Leiden einer kubanischen Bloggerin

Das Castro-Regime verschärft wieder die Verfolgung von Journalisten und Bürgerrechtlern

Auf Kuba gilt sie als Staatsfeindin. Für das „Time Magazine” gehört sie zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt: Mit ihrem Internet-Blog „Generación Y“ (www.desdecuba.com/generaciony) erreicht Yoani Sánchez weltweit ein Millionenpublikum. Ein Ärgernis für das Regime der Castro-Greise. Kürzlich nahmen Mitarbeiter der Staatssicherheit die oppositionelle Bloggerin vorübergehend fest und misshandelten sie, um ihre Teilnahme an der Demonstration „Gegen die Gewalt“ zu verhindern. Yoani Sánchez wurde 2008 mit dem Weblog Award der Deutschen Welle ausgezeichnet. Sie ist auch Preisträgerin der spanischen Tageszeitung El Pais. Die Maßnahmen gegen Yoani Sánchez zeigen, dass das Castro-Regime wieder die Verfolgung von Journalisten und Bürgerrechtlern verschärft – trotz der Bemühungen Europas und der Vereinigten Staaten, durch eine offenere Haltung gegenüber dem Regime Castros die Besserung der Menschenrechtslage in Kuba herbeizuführen.

Yoani Sánchez, geboren 1975 in Havanna, studierte Sprach- und Literaturwissenschaften. 2007 eröffnete sie den Internetblog „Generation Y“. Yoani Sánchez hat einen Sohn, ist mit dem regimekritischen Journalisten Reinaldo Escobar verheiratet und lebt in Havanna. Die Philologin, die mit ihren Texten und Filmen im Netz den Alltag von Kuba ins Visier nimmt, gilt der Regierung als Staatsfeindin, ihre Beiträge gelten als „Provokation gegen die kubanische Revolution“. Einzig ihre Berühmtheit schützt Sánchez vor Schlimmerem als Reisebeschränkungen. Sie war zwar die erste Person, die es wagte, von Kuba aus ihr Foto und ihren vollen Namen ins Netz zu stellen. Doch sie schrieb vor allem frisch drauflos, weil sie zeigen wollte, wie ihr Alltag in Havanna aussieht. Auf eigene Faust stellt sie über einen der spärlichen, öffentlich zugänglichen Internet-Zugänge in Havanna ihre Texte ins Netz, einen privaten Internetzugang zu Hause in ihrer Hochhaus-Wohnung in Havannas Stadtteil Nuevo Vedado hat sie nicht.

In ihren Beiträgen berichtet die Chronistin vieles, was in den Staatsmedien eher nicht vorkommt. Nun schilderte sie Tat und Folgen einer „Entführung im Camorra-Stil“, wie sie es nennt. Es war ihre eigene Entführung. „In der Nähe der 23. Straße, genau am Kreisverkehr der Avenida de los Presidentes war es, als wir drei stämmige Unbekannte in einem schwarzen Auto chinesischen Fabrikats auf uns zukommen sahen. ,Yoani, steigen Sie ins Auto ein‘, sagte einer zu mir, wobei er mich hart am Handgelenk packte. Die anderen zwei stellten sich um Claudia Cadelo, Orlando Luis Pardo und eine Freundin herum, die uns zu einer Demonstration ,Gegen die Gewalt‘ begleitete. Was ein Tag des Friedens und der Eintracht hätte werden sollen, war – Ironie des Schicksals – ein Nachmittag voller Schläge, Schreie und Beschimpfungen. Die Aggressoren riefen eine Patrouille herbei, die meine beiden Begleiter mitnahmen; Orlando und ich waren dazu verdammt, in das Auto mit dem gelben Kennzeichen einzusteigen – in die schreckliche Welt der Illegalität und der Ungestraftheit des Armageddon.“ Und weiter heißt es in dem Blog: „Im Auto war schon Orlando, unbeweglich gemacht durch einen Karategriff, der ihn mit dem Kopf am Boden festhielt. Einer setzte sein Knie auf meine Brust, der andere schlug mir vom Vordersitz aus in die Nierengegend und auf den Kopf, damit ich den Mund öffnete und das Papier freigäbe. In einem Augenblick hatte ich den Eindruck, ich würde nie mehr aus jenem Auto herauskommen. ,Bis hierher haben wir es dir durchgehen lassen, Yoani. Jetzt ist Schluss mit deinen Mätzchen‘, sagte der, der neben dem Fahrer saß, wobei er meinen Kopf an den Haaren hochzog.“

Alle drei kamen nach etwa einer halben Stunde wieder frei: „Auf einer Straße in Timba ließen sie uns zurück, am Boden liegend und gekrümmt vor Schmerzen. Eine Frau kam herbei: ,Was ist Ihnen passiert?‘ – ,Eine Entführung‘, brachte ich heraus. Wir hielten uns umarmt und weinten mitten auf dem Gehsteig.“ Für Yoani Sánchez war es „eine Demonstration der Machtlosigkeit und Intoleranz“, das Internet indes kann selbst das Regime kaum kontrollieren. In der Klinik bekam sie Schmerzmittel und eine Krücke. In ihrem Beitrag „Die Schuld des Opfers“ grübelt sie über jene, die so tun, als sei sie selbst verantwortlich. „Falls es um ein Opfer von politischer Unterdrückung geht, da fehlt es nicht an Leuten, die anführen, dass Unvorsichtigkeit die Ursache einer so ,energischen‘ Antwort gewesen sei. Das Opfer fühlt sich, angesichts solcher Verhaltensweisen, doppelt angegriffen.“ Yoani Sánchez ist wie immer optimistisch: „Wir haben schon wieder angefangen zu lächeln, was die beste Medizin gegen Misshandlung ist. Die Haupttherapie für mich bleibt weiterhin dieser Blog und die tausend Themen, die ich noch in ihm behandeln will.“

Da hat die kubanische Staatssicherheit noch einiges für sie Unangenehmes zu erwarten. Dabei ist der „Fall Sánchez“ für sie alles andere als einfach. Yoani Sánchez gehört weder zu einer Oppositionsgruppe, noch hat sie irgendwelche Verbindungen zur US-Vertretung in Havanna. Auch rufen die Texte in ihrem Blog in keiner Weise zu Delikten oder dem Sturz der Regierung auf. Yoani Sánchez ist lediglich dort politisch, wo sie ihre persönliche Meinung zu den Verhältnissen in ihrem Land kundtut – und das ist man nicht gewohnt in einem Staat, der die Meinungsfreiheit verbietet, Andersdenkende einsperrt und foltert. Yoani Sánchez aber lässt sich den Mund nicht verbieten. Sie will, schreibt sie in ihrem jüngsten „Schattenwesen“ überschriebenen Blog, „Zeugnis ablegen über diese Kreaturen, die uns bewachen und drangsalieren. Schattenwesen, die wie Vampire sich von unserer menschlichen Fröhlichkeit ernähren, uns Furcht einflößen durch Schläge, Drohungen und Erpressung. Individuen, die darin ausgebildet sind, Druck auszuüben, die nicht damit rechnen konnten, sich in gejagte Jäger verwandelt zu sehen, in Gesichter, die von der Kamera erwischt wurden, vom Handy oder von den neugierigen Augen eines Bürgers. Gewohnt daran, Beweise zu sammeln für das Protokoll, das über uns alle in irgendeiner Schublade steckt, in irgendeinem Büro, überrascht es diese jetzt, dass nun wir eine Bestandsaufnahme ihrer Gesten und Augen machen, eine akribische Aufstellung ihrer Schikanen.“ Und in ihrem im Februar 2010 beim Heyne Verlag erscheinenden Buch „Cuba libre. Von der Kunst, Fidel Castro zu überleben“ berichtet sie über das Leben auf Kuba, spricht offen über Zensur und Beschattung und bietet somit – fern jeder Reiseführerromantik – Einblicke in eines der letzten kommunistischen Länder.

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