Leben mit konkurrierenden Moralvorstellungen

Vor 400 Jahren starb Caravaggio – Die Kunsthistorikerin Sybille Ebert-Schifferer sprach in München über die Frömmigkeit in den Bildern des Malers

Mit Blut ist sie geschrieben, die Signatur unter dem Haupt des Täufers in San Giovanni in Valletta auf Malta: „F Michelang“. Ein eindeutiges Bekenntnis zur Märtyrertheologie des Malteserordens, in den „Fra Michelangelo“ 1608 ehrenvoll aufgenommen worden war. Bei der Enthüllung des Bildes freilich saß Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio, im Ordensgefängnis: dem Organisten hatte er nachts die Tür eintreten helfen, beim anschließenden Waffengang war ein Ritter getötet worden. Mit Hilfe von Verbündeten konnte Caravaggio fliehen – wie schon 1606 aus Rom, wo er ebenfalls in eine Schlägerei mit tödlichem Ausgang verwickelt war.

Es sind solche Geschichten, die vor allem die Romantik dazu verführt haben, Caravaggio als idealtypischen „Peintre maudit“ zu verstehen, als Mörder und „verruchten Maler“, der in Heiligen soziale Außenseiter porträtiert habe. Nur: Warum malte Caravaggio anderswo jeweils höchst erfolgreich weiter? Und warum bestand sein Umgang nachweislich vor allem aus hochrangigen Kirchenvertretern, aus Adligen und angesehenen Künstlerkollegen?

Weil wir die frühe Neuzeit völlig falsch verstehen – antwortete Sybille Ebert-Schifferer, Direktorin der Bibliotheca Hertziana, dem römischen Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, in ihrem kürzlich erschienenen Band „Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben“. Glauben? Ja natürlich, sagte Ebert-Schifferer. Der Mensch der frühen Neuzeit lebte noch in zwei miteinander konkurrierenden Moralsystemen: dem der Ehre und dem der Religion. Auf der einen Seite Ehrbeschädigung und -wiederherstellung, wie sie vor allem die adligen Jungspunde rund um Caravaggio und, sie imitierend, auch das Bürgertum spielerisch und emphatisch pflegten, auf der anderen Seite Umkehr, Reue und Buße, Reifung des Menschen am Christentum. Je tiefempfundener die Weltlust, desto tiefer auch die Weltabwendung. Moralische Kohärenz des ganzen Menschen, Übereinstimmung von Theorie und Praxis, das forderte zuerst Martin Luther. Und förderte indirekt mit seiner Nähe zu den Fürsten, den zunehmend absolutistischen Landesherrn auch die Entwicklung des Staates: Aus Moral wurde Recht. Eine beispiellose Erfolgsgeschichte: Nachdem auch die Gegenreformation nolens volens das neue Menschenbild übernommen hatte, sollte die Aufklärung das Recht noch einmal vereinheitlichen – und seine christlichen Wurzeln abschneiden. Übrig blieb die Moral, Angelegenheit des Staates und dem Individuum immer noch zunehmend so internalisiert, dass viele es gegenwärtig nicht einmal mehr als „moralisch“ empfinden, wenn sie von Politikern und Priestern „weniger Heuchelei“ fordern und einander wegen überhängender Obstbäume vor Gericht zerren. Den Kreisen um Caravaggio hätte so viel soziale Kontrolle als Maximum an Kriminalisierung und Repression gegolten: Ein ehrenhafter Mann beklagte sich nicht höheren Orts, sondern setzte, wie die Ritter des Mittelalters, sein Recht selbst durch – und floh anschließend notfalls vor den streng örtlichen begrenzten Behörden. Ohne Folgen für sein Prestige. Geschweige denn für seinen Glauben.

Sybille Ebert-Schifferer arbeitet selbst viel zu ehrenhaft, um Caravaggio jetzt in Umkehrung der Romantik zu einem tief frommen Menschen zu erklären: Die Frömmigkeit um 1600 ist schließlich nicht innerlich, nicht protestantisch, sondern objektiv. So objektiv, so kirchentreu, so im besten Sinne dogmatisch wie laut Ebert-Schifferers revolutionären Erkenntnissen Caravaggios Bilder. Die Kunsthistorikerin will nicht wiederum vom Werk auf das Leben schließen, weil sie das generell für den Biographismus eines moderneren Künstlertypus hält. Aber, sagt sie in der Katholischen Akademie in Bayern, sie halte es für extrem unwahrscheinlich, dass es sich bei einem Bild wie der Enthauptung des Johannes „um die Heuchelei eines notorischen Agnostikers handeln“ könne. Sie habe bei Caravaggio, betont sie erneut, kein einziges Beispiel gefunden, wo er gegen die strengen Auflagen des Konzils von Trient verstoße oder sie auch nur ironisiere. Im Gegenteil: Er sei theologisch hochkompetent. Und dass er sich auf vielen Bildern selbst als Zuschauer des heiligen Geschehens porträtiere, lasse darauf schließen, dass er sich auch als dessen „ersten Zeugen“ begreife.

Klar: Caravaggio malt realistischer als seine Vorgänger, das machte seinen enormen Erfolg schon bei den Zeitgenossen aus. Seine Maria Magdalena trägt tatsächlich die Züge einer Prostituierten, wie man sie seinerzeit überall öffentlich sah. Aber sie weint und lässt gottergeben die Hände sinken, getroffen von der höchst objektiven Macht des Heiligen, von der Erkenntnis ihrer Sünde und umflort von Melancholie, die der Abschied von der Sünde kostet. Klar: Caravaggios Evangelist Matthäus trägt bäurisch-silenhafte Züge – weil der Silen den Sokrates assoziiert, den Weisen schlechthin. Klar: Die Pilger in der Abbildung der Loreto-Madonna haben nackte Füße. Aber wurden ihnen genau die nicht von Adligen gewaschen, zur Buße eigener Sünden?

Schon eine Generation später aber hatte sich die neue Moral durchgesetzt: Der Kritiker Giovanni Pietro Bellori notierte jetzt buchhalterisch nicht abgenommene Kappen oder einen deutlich zu jungen Christus im „Emmausmahl“. Dabei bezieht sich Caravaggio hier bloß auf das Markus-Evangelium, das erzählt, wie der Auferstandene in verwandelter Gestalt erscheint. Auch als ungewöhnlich grausam, wie oft behauptet, dürfen Caravaggios Bilder unter zeittypischen Maßstäben kaum gelten. Bellori etablierte die Rede vom exzessiven Rebellen, weil das Heilige gerade aufgrund der Kohärenzforderung seinen Sitz im und seine Macht über das Leben verlor. Die Romantik brauchte da nur noch die Vorzeichen umzukehren.

Mehr als 500 Zuhörer überforderten nahezu die Platzkapazitäten der Katholischen Akademie in München am vergangenen Dienstag. Schließlich haben sämtliche Kritiken Sibylle Ebert-Schifferers Forschungen als maßstabsetzend gerühmt. Das Geheimnis Caravaggio jedenfalls, das wird auch im persönlichen Vortrag deutlich, zerstört sie nicht, sondern vermehrt es nur um jenes größere: wie der Einzelne mit all seiner Welthaftigkeit und Welthaltigkeit zum Objektiven des Glaubens berufen sein kann.

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