherzigen: Er darf nur ein einziges Buch mit in den Urlaub nehmen und dieses Buch sollte mindestens schon zehn Jahre im eigenen Bücherschrank vor sich hingestaubt haben, seitdem es das letzte Mal gelesen wurde – wenn es denn überhaupt schon einmal aus dem Regal genommen wurde.

Nur ein einziges Buch darf es sein, weil allein auf diese Weise sich ein Verhältnis zwischen Urlauber und Buch entwickeln kann. Er nimmt es immer wieder zur Hand, es ermüdet ihn, er legt es weg, aber irgendetwas zieht ihn wieder zur Lektüre, es entwickelt sich ein raffiniertes Spiel von Nähe und Distanz. Längst verloren geglaubte Haltungen werden im Urlaubenden durch monogames Lesen offengelegt: die Lust, nicht aufzugeben, die Treue, auch wenn sie nicht im ersten Augenblick Befriedigung gewährt, der Genuss, wenn sich Fragmentarisches langsam zu Einsichten zusammenfügt, die erfüllen.

Ein altes Buch muss es sein, weil, wenn es der Urlauber zuvor noch nicht zum Bücherflohmarkt getragen hatte, dies sagt, dass es seine Bestimmung noch nicht erfüllt hat. Ein Buch mag den Lesenden nicht berühren, wenn er 30 Jahre alt ist, es kann ihn langweilen, wenn er 40 Jahre alt ist, aber es kann ihn zum entscheidenden Einverständnis führen, wenn er es mit 46 Jahren in die Hand nimmt – und dann entdeckt, welchen Blödsinn er mit 30 Jahren per Bleistift angestrichen hatte, welche kindischen Randbemerkungen er mit 40 notierte, und wie ihm jetzt mit 46 das Buch sich endlich öffnet, wie eine früh Verehrte, um die man Jahrzehnte warb, lange aus den Augen verlor, um sich dann im einzig richtigen Moment zu finden, was mit einer reifen Freundschaft endet. Es gibt einen solchen Kairos des Lesens im Urlaub. Dieser ist Luxus, Askese, Auflehnung, Subversion gegen die Zumutung des Alltags und seiner medialen Dauerberieselung, die taub und tumb macht. Ein Versprechen.

P.S.: Diesen Kairos erlebte der Autor in diesem Sommerurlaub mit Rüdiger Safranskis Buch „Das Böse“. Es soll an dieser Stelle ausdrücklich nur dem empfohlen werden, bei dem es ununterbrochen seit mindestens zehn Jahren unberührt das Bücherbord geziert hat.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer