Liebe ist stärker als der Tod

Fritz Langs Meisterwerk „Der müde Tod“ (1921) ist gerade in einer exzellent restaurierten Fassung auf DVD erschienen. Von José García
Foto: universum | Auf ihrer Reise trifft ein junges Ehepaar (Lil Dagover, Walter Janssen) auf den Tod in Gestalt eines hageren Mannes.
Foto: universum | Auf ihrer Reise trifft ein junges Ehepaar (Lil Dagover, Walter Janssen) auf den Tod in Gestalt eines hageren Mannes.

Fritz Lang (1890–1976) gehört zusammen mit Friedrich Wilhelm Murnau (1888–1931) zu den bekanntesten deutschen Regisseuren der Stummfilmära. Im Gegensatz zu Murnau, der bei einem Autounfall starb, als er seinen ersten Tonfilm drehte, arbeitete Fritz Lang noch bis in die 1960er Jahre hinein. Dennoch stammen seine bekanntesten Filmwerke, etwa „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922), „Die Nibelungen“ (1924) und „Metropolis“ (1927) aus der Stummfilmzeit. Zu ihnen gehört auch „Der müde Tod“ (1921), der jahrelang vergriffen war und den nun die „Murnau-Stiftung“ in einer restaurierten Fassung vorlegt. Die restaurierte Fassung feierte ihre Premiere bei der diesjährigen Berlinale und wird nun mit hervorragendem Bonusmaterial in der Reihe „Deluxe Edition“ der Murnau-Stiftung auf DVD veröffentlicht.

„Der müde Tod“ war bereits der achte Film von Fritz Lang seit 1919. Wie auch bei seinen anderen Filmen aus der Zeit von 1920 bis 1932 schrieb er das Drehbuch zusammen mit seiner zweiten Frau Thea von Harbou. Das Ergebnis ist ein Film, der ohne weiteres als ihr erstes Meisterwerk bezeichnet werden kann. Die Erfahrung der beiden Filmemacher schlägt sich in einer sicheren Hand nicht nur in der Bildgestaltung (Kamera: Erich Nitzschmann, Hermann Saalfrank und Fritz Arno Wagner) und im aufwändigen Produktionsdesign, sondern auch in der Dramaturgie nieder. „Der müde Tod“ versteht sich nach der Eingangsschrifttafel als ein „Volkslied in sechs Versen“, das „irgendwo und irgendwann“ spielt (allerdings kann in einer Szene das Datum 1862 gelesen werden). In die Rahmenhandlung sind als Verse drei, vier und fünf jeweils eine exotische Episode eingebaut – „Filme im Film“ würde man sie modern nennen.

Als Motiv der Rahmenhandlung dient die Geschichte vom Tod und dem Mädchen, ein Kunstsujet, das sich bereits in der Renaissance findet und insbesondere Ende des 18. und im 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen wurde. Besonders berühmt sind das Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ von Matthias Claudius sowie das gleichnamige Kunstlied beziehungsweise Streichquartett von Franz Schubert. Im Buch von Thea von Harbou und Fritz Lang erzählt sie von einem jungen Ehepaar, das in einem Gasthaus auf einen hageren Mann trifft. Als die junge Frau (Lil Dagover) den Raum kurz verlässt und wiederkommt, ist ihr Mann (Walter Janssen) verschwunden. Dieser knochige Fremde (Bernhard Goetzke) stellt sich als der Tod heraus, der den Geliebten mitgenommen hat. Sie folgt ihm bis vor den Mauern des Todes. Der des Tötens durch die Jahrhunderte müde Tod stellt ihr drei Aufgaben, die sie jeweils in den Orient, in das Renaissance-Venedig während des Karnevals und nach China führen. Es sind drei „Geschichten des Lichts“, denn die junge Frau soll jeweils ein Leben retten – symbolisiert in je einer Kerze, die zu erlöschen droht. In jeder Episode stellen die drei Protagonisten auch jeweils die Hauptfiguren dar.

„Der müde Tod“ zeichnet sich nicht nur durch dieses dramaturgische Konzept, sondern auch durch die außergewöhnliche Filmsprache aus. Die ausdrucksstarken Bilder lassen insbesondere in der Ausleuchtung und in der Untersicht den Einfluss des Expressionismus erkennen. Die Exotik der drei eingebauten Episoden spielt auf die bildende Kunst des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die drei exotischen Welten wurden in Babelsberg im Studio nachgebaut – eine enorme architektonische Leistung, die etwa auf die entsprechende Baukunst in „Die Nibelungen“ oder in „Metropolis“ voraus verweist.

Die Restaurierung bringt die Bilder wieder zum Leuchten. Auch wenn hin und wieder kleine Kratzer oder Schlieren zu sehen sind, besticht der Film durch seine meistens sauberen, scharfen Bilder. Größtenteils entfachen sie dadurch ihre Wirkung, dass sie ursprünglich keineswegs schwarz-weiß, sondern eingefärbt waren. Nur so konnten beispielsweise Nachtszenen überhaupt als solche erkannt werden, weil sie bei Tag gedreht wurden. In einer schwarz-weißen Kopie sind Tages- und Nachtszenen überhaupt nicht zu unterscheiden. Die Einfärbung wurde in der Postproduktion vorgenommen. Weil „Der müde Tod“ nur in schwarz-weißen Kopien überliefert wurde, musste die aus Virage (Einfärbung des Bildträgers) und Tonung (Einfärbung der fotografischen Schicht) bestehende Einfärbung simuliert werden. Darüber gibt das Bonusmaterial Auskunft, etwa auch durch die Gegenüberstellung von eingefärbten und schwarz-weißen Szenen.

Das Bonusmaterial beschäftigt sich darüber hinaus ebenfalls mit der Filmmusik. Von „Der müde Tod“ ist keine Originalmusik überliefert. Die Filmmusik wurde nun von Cornelius Schwehr neu komponiert. Er gestaltet die Rahmenhandlung als einen „Liederzyklus“. Für die „Filme im Film“ komponierte Schwehr aber unterschiedliche, dem jeweiligen Ton angepasste Musiken, die zusammen die Verse drei bis fünf zu einer Art Mittelteil des Filmes zusammenfügen.

In „Der müde Tod“ erweist sich Fritz Lang etwa auch durch die Stilmittel der Überbelichtungen und Überblendungen als innovativer Filmemacher. Das Sujet seines Filmes kann aber im ausdrücklich dem alttestamentlichen Hohen Lied entnommenen Topos „Liebe ist stärker als der Tod“ zusammengefasst werden. Unter einem vielgestaltigen Geflecht von Zitaten und Verweisen erweist sich der Film von Fritz Lang und Thea von Harbou als eine zeitlose Geschichte um Liebe und Selbstopferung, um Tod und Schicksal, die den Zuschauer auch noch heute anspricht.

„Der müde Tod“. Regie: Fritz Lang. Deutschland 1921, restaurierte Fassung 2016, 98 Minuten. Bonusmaterial ca.

56 Minuten, Best.-Nr. 88875-19527-9, EUR 14,99

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