Lehrermangel ohne Ende?

Fachkräfte aus der Wirtschaft werden die Lücken nicht schließen

Das Bild vom Lehrer wandelt sich völlig. Eigentlich stellt man sich ihn verbeamtet vor und für die Dauer seiner Arbeitszeit an einer bestimmten Schule. Doch das entspricht nicht mehr der Wirklichkeit. Und die fördert nicht gerade das Image des Lehrers. Denn an Lehren mangelt es inzwischen gewaltig. Bildungsministerin Annette Schavan machte jüngst den Vorschlag, die Lücke ansatzweise mit Spitzen-Kräften aus der Wirtschaft zu schließen. So ähnlich, wie man sich in Amerika zeitweise Generäle in die Leitung von Wirtschaftsunternehmen geholt hat.

Sachlich gesehen ist der Vorschlag nicht ganz falsch, denn die Ingenieure, die dann Physik oder Mathematik unterrichten sollen, kennen die Methoden ihres Faches genau – und was ist die sachbezogene Pädagogik anderes als die Methode des jeweiligen Schulfachs selbst? Doch über den Zusammenhang zwischen Pädagogik und Methoden der Sachgebiete besteht längst kein Konsens mehr. So werden in den ersten Schuljahren eben nicht erst die Grundrechenarten gebüffelt, sondern man versucht, sich ihnen spielerisch oder in Knobelaufgaben a la Pisa-Tests langsam zu nähern. Dass dann die Schüler im ersten Jahr auf dem Gymnasium noch nicht sicher wissen, was 12 mal 12 oder 13 mal 13 ist, wird als Folge dieses Unterrichtsmodells hingenommen. Dass pädagogisch nicht ausgebildete Lehrer zunehmend eingestellt werden, ist allerdings im Hinblick auf die immer schwerer erziehbaren Jugendlichen ein Problem. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sieht hier noch weitere Schwierigkeiten. Die flächendeckende Einstellung von Praktikern, wie Schavan vorgeschlagen hat, berücksichtige nicht die finanzielle Seiten, denn die gut ausgebildeten Fachkräfte könnten nur nach dem jeweiligen Tarif in den Bundesländern bezahlt werden. Zudem müssten die Lehrer von ihren Betrieben stundenweise freigestellt werden, was zu erheblichen Problemen führen würde. Kraus vermisst, dass Schavan in den vergangenen Jahren eine konkrete Lehrer-Bedarfsplanung erstellt hätte.

Der Lehrermangel führt auch zur Konkurrenz unter den Bundesländern. Und da werben die reicheren Länder Lehrer von den ärmeren ab. Mehr als 120 Lehrer wollen jetzt Berlin verlassen, weil sie im Süden bis zu 700 Euro im Monat mehr verdienen. Verhindern lässt sich das nicht, denn hier herrscht freier Wettbewerb. Nach Auffassung von Kraus bedroht der Lehrermangel auch den Wirtschaftsstandort Deutschland. Denn in den nächsten Jahren gehen hunderttausende Lehrer in den Ruhestand. Es müssen also neue Konzepte her. Die betreffen das schlechte Image der Lehrkräfte, ihre Bezahlung, die Pädagogik und vor allen Dingen eine langfristige Stellenplanung.

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