Letztlich geht es nur um Kommunikation

Stefan Müller-Doohms Biographie über Jürgen Habermas gibt auch viele Einblicke in die Geschichte der Bundesrepublik. Von Alexander Riebel

Die Biographie über Jürgen Habermas liest sich auch wie eine Geschichte der Bundesrepublik. Mit ihr ist der Philosoph und Soziologe eng verbunden. Mit großer Detailkenntnis hat Stefan Müller-Doohm, einst Student in Frankfurt und nun emeritierter Professor für Soziologie, den Lebens- und Denkweg von Habermas dargestellt.

Gleich zu Beginn stellt der Autor klar, dass Habermas immer distanziert zur Frankfurter Schule stand und deren Ideen zu einer Kommunikations- und Sprachphilosophie verändert hat. Gegenüber Herbert Marcuses sexualisiertem, durch freudsche Psychologie beeinflussten Vernunftbegriff versuchte Habermas ein Verständnis von Vernunft zu etablieren, das von universaler Gültigkeit sei, das er auch gegen Horkheimer und Adorno wandte. Detailliert wird deutlich, wie Habermas im „Institut für Sozialforschung“ in Frankfurt, das Georg Lucás „Grand Hotel Abgrund“ nannte, wichtige Impulse erhielt. Wie er erkannte, dass Marx und Freud einem falschen „szientistischen Selbstmissverständnis zum Opfer gefallen seien, indem sie sich dem „falschen wissenschaftlichen Modell zuordneten, nämlich dem naturwissenschaftlichen“. Und wie Habermas mit der Protestbewegung der Studenten auch gegen sie dachte. Hervorzuheben ist auch Habermas' Hoffnung auf das auf seine Arbeit zugeschnittene Max-Planck-Institut, in dem er interdisziplinär forschen wollte, was jedoch scheiterte. 1981 war das Ende des Instituts besiegelt, und Habermas, der sich kritisch von rechts und links bedrängt sah, war kurz davor, einen Ruf an die University of California in Berkeley anzunehmen und Deutschland zu verlassen.

Amerika wirkt auf deutsche Geister sehr verführerisch, und obwohl Habermas sich immer wieder an Kant orientierte in seinem Impetus, eine universalistische Ethik und Rechtsphilosophie zu formulieren, ist die Hinwendung zum Gedanken angelsächsischer Sprachphilosophie unverkennbar. Klassische Erkenntnistheorie ist ihm fundamentalistisch, und „Moral hat ihren Sitz in einer sprachlich strukturierten Lebensform“. Das hat natürlich auch Konsequenzen für seine Gedanken zur Religion – Müller-Doohm zeigt diese Zusammenhänge ausführlich im Hinblick auf Habermas' Kommunikationstheorie. Zentral sei für Habermas, dass die transzendentale Vernunft von ihrem Sockel herabgestiegen ist und „sich in die Poren der Praktiken und Lebensformen historischer Sprachgemeinschaften festgesetzt habe“. Der klassische Subjektsgedanke hinterlasse keine Lücke, er werde im nachmetaphysischen Denken durch „das Wechselspiel von welterschließenden Sprachen und lebensweltlichen Praktiken“ ersetzt. Es geht also letztlich um Kommunikation, Wissen und Konsens. Der Glaube ist keine Kommunikationsbedingung, noch hat er eine normative Bedeutung im Staat – er ist nur Teil des herrschaftsfreien Diskurses. Habermas nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. doch irgendwie als Mann des Glaubens anzusehen, wäre allzu naiv. Wenn Habermas aber darauf dringt, der weltanschaulich neutrale Staat dürfe sich nicht über die Bedürfnisse der Gläubigen hinwegsetzen, dann aus dem Grund, dass die „Wir-Perspektive“ der Sprachgemeinschaft in die Tat umgesetzt werde. Über die Metaphysik heißt es dann auch eindeutig: „Das nachmetaphysische Denken bestreitet keine bestimmten theologischen Behauptungen, es behauptet vielmehr deren Sinnlosigkeit.“ Habermas sieht sich natürlich auch als nachmetaphysischen Denker. Die Sprachgemeinschaft lässt keine privilegierte Perspektive oder Einsicht zu – das ist die gemeinsame Auffassung von Wittgenstein bis Brandom. Darum auch Habermas' Forderung, die religiöse Sprache in eine säkular/universalistische zu übersetzen. Aber auch in der postsäkularen Gesellschaft, von der Habermas spricht, sei das säkulare Bewusstsein vorherrschend. Dass sich alle Teilnehmer des gesellschaftlichen Diskurses wechselseitig anerkennen sollen, und auch nur das gelten lassen, was sie untereinander anzuerkennen bereit sind, nennt Habermas „Transzendenz von innen“. Sie ist das, was vom klassischen Verständnis von Transzendenz übrig bleibt. Oder wie es Müller-Doohm formuliert: „Im Idealfall verhalte sich wiederum die nachmetaphysisch denkende Person ,zur Religion lernbereit und agnostisch zugleich‘“. Das heißt, es dürften in „Parlamenten, Gerichten, Ministerien und dergleichen nur säkular begründete Entscheidungen legitim sein“.

Dennoch macht Habermas geltend, dass Religion ein sinnstiftendes Potenzial haben könne, das gegen irrationale Tendenzen einer radikalen Vernunftkritik der Religion oder gegen „neuheidnische Denkfiguren“ helfen könne. Diese Offenheit für Religion wird ihm durch seinen formal-intersubjektiven Ansatz möglich, der ihn von den anderen Mitgliedern der Frankfurter Schule unterscheidet. Dass er sein Weltbild auf Sprache stützen müsse, ist abzulehnen und durch die Missverständnisse der Sprachphilosophen seit Wittgenstein begründet. Die Biographie jedenfalls ist äußerst lesenswert, spiegelt sie doch die geistige Diskussion der letzten Jahrzehnte wider.

Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas: Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 784 Seiten, ISBN-13: 978- 3-51842-433-9, EUR 29,95

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