Letztlich soll alles nur ein Sprachspiel sein

Vor 125 Jahren geboren: Zwischen Zahnschmerzen und religiösen Gefühlen machte der Philosoph Ludwig Wittgenstein keinen großen Unterschied. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Der Philosoph Ludwig Wittgenstein.
Foto: dpa | Der Philosoph Ludwig Wittgenstein.

Können wir nun Zahnschmerzen haben oder nicht? Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein hatte das Problem aufgeworfen, das bis heute diskutiert wird. Ja, die Schmerzen können wir schon haben, aber wir können nicht objektiv darüber reden. Weil sie etwas Privates sind. Eine Privatsprache, und das ist der Kern der Wittgensteinschen Gedanken, gibt es aber nicht. Der Wortausdruck des Schmerzens ersetzt das Schreien und beschreibt es nicht, meint Wittgenstein. Durch das Mitteilen seien wir gewohnt, uns verständlich zu machen und dem Anderen den Sinn der Worte, auch des Seelischen, zu übermitteln. „Die Mitteilung bewirkt, dass er weiß, dass ich Schmerzen haben.“ Doch teilen wir Empfindungen mit, wie die Uhr uns die Zeit mitteilt? Wir seien dadurch getäuscht, dass wir meinen, der Andere habe etwa die gleiche Empfindung. So als würde jemand meinen, fünf Uhr entspreche auch fünf Uhr auf der Sonne.

Sprache ist für Wittgenstein immer die Sprache der Gemeinschaft, ein Einzelner könne keine Sprache haben. Das ist der Kern des Solipsismusvorwurfs gegen die klassische Philosophie, wo angeblich ein einzelnes Ich allein, etwa Descartes „Cogito“ oder Kants „Ich denke“, die Welt aus sich entworfen habe. Ein Vorwurf, den die Sprachphilosophie bis heute erhebt; der aber ein einziges Missverständnis ist, weil bei dem immer wieder kritisierten Kant das „Ich“ der „Kritik der reinen Vernunft“ nur eine Abstraktion aus den Gedanken zur Menschheit aus den geschichtsphilosophischen Schriften sind, die wenig beachtet wurden. Natürlich dachte auch Kant sich die Welt nicht isoliert in seinem Kopfe aus.

Wittgenstein aber stellte den Gedanken der Gemeinschaft in den Vordergrund, durch die wir das Gefühl bekämen, den Anderen im Gespräch verstehen zu können. Doch sind die Wortbedeutungen nach Wittgenstein nur wie Züge in einem Schachspiel. Jede Figur ist durch einen bestimmten Gebrauch bestimmt, und wenn wir sie anders gebrauchen, spielen wir ein anderes Spiel. Auf den Gebrauch der Figuren haben wir uns geeinigt, und diese Konvention nennt Wittgenstein Lebensform. In jeder Lebensform gibt es Sprachspiele, die eingeübt sind. Es gibt also nur noch die Immanenz wechselseitigen Anerkennens, des Gebens und Nehmens von Gründen, wie es heute heißt. Eine davon unabhängige Objektivität aber oder – wie die klassische Philosophie sagte –, einfach Gegenstände, gibt es nicht. Das ist das ganze Geheimnis der modernen Sprachphilosophie, die Wittgenstein mit auf den Weg brachte. Er kennt keine gegenständliche Referenz bei Aussagen, die auf eine von ihnen unabhängige Welt bezogen sind, sondern nur Verweisungszusammenhänge zwischen den Sprechenden. Kooperation heißt heute das Zauberwort. Oder ins Digitale gewendet: Vernetzung. Beides entspringt demselben Geist.

Dass man Wittgenstein häufig als Mystiker bezeichnet, ist umso erstaunlicher, weil es in seiner Welt weder Transzendenz gibt noch eine objektive Gegenstandswelt. Aufschlussreich sind dazu seine „Vorlesungen über den religiösen Glauben“, abgedruckt in seinen „Vorlesungen und Gesprächen über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben“ (Fischer Verlag). Für Wittgenstein ist es mit dem Glauben wie mit den Zahnschmerzen. Er würde es niemandem absprechen, der die Existenz des Jüngsten Gerichts behauptet. Als „eigene private Vorstellung“ ließe er das gelten, aber es mache für ihn objektiv keinen Sinn. In seinen Vorlesungen heißt es: „Angenommen, jemand sagt: ,Woran glaubst du, Wittgenstein? Bist du Skeptiker? Weißt du, ob du den Tod überleben wirst?‘ Ich würde dann wirklich, das ist eine Tatsache, sagen: ,Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es nicht‘, denn ich habe keine klare Vorstellung von dem, was ich sage, wenn ich sage: ,Ich höre nicht auf zu existieren‘.“ Die Konvention der Mehrheit bestimmt über das Sprachspiel, sei es über Religion, Gender, in der Ethik. Nichts ist von sich aus hat ein Wesen – alles ist gemacht. Darauf läuft Wittgensteins Theorie hinaus. Selbst die Verbindung unseres Sprechens mit dem, worauf wir uns beziehen, ist ihm Konvention: „Die Verbindung ist eine Konvention. Das Wort bezeichnet etwas. – Du musst ,bezeichnet‘ durch Beispiele erklären. Wir haben eine Regel, eine Praxis gelernt. – Ist das Denken an etwas so ähnlich wie malen oder auf etwas schießen? – Es sieht aus wie eine Projektionsverbindung, die es unbezweifelbar zu machen scheint, aber es gibt überhaupt keine Projektionsrelation.“ Hatte die französische Aufklärung noch Gott verneint, so konnte man dem widersprechen. Was aber, wenn Verhältnisse wie der Bezug zu Gott gar nicht mehr denkbar sein sollen? Diese Verbindung, in der wir uns auf etwas beziehen wollen, war Wittgenstein das Unaussprechliche, das Rätsel. So haltlos beschreibt Wittgenstein auch den Glauben, soll ihm eine Realität zukommen: „Warum sollte nicht eine Lebensform in einer Äußerung des Glaubens an ein Jüngstes Gericht kulminieren? Aber ich könnte zu der Behauptung, dass es so etwas geben wird, weder ,Ja‘ noch ,Nein‘ sagen. Auch nicht ,Vielleicht‘, und auch nicht ,Ich bin nicht sicher‘.“ Es ist also zu viel behauptet, wollte man Wittgenstein einen religiösen Menschen nennen, dessen Glauben auch eine Realität behauptet. Er hat das Religiöse untersucht wie auch Ästhetisches oder Psychisches. Dennoch wird man ihm nicht religiöse Gefühle absprechen können. Tolstojs Evangelienkommentar habe ihn im Ersten Weltkrieg geradezu am Leben gehalten.

Heute vor 125 Jahren wurde Ludwig Wittgenstein in Wien geboren. Seine Theorie des Sprachspiels hat er erst in seinem zweiten Hauptwerk entwickelt, in den „Logischen Untersuchungen“ (1953). Vorangegangen war der noch berühmtere, aber weniger wirkmächtige „Tractatus Logico-Philosophicus“ (1921), von dem Wittgenstein sagte: „Ich glaube, ich habe unsere Probleme endgültig gelöst.“ Die Lösung schien ihm hier eine strenge mathematisch-logische Methode, ganz anders als seine spätere Sprachphilosophie. Der Österreicher ging 1908 nach Cambridge zu Bertrand Russell, der sein philosophischer Lehrer wurde. Später lehrte Wittgenstein auch selbst am Trinity College in Cambridge. Zuvor war er aber auch Schullehrer, zum Teil in Norwegen, kämpfte im Ersten Weltkrieg in einer Mörsereinheit und half später im Zweiten Weltkrieg, inzwischen mit englischer Staatsbürgerschaft, Verwundeten in London. Sein geerbtes Millionenvermögen verschenkte er an Künstler und Geschwister. 1951 starb er an Krebs, dessen Behandlung er ablehnte. Wittgenstein selbst hatte sich als Therapeuten verstanden: „Der Philosoph behandelt eine Frage, wie eine Krankheit“, aus der das Nachdenken über Sprache hinausführen sollte.

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