Lebensfrohes Memento mori

Jedermann-Darsteller Cornelius Obonya verabschiedet sich mit einem grandiosen Spiel aus Salzburg. Von Oliver Maksan
Salzburg: Cornelius Obonya als Jedermann; Peter Lohmeyer verkörpert den Tod.
Foto: dpa | Vom Tod erschreckt aus dem Leben gerissen: Cornelius Obonya (links) als Jedermann; Peter Lohmeyer verkörpert den Tod.

Am Ende steht da ein anderer, ein geläuterter und verwandelter Mann: Vom reichen und hartherzigen Prasser zum todesgewärtigen und bußfertigen Sünder ist es ein weiter Weg, den Jedermann-Darsteller Cornelius Obonya zurückzulegen hatte. Der Burgschauspieler und Spross einer österreichischen Theaterdynastie – sein Großvater Attila Hörbiger spielte den Jedermann vor und nach dem Krieg – legt ihn aber in souveräner Meisterschaft zurück. Durch sein grandioses Spiel hat er sich einen weiten, glaubwürdigen Entwicklungsbogen geschaffen. Man hat nach dem zweistündigen Spiel den Eindruck, im selben Mann zwei Menschen auf der Bühne vor dem Salzburger Dom gesehen zu haben. Auch die für das Stück und den Aufführungsort im Freien nötige Stimmgewalt und -beherrschung zeigt er formvollendet. Es ist daher unendlich zu bedauern, dass er in diesem Jahr nach seinem Debüt 2013 zum letzten Mal den Jedermann verkörperte. „Das ist mein letzter Bieranstich als Jedermann“, verabschiedete er sich zu Beginn der Festspielzeit. Im nächsten Jahr wird die Hauptrolle des Klassikers der Salzburger Festspiele daher neu zu besetzen sein. Als ein Gewinn darf ohne Frage die Neubesetzung des Mammons mit David Bennent gelten. Er erweckt das Geld, an dem Jedermanns Herz in seinen Erdentagen so sehr hing, zu frechem Leben. „Du gehörst mir und Du bist mein Ding“, meint der Jedermann. Doch der Mammon sieht das anders. „Nein, Du tanzt nach meiner Pfeife“. Auf seine letzte Reise will er, der Mammon, den durch den Tod – in seiner schaurigen Majestät wunderbar gespielt von Peter Lohmeyer – wörtlich zu Tode erschreckten Jedermann folglich nicht begleiten. Überzeugend in ihrer humorvollen Koketterie ist auch Miriam Fussenegger als Buhlschaft. Erstmals spielte sie in diesem Jahr die begehrte Rolle und gab die schöne und frivole Verführerin, der der Jedermann erotisch verfallen ist.

Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes: Auch über 90 Jahre seit der Erstaufführung 1920 in Salzburg zieht es die Zuschauer noch in den Bann und fährt als Milchkuh der Festspiele verlässlich volle Ränge und Kassen ein. Die Kritiker hingegen rümpften schon anlässlich der umjubelten Uraufführung in der Regie von Max Reinhardt in Berlin 1911 die Nase – und das ist bis heute vielfach so geblieben. Tatsächlich ist das holzschnittartig anmutende Stück mit seiner altertümlichen Sprache und Reimform und den allegorischen Figuren noch immer ein kraftvolles Memento mori. Anlässlich der Erstaufführung in Salzburg soll der damalige Erzbischof vor Bewegung geweint haben. Auch heute rührt es noch viele Zuschauer an – zum Lachen wie zum Weinen. Als katholisches Propagandastück hat man deshalb die von Hugo von Hofmannsthal angefertigte Bearbeitung eines mittelalterlichen englischen Stoffes, des Everyman, bezeichnet. Gott der Herr bestellt den Tod ein, dass er ihm den reichen, gottvergessen dahinlebenden Jedermann hole. Dieser erwirkt vom Tod eine letzte Frist. Von den Freunden und allen irdischen Sicherheiten verlassen auf sich allein gestellt macht sich Jedermann auf, vor seinen Schöpfer zu treten. Die mageren Guten Werke, vor allem aber der Glaube – dargestellt von Johanna Batzner und Hans Peter Hallwachs – stehen ihm schließlich als Anwälte trotz der überzeugenden Anklage des Teufels – humorvoll und vertretbar zotig von Christoph Franken gespielt – zur Seite.

Die Lebensfreude wie das Morbide: Beides vermag die Neuinszenierung der britischen Regisseure Brian Mertes und Julian Crouch von 2013 auch in ihrem vierten Jahr packend auf die Bühnenbretter zu stellen. Ein wahres Feuerwerk der Ideen, Masken und Kostüme brennen sie dabei ab, Mysterienspiel und Spielmannszug in einem. Zusammen mit der Kulisse des Domes und dem im Stück eingesetzten mächtigen Geläut seiner Glocken wird ein Besuch des Jedermann so zu einem ebenso sinnlichen wie geistlich ergreifenden Ereignis: ein lebensfrohes Memento mori.

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