Liberale Gesellschaften müssen traditionelle Lebensformen achten

Die philosophische Welt und darüber hin-aus auch die politische Theorie spricht wieder von Hegel, ohne ihn im Schatten von Karl Marx zu sehen. Diese Wende hat sich langsam seit dem Fall der Mauer vollzogen. Und die Pointe liegt darin, dass die marxistische Dialektik, also der dialektische Materialismus oder Diamat, wie ihn die Kommunisten seit jeher liebevoll nennen, durch eben diese Wende in seiner ganzen Schwäche sichtbar wird.

Das Ende des europäischen Kommunismus kann in vielerlei Hinsicht als eine Widerlegung der marxistischen Theorie verstanden werden. Nicht zuletzt ging es auch um einen Kampf der dialektischen Systeme, zwischen dem materialistischen und idealistischen. Marx und seine Mitstreiter haben ihre Dialektik der Revolution ausdrücklich in Frontstellung gegen Hegel gerichtet, auch wenn sie Hegels Dialektik als Methode für ihre Ideen gesellschaftlicher Umwälzungen in Anspruch nahmen. Aber Hegel mit seinen Gedanken über die Höherentwicklung des Bewusstseins, das im „absoluten Wissen“ mündet, war zugleich der eigentlich philosophische Gegner, an dem sich noch Lenin bis über die deutsche Linke der Frankfurter Schule „abgearbeitet“ haben. Marx hatte hierzu den Startschuss damit gegeben, dass man Hegel wieder auf die Füße stellen müsse, nachdem es bei Hegel hieß, beim Philosophieren müsse man zuweilen auf dem Kopf gehen.

In der Zeit des kalten Kriegs bis zum Fall der Mauer stand die Beschäftigung mit Hegel immer im Zeichen der Marx'schen Dialektik. So gab es bei den damaligen Hegel-Kongressen regelmäßig Sektionen zum Marxismus oder marxistische Redner wie Ernst Bloch, Iring Fetscher oder andere, was nicht notwendig war, aber wohl unter dem Sachzwang der Geschichte zu stehen schien. Das war auch 1970 bei den Stuttgarter Hegel-Tagen so, wo im Kolloquium „Marxistische Theorie“ George L. Kline aus Pennsylvania (USA) den Vortrag halten konnte „Was Marx von Hegel hätte lernen können ... und sollen ...“. Marx habe einen grauenhaften Objektivismus vertreten, wenn er schreibe: „Derselbe Geist baut die philosophischen Systeme in dem Hirn der Philosophen, der die Eisenbahnen mit den Händen der Gewerke baut.“ Das ist nicht der sogenannte Materialismus, mit dem sich die Marxisten selbst erhöht haben, sondern purer Objektivismus, mit dem Hirne – gemeint ist hier deren Geist – und Eisenbahnen gleichermaßen zu Dingen reduziert werden. Marx hatte ein menschenverachtendes Weltbild, das die jeweils lebenden Generationen als Hindernis opfern wollte für den geschichtlichen Fortschritt der Revolution, wie es China und Russland für ihre kommunistischen Ziele auch an Millionen Menschen vollstreckt haben. Denn Marx ging es immer um das Endziel Kommunismus, zu dem nur ein blutiger Weg führen konnte. Auf die Sicht der Objektivierung des Menschen weisen auch die vielen naturwissenschaftlichen Vergleiche, mit denen er seine Dialektik belegt. Allen voran das Prinzip der Bewegung, das den Widerspruch in sich trägt, nämlich dass etwas an einem Ort ist und nicht ist.

Gewachsene Kulturen bleiben durch Anerkennung lebendig

Und so lässt sich im Rückblick heute mit Gewissheit sagen, dass die Marxisten die Dialektik am wenigsten verstanden haben. Das ist deutlich in der Beschreibung der Dialektik, als deren erstes Gesetz das „Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie“ von Manfred Buhr (DDR, 1982) das „Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative und umgekehrt“ nennt, „das die Entwicklung nicht als einfache Veränderung, als Evolution fasst, sondern die Einheit von Evolution und Revolution, Kontinuität und Diskontinuität in der Entwicklung betont.“ Diese Reduktion geschichtlicher Wirklichkeit auf qualitative und quantitative Verhältnisse hätte allerdings in Hegels Ohren grotesk geklungen. Denn Marx stellte sich die Entwicklung so vor, dass sich in der Gesellschaft der qualitative Umschlag (Revolution) durch quantitative Veränderungen (Evolution) vorbereitet, etwa durch die extreme Akkumulierung, also Anhäufung des Kapitals der Kapitalisten, die zu Monopolisten werden und die Preise so hoch setzen können, dass sie von den Arbeitern nicht mehr bezahlt werden können: Es sollte dann zum revolutionären Umsturz der Besitzenden kommen. Im Vergleich zu den allmählich erfolgenden quantitativen Veränderungen vollzieht sich die Änderung der Qualität der Gesellschaft als Revolution und Umsturz schnell. Doch sind Qualität und Quantität, die Hegel auch in seinem Hauptwerk „Wissenschaft der Logik“ behandelt, nur unreflektierte Seinsverhältnisse, durch die etwas objektiviert wird; sie entsprechen aber nicht dem, was er mit Vernunft meint. Und hier ist genau der Haken für den Marxismus und Kommunismus. Der Marxismus spricht in großen Worten von Materialismus und meint doch nur Objektivierung, von Menschen, von Geschichte und von wirtschaftlichen Verhältnissen. Alles wird gleichermaßen dem Diktat eines angeblichen Humanismus unterworfen, der sich in ferner Zukunft einmal einstellen soll. Doch genau da, wo Hegel vom quantifizierenden Denken zum reflektierenden und eigentlich zum Denken der Vernunft übergeht, da kommen die Marxisten nicht mehr mit. Noch Theodor W. Adorno muss über diese Stelle in seinen „Drei Studien zu Hegel“ unter der arrogant klingenden Überschrift „Skoteinos oder Wie zu lesen sei“ zugeben: „Im Bereich großer Philosophie ist Hegel wohl der einzige, bei dem man buchstäblich zuweilen nicht weiß und nicht bündig entscheiden kann, wovon überhaupt geredet wird...“ Auch der späte Habermas kann der Vernunfttheorie Hegels nichts abgewinnen und will nur an den Aufzeichnungen des jugendlichen Hegel in den Jenaer Systementwürfen festhalten, deren Themen Sprache und Arbeit er marxistisch interpretiert.

Aber warum überhaupt neuerdings wieder auf Hegel zurückgreifen? Es gibt da einen Punkt in der Theorie, der geradezu zum Angelpunkt moderner Gesellschaftstheorie geworden ist: die Anerkennung. Der Kampf um Anerkennung ist bei Hegel der Weg zum Selbstbewusstsein. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ wird das unter der Überschrift „Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit des Selbstbewusstseins; Herrschaft und Knechtschaft“ behandelt – ein Kapitel, mit dem Marx seine Theorie des Klassenkampfs entwickeln zu können glaubte. Anders als bei Marx ist aber nicht der Arbeiter, sondern der Herr entfremdet, er ist der Genießende, kennt das „Ding“, das bearbeitet und erarbeitet wird, nicht wirklich. Das eigentliche Wissen aber hat der Knecht, er beansprucht daher das Selbstbewusstsein und Selbstgefühl, das auch der Herr hat – und sein Wissen mit in die Freiheit zu nehmen. Wenn sich auf dieser neuen Stufe die Selbstbewusstseine wechselseitig anerkennen, haben sie die Furcht der Unterdrückten, der Randgruppen oder Minderheiten überwunden. Mit der rechtlichen und moralischen Anerkennung der Menschen ist auch die heutige Diskussion unter Hegels Perspektive angesprochen. Die amerikanische sprachanalytische Philosophie hat sich schon länger vehement Hegel zugewandt, besonders auch die Pittsburgher Schule des Neu-Hegelianismus mit Robert Brandom und John McDowell. Vornehmlich über die Sprachphilosophie ist das Interesse an Hegel wieder nach Deutschland zurückgekommen.

Zu diesen sprachanalytischen Hegelianern gehört auch der Kanadier Charles Taylor. Soeben ist von ihm ein dünner Band über „Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung“ (Suhrkamp Verlag 2009) erschienen, in dem es darum geht, wie eine Politik der Gleichachtung unterschiedlicher Gruppen einer Gesellschaft möglich ist. Taylor bemängelt den Liberalismus, wie er in Amerika üblich sei, wo bestimmte Gruppen ihren „Anspruch auf Besonderheit“ in Gerichten durchsetzen und wo diese Art des Verfahrens auch durchaus gewollt ist. Hierdurch wird das Thema der Nicht-Diskriminierung in den Mittelpunkt der gerichtlichen Überprüfung der Gesetzgebung gerückt. Geschichtlich gewachsene Kulturen haben so keinen Vorzug vor neuen Lebensformen. So haben 2001 bei einer Volkszählung in Australien 25 000 Menschen die Religionszugehörigkeit zu den Jedi (nach den Star Wars Filmen) angegeben, was dann auch staatlich anerkannt wurde, weil nur 10 000 Stimmen für eine Religionszugehörigkeit nötig waren. Taylor nennt auch die Besonderheiten der Sprachgesetze des multikulturellen Lebens im Kanadischen Quebec. Es ist genau geregelt, wer seine Kinder auf englischsprachige Schulen schicken darf: Frankophone und Einwanderer dürfen es nicht. In Firmen mit mehr als fünfzig Mitarbeitern muss die Geschäftssprache Französisch sein. Und Plakatwerbung darf es in Quebec in jeder Sprache geben außer in französisch. Sind solche Besonderheiten annehmbar oder nicht? Und welche Rolle spielt hierbei noch der Gedanke der Anerkennung? Für Taylor geht es hier „nicht nur darum, das Französische für diejenigen verfügbar zu halten, die sich dafür entschieden haben“. Es ist eine Politik des „Überlebens“. „Diese Politik ist aktiv bestrebt, Angehörige dieser Gruppe zu erzeugen, indem sie zum Beispiel dafür sorgt, dass sich auch künftige Generationen als Frankophone identifizieren.“ Es geht nicht nur darum, einer bestehenden Bevölkerung Möglichkeiten zu öffnen. Dieselbe Anerkennung fordert Taylor auch für die Religion. Auch für sie muss gelten, dass eine Gesellschaft liberal sein kann und trotzdem für das Überleben besonderer Gruppen wie die der Gläubigen nachhaltig sorgen muss. Auch wenn dieser moderne Hegelianismus stark ins Empirische geht, um dadurch die aktuellen Fragen anzusprechen, ist doch deutlich, dass die Dialektik von dem marxistischen Formen Abschied genommen hat.

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