Liebe für das Kind kann alle Schwierigkeiten im Leben meistern

Viel Situationskomik, aber auch Ernst in „Ein freudiges Ereignis“ über die Achterbahn der Gefühle bei jungen Eltern. Von José García
Foto: Camino | Trotz kräftezehrender Augenblicke im Leben mit einem kleinen Kind überwiegen die Glücksmomente von Barbara (Louise Bourgoin) und Nicolas (Pio Marmai) nach der Geburt ihrer Tochter Lea.
Foto: Camino | Trotz kräftezehrender Augenblicke im Leben mit einem kleinen Kind überwiegen die Glücksmomente von Barbara (Louise Bourgoin) und Nicolas (Pio Marmai) nach der Geburt ihrer Tochter Lea.

Die junge Doktorandin Barbara (Louise Bourgoin) geht gerne in die Videothek, nicht nur weil sie durch die ausgeliehenen Filme auf andere Gedanken kommt, während sie an einer Dissertation über Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ schreibt. Im Videoverleih lässt sie sich außerdem gerne beraten von Nicolas (Pio Marmai). Die Titel der Filme, über die sie miteinander kommunizieren, sind voller Zweideutigkeiten, ob es sich um Wong Kar-wais „In the Mood for Love“ oder um Steven Spielbergs „Catch Me If You Can“ handelt. Mit diesem witzigen Einfall führt Regisseur Rémi Bezançon in seinen auf dem 2005 erschienenen, gleichnamigen Roman von Éliette Abécassis basierenden Spielfilm „Ein freudiges Ereignis“ („Un heureux événement“) ein. Ein paar in schnellgeschnittenen Szenen wiedergegebene Verabredungen weiter sind Barbara und Nicolas ein leidenschaftlich verliebtes, glückliches Paar geworden. Nach dem Herumalbern beim Streichen der gemeinsamen Wohnung stellt sich die ganz ernste Frage nach einem Kind. Bald darauf ist Barbara tatsächlich schwanger.

Die Schwangerschaft stellt das junge Paar auf eine harte Bewährungsprobe. Denn als so rosig, wie sich Barbara diese Zeit ausgemalt hatte, erweisen sich diese neun Monate keineswegs. Statt Hochgefühl erfährt sie Übelkeit, Stimmungswechsel und andere Begleiterscheinungen. Macht ihr ihre Mutter Claire (Josiana Balasko) nicht gerade Mut, so mischt sich Nicolas' Mutter für Barbaras Geschmack zu sehr ein. Nach der Geburt wird es nicht leichter, eher noch komplizierter – davon zeugt schon die Angst, die Barbara trotz der Ratschlägen der hemdsärmeligen Hebamme (Firmine Richard) spürt, überhaupt die Klinik zu verlassen. Die anfängliche Belastung durch das Baby schlägt bei Barbara jedoch bald in den unbedingten Willen um, eine hundertprozentige Mutter zu sein. Dafür gibt sie sogar ihre wissenschaftlichen Ambitionen auf. Die Kehrseite dieser Wandlung ist die immer deutlichere Entfremdung von Nicolas, der zwar inzwischen einen festen und fordernden Job angenommen hat, mit der familiären Situation aber trotz aller Liebe zum Baby Lea einfach überfordert ist. Irgendwann einmal kommt es zur Trennung, die allerdings nicht endgültig zu sein braucht. Jedenfalls scheint ein Treffen der drei in einem Café die Chance auf einen Neubeginn zu eröffnen.

So sehr sich „Ein freudiges Ereignis“ von den Hochglanzdarstellungen der werdenden Mutterschaft in Hollywoodfilmen entfernt, neu ist diese ambivalent-realistische Darstellung im europäischen Kino keineswegs. Vor einem Jahrzehnt warnte in Alessandro D'Alatris „Casomai – Trauen wir uns?!“ (DT vom 9.9.2004) bei einer Hochzeit ein schalkhafter Priester die Brautleute vor der Ernüchterung nach einer ersten Zeit des Hochgefühls. Er entwarf ein Szenario, das dem von „Ein freudiges Ereignis“ aufs Haar gleicht. Im Jahre 2008 thematisierte die in Berlin geborene franko-iranische Regisseurin Emily Atef in „Das Fremde in mir“ (DT vom 16.10.2008) gar die „postpartale Depression“, die sich in zwiespältigen Gefühlen der Mutter dem Kind gegenüber äußert, was zu einer Entfremdung der Eltern führt. Regisseur Rémi Bezançon setzt insbesondere auf den Kontrast zwischen dem anfänglichen Hochgefühl und der späteren Ernüchterung, den Kameramann Antoine Monod in gegensätzliche Bilder umsetzt. Herrschen zu Beginn helle Farben und schnelle Kamerabewegungen vor, so setzt Monod in der zweiten Filmhälfte durchgängig bläulich-mattere Töne und statischere Einstellungen ein. Der Regisseur findet ebenfalls eine gute Balance zwischen der Ernsthaftigkeit seines Sujets und einer Situationskomik, die allerdings auch einmal in Klamauk umkippt. Dazu tragen einerseits die überzeichneten Nebenfiguren vom Krankenhauspersonal über den fast als eine Art Sekte auftretenden „Still-Club“ bis zu Barbaras Schwiegermutter bei, vor allem jedoch die geschliffenen Dialoge, die Bezançon zusammen mit Drehbuchautorin Vanessa Portal bietet. Authentisch wirkt „Ein freudiges Ereignis“ trotz mancher Zuspitzung insbesondere durch die Figurenzeichnung, der ihr Ursprung in einem teils autobiografischen Roman anzumerken ist. Louise Bourgoin stellt Barbara mit all ihren Widersprüchen auf dem Weg von der ausgelassenen, lebenshungrigen jungen Frau zur fürsorglichen Mutter glaubwürdig dar. Auch Pio Marmai weiß als verunsicherter Vater zu überzeugen, der eigentlich Verantwortung übernehmen will, aber von der Situation völlig überfordert ist.

„Ein freudiges Ereignis“ stellt zwar die Freuden des Mutter- und Elternseins in den Vordergrund, verdrängt aber nicht die damit verbundenen Schwierigkeiten. Rémi Bezançons Film warnt vor der allzu romantischen Sicht, ein Kind lediglich als Erfüllung eines persönlichen Wunsches anzusehen. Mit viel Situationskomik, ohne jedoch den Ernst der Situation aus den Augen zu verlieren, weil der Regisseur die Sorgen und Ängste seiner Figuren nicht lächerlich macht, verdeutlicht „Ein freudiges Ereignis“ die Umstellung, die das kleine Wesen für das eigene Leben und für die Beziehung bedeutet. Ohne ein Patentrezept anzubieten, zeigt Bezançons Film, wie Barbaras Liebe für ihr Kind die Schwierigkeiten meistert, sodass am Ende die kleinen, aber vielen Glücksmomente überwiegen.

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