Literarische Produktion in geistiger Enge

Das Franz-Kafka-Museum in Prag bietet Hinweise auf die religiöse Entwicklung des Schriftstellers. Von Stefan Meetschen

Man sieht ihn nicht, aber gegenwärtig ist er doch, wohin man auch tritt: Franz Kafka (1883–1924), der vielleicht größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, dessen Leben und Werk eng mit seiner Geburtsstadt Prag verknüpft bleibt. Bis heute. Mag die multikulturelle Entwicklung durch Faschismus und Kommunismus auch gestört und in völlig anderen Bahnen weitergegangen sein. Es ist seine Stadt, sein Boden. Kaum ein leiser Winkel, wo man auch heute nicht an sein trauriges Leben erinnert wird. Vom Geburtshaus am Námestí Franze Kafky bis zu seinem Grab auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Metrostation Zelivského, vom Jüdischen Museum, wo seine Werke und dutzende Bücher über ihn zum Verkauf angeboten werden, bis hin zum Goldenen Gässchen an der Innenmauer der Prager Burg, wo der promovierte Jurist und hochsensible Außenseiter von 1916 bis 1917 lebte und an seinen Romanen schrieb. Alles ist gut dokumentiert, festgehalten.

Eine literarische Topographie, die umso erstaunlicher wirkt, als Kafka Zeit seines Lebens ein eher zwiespältiges Verhältnis zu seiner Geburtsstadt besaß. Sie war ihm, dem deutsch sprechenden Juden, ein sperriger Käfig und Schutzraum zugleich. Enge und Inspiration. Eine Ambivalenz, die einem auch im Kafka-Museum begegnet, das sich seit 2005 in Nähe der Moldau, nur wenige hundert Meter von der Karlsbrücke entfernt, befindet. Untergebracht auf zwei Stockwerken in einer alten restaurierten Ziegelei kann man sich hier, begleitet von einem düsteren Soundtrack und einigen multimedialen Effekten, auf eine, im wahrsten Sinne des Wortes, kafkaeske Entdeckungstour machen.

Denn hier sind sie ausgestellt: Erstauflagen von Kafkas Werken, Original-Tagebücher, Briefe, Zeichnungen und Fotografien des Mannes, dessen Leben nach eigenem Willen nichts anderes als Literatur sein sollte und der dennoch eisern an der sein Inneres zermürbenden Büroarbeit im Dienste Österreich-Ungarns festhielt, die ihm kaum Platz für ein schöpferisches Atemholen gewährte. Aus heutiger Sicht eher simpel anmutende Auslandsreisen, wie zum Beispiel nach München für eine Lesung, zwangen dem Mann eine quälerische Reihe von Briefen und Petitionsschriften ab. Als er dann doch fuhr und vorlas, nahm der öffentliche Auftritt die schlimmstmögliche Wendung. Einige Zuhörerinnen wurden ohnmächtig, andere warfen Kafka literarischen Dilettantismus vor. Was er mitnahm waren Angst, Schrecken und Zweifel. Seelische Koordinaten, auf die man auch in den schriftlichen Zeugnissen der Ausstellung stoßen kann. Denn: Der berühmte Brief an den Vater, unter dessen vitaler Übermächtigkeit Kafka seit Kindesbeinen an litt, sind ebenso dokumentiert wie die Korrespondenz mit seinem gläubigen Freund Max Brod, der als Bewahrer von Kafkas unvollendeten Werken in die Literatur- und Geistesgeschichte eingegangen ist.

Doch wie religiös war Kafka selbst? Darüber ist viel geschrieben, viel spekuliert worden. Nicht nur im Zusammenhang mit Romanen wie „Der Prozess“ oder „Das Schloss“, die neben psychoanalytischen und marxistischen Deutungen selbstverständlich auch religiöse Erschließungsversuche erfahren haben. Im Prager Franz-Kafka-Museum findet man dazu Hinweise, die ein verändertes, weniger dekadentes Bild des verzweifelten Künstlers ermöglichen.

Seit 1911 besuchte er das Jiddische Theater und fand dort eine ihn persönlich ansprechende religiöse Atmosphäre vor. Ein authentisches Judentum, das ihm vor allem in der persönlichen Freundschaft mit dem orthodox-chassidischen Schauspieler Jizchak Löwy aufschien. Später dann in der Begegnung und Partnerschaft mit Dora Diamant, der einzigen Frau, mit der Kafka, der sich in früheren Beziehungen dreimal verlobt und entlobt hatte, eine Zeit lang zusammenlebte. Beide hegten den Wunsch, nach Tel Aviv auszuwandern, ein neues Leben fern der Familien zu wagen. Heute wissen wir, dass sich dieser Tritt ins Freie nicht erfüllt hat. Nur ein Teil von Kafkas Schriften und Aufzeichnungen hat es nach Tel Aviv geschafft und ruht dort in einem Banktresor. Geschützt und eingesperrt.

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