Lebensfreude setzt sich gegen Diktatur durch

Mit feiner Ironie erzählt der Spielfilm „?NO!“ die 1988 in Chile gegen Pinochet gestartete gleichnamige Kampagne. Von José García
Foto: Piffl Medien | Die Medienkampagne gegen Augusto Pinochet im Chile des Jahres 1988 soll nach den Vorstellungen von René Saavedra (Gael García Bernal) dem chilenischen Volk vor allem Schwung und Lebensfreude versprechen.
Foto: Piffl Medien | Die Medienkampagne gegen Augusto Pinochet im Chile des Jahres 1988 soll nach den Vorstellungen von René Saavedra (Gael García Bernal) dem chilenischen Volk vor allem Schwung und Lebensfreude versprechen.

Im Oktober 1988 kam es in Chile zu einer Volksabstimmung darüber, ob bei den Präsidentenwahlen von 1989 der bereits seit fünfzehn Jahren regierende Diktator Augusto Pinochet als einziger Kandidat auftreten durfte, oder aber weitere Kandidaten zugelassen werden sollten. Das „Ja“ beim Referendum würde deshalb Pinochets Präsidentschaft für weitere acht Jahre konsolidieren, das „Nein“ dagegen freien Wahlen den Weg ebnen. Das Ergebnis ist bekannt: 54 Prozent der abgegebenen Stimmen sprachen sich für mehrere Kandidaten aus, was dann den Demokratisierungsprozess in Chile in Gang setzte. Wie es bei der Volksabstimmung zu diesem „Nein“ kam, erzählt der Spielfilm „?NO!“ von Pablo Larraín, der dieses Jahr für den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film nominiert war, nach dem Theaterstück „Referendum“ von Antonio Skármeta. Neben fiktiven Charakteren verdichtet das Drehbuch von Pedro Peirano jeweils mehrere reale Personen in einer Figur, so insbesondere auch die zwei tatsächlichen Verantwortlichen der „?NO!“-Kampagne im Hauptcharakter René Saavedra (Gael García Bernal).

Denn die chilenische Opposition trifft eine wichtige Entscheidung für den Abstimmungskampf: Die wenigen Minuten, die ihr im Gegensatz zur offiziellen Pro-Pinochet-Kampagne in den Medien zugestanden werden, sollen von einem Werbefachmann gestaltet werden. So engagieren die Oppositionellen René Saavedra, der eigentlich Werbung für Getränke macht. Renés Werbestrategie besitzt allerdings eine Eigenschaft, die sich auch in der Politik als entscheidend erweisen wird: Um die Softdrinks zu bewerben, vermittelt er eine Lebensfreude, die dem chilenischen Volk nach fünfzehn Jahren Diktatur offenbar abhandengekommen ist. Zwar wollen die oppositionellen Gruppen zunächst einmal auf heftige Bilder von Folter und Terror setzen, weil sie ohnehin nicht an einen Erfolg glauben und dadurch wenigstens auf diese Missstände hinzuweisen hoffen. Mit viel Engagement schafft es René jedoch, sie davon zu überzeugen, dass ihre einzige Chance darin besteht, dem chilenischen Volk Hoffnung und Freude zu versprechen. So wird unter dem Motto „Chile, die Freude kommt!“ die „?NO!“-Kampagne geboren. Renés gefährlichster Gegner sitzt allerdings im selben Haus. Denn sein eigener Chef Luis Guzmán (Alfredo Castro) arbeitet eigentlich für die Regierung. Zu den Stärken der „?NO!“-Kampagne erklärt Hauptdarsteller Gael García Bernal: „Der beste Schachzug war, das neoliberale System, das die Diktatur eingeführt hat, für die eigenen Zwecke zu nutzen – und gleichzeitig den gesamten Spielraum der rudimentären Demokratisierung der Medien, die sich damals abzeichnete. Sie hat an den Optimismus und an das Glücksversprechen in einem Land appelliert, das unter dem traumatischen Schock als Konsequenz der Diktatur litt.“

Larraín erzählt „?NO!“ als eine Art Reportage, wozu Kameramann Sergio Armstrong besonders am Anfang vorwiegend die Handkamera einsetzt, was dem Film eine gewaltige Dynamik verleiht. Weil Larraíns Film zu einem bedeutenden Teil – laut Filmproduktion zu dreißig Prozent – aus Dokumentarmaterial besteht, wählte Pablo Larraín das ungewohnte 4:3-Verhältnis, das klassische Fernseh- oder Videoformat. Dazu führt der chilenische Regisseur aus: „Wir haben uns entschieden, in genau dem Format zu drehen, in dem auch praktisch das gesamte in unserem Film verwendete Archivmaterial gedreht worden ist. Durch die Verwendung der originalen Umatic-Kameras haben wir genau den Look der in den achtziger Jahren entstandenen Aufnahmen bekommen, sodass der Zuschauer vom Bild her nie genau wissen kann, was Archivmaterial ist und was für den Film gedreht wurde.“ Das führt allerdings dazu, dass einige Bilder überbelichtet anmuten, dass sich insgesamt ein „fehlerhafter“ Eindruck einstellt – was wiederum zum Authentizität vorspiegelnden Reportage-Charakter passt.

Regisseur Larraín macht keinen Hehl daraus, wem seine Sympathien gelten, was sich bereits in der Schauspieler-Auswahl abzeichnet: Der „Gute“ René Saavedra wird von einem Sympathieträger dargestellt, einem der beliebtesten spanischsprachigen Schauspieler, obwohl dies erforderlich machte, dass sich der Mexikaner Gael García Bernal einen chilenischen Akzent aneignen musste. Den „Bösen“ Luis Guzmán verkörpert der chilenische Darsteller Alfredo Castro hingegen mit finsterer Miene und deutlicher Humorlosigkeit. Trotz dieser Parteinahme umschifft Pablo Larraín die Gefahr, zu ideologisieren, die Pinochet-Anhänger zu sehr als Abziehbilder darzustellen. Seinen Film zeichnet vielmehr dieselbe Leichtigkeit, die feine Ironie aus, die auch die darin beschriebene Werbekampagne charakterisiert. Dennoch: Dass bei der freien Volksabstimmung 46 Prozent mit „Ja“ stimmten, war gewiss nicht nur darauf zurückzuführen, dass die Diktatur (fast) die gesamte Medienlandschaft kontrollierte. Darüber hinaus muss Augusto Pinochet bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil der Bevölkerung Rückhalt gehabt haben. Was für Menschen diejenigen waren, die Pinochet gewählt haben, bleibt bis auf die klischeehafte Figur des Luis Guzmán als Handlanger der Diktatur völlig im Dunkeln. Schade, dass dies Pablo Larraíns Film um der politischen Korrektheit willen kaum anreißt.

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