Leben im Dienst des Absoluten

Eine Lesebuch zu Simone Weil zeigt ihre Gedanken zur Schönheit des Daseins

Als am 24. August 1943 im englischen Ashford/Kent eine junge französische Intellektuelle starb, vollendete sich das Leben einer der herausragendsten Persönlichkeiten, die das ohnehin äußerst fruchtbare beginnende 20. Jahrhundert hervorgebracht hatte; ein Leben, das wie kaum ein anderes unbeugsam seinen eigenen Idealen folgte – bis hin zur letzten Konsequenz: Simone Weil – Philosophin, Gewerkschafterin, Mystikerin. Albert Camus, der posthum die meisten ihrer Werke veröffentlichte, nannte sie den einzigen großen Geist unserer Zeit.

Es ist sehr zu begrüßen, dass pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag der Philosophin wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird: So erschien beim Kösel-Verlag unter dem Titel „Schönheit spricht zu allen Herzen“ ein Simone Weil-Lesebuch, herausgegeben vom Simone Weil-Kenner Otto Betz. Der Erziehungswissenschaftler und Religionspädagoge, der sich unter anderem als Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit Spiritualität und Mystik auseinandersetzen, einen Namen gemacht hat, hatte sich schon einmal der schwierigen Aufgabe gestellt, Schriften Weils zu Fragen der Zeit zusammenzustellen.

Der Fokus des vorliegenden Werkes konzentriert sich aber nicht allein – wie der Titel vermuten lassen würde – auf den Aspekt der weilschen Überlegungen, die sich mit Schönheit als Zugang zu Wirklichkeit beschäftigen. Vielmehr liegen wohlgeordnet zu den verschiedenen Fragen, mit denen sich Simone Weil zeitlebens beschäftigte, Textzusammenstellungen vor, die auch dem Laien einen guten Einstieg in das Denken der Philosophin ermöglichen und gleichzeitig den inneren Zusammenhang beleuchten, der all diese Überlegungen durchzieht und miteinander in Beziehung setzt.

Simone Adolphine Weil wurde als zweites Kind in eine wohlhabende jüdische Familie hineingeboren. Als Schwester des berühmten Mathematikers André Weil (1906–1998) waren auch bei ihr schon früh außergewöhnliche Begabungen unverkennbar. Die Kinder erhielten von ihren jüdischen Eltern keinerlei religiöse Prägung, sondern erhielten eine rein humanistische Ausbildung. Vollkommen agnostisch aufwachsend wusste Simone Weil nach eigenen Angaben „nicht einmal, dass es Juden und Heiden gab“. Ebenso früh wie ihre glänzenden Begabungen zeigte sich auch ein stark ausgeprägter Altruismus und ihr früher Hang zur Revolte (bereits die Zehnjährige bezeichnete sich als Bolschewistin), um Außenseitern beizustehen.

Ob diese Erziehung zur „Weltbürgerin“ in der weitgehenden Ignorierung der jüdischen Wurzeln auch ihre dunklen Seiten hatte, indem sie gerade zu jenem Gefühl der „Unverwurzeltheit“ führte, das in späteren Schriften als „Entwurzelung“ eine so zentrale Stellung im weilschen Denken einnahm, kann nur schwer beantwortet werden. Ebenso schwierig ist die Frage, ob diese Erziehung den Grundstein für den ausgeprägten Antijudaismus legte, der ihr von Seiten des Dialogphilosophen Martin Buber oder auch Emmanuel Lévinas den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte. Auf der anderen Seite jedoch gewährleistete dieses Aufwachsen als Freidenkerin ohne religiöse Konventionen, dass sie sich anderen Religionen zuwenden konnte, ohne Brüche oder Vorurteile überwinden zu müssen.

Zusätzlich sollte noch ein weiterer Punkt aus ihrer frühen Jugend maßgebend für ihr gesamtes Denken werden: Eine Migräne, unter der sie seit ihrer Kindheit litt und die sich schließlich in Kopfschmerzen äußerte, „die nie mehr aufhörten und sich später bis zur Unerträglichkeit steigerten“, wurde in der späteren Betonung des körperlichen Leidens als ein wesentlicher Faktor menschlicher Unglückserfahrungen verarbeitet. Es ist zu vermuten, dass diese ständigen Schmerzen nicht nur einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Philosophie Simone Weils ausgeübt haben, sondern darüber hinaus auch zu einem äußerst gespaltenen, ja negativen Verhältnis beitrugen, welches Simone Weil lebenslang zu ihrem Körper hatte: Schmerz als ständiger Bestandteil menschlichen Lebens, die Verachtung, die häufig in Abscheu gegen ihren eigenen Köper und alles Körperliche überging, der unbedingte Wille, den Geist über den Körper triumphieren zu lassen, was schließlich in einem lebenslang beibehaltenen scharfen Leib-Seele-Dualismus mündete – ob all diese Entwicklungen auch bei einem gesunden Körper stattgefunden hätten und sich rein auf platonisches Gedankengut zurückführen lassen, bleibt fraglich. Betz tut in seinen erläuternden Ausführungen gut daran, die psychologisierenden Überlegungen zu diesen Zusammenhängen und deren Relevanz zwar zu erwähnen, aber sich nicht ihrer verengenden Sichtweise anzuschließen.

Dass Weils Denken, angefangen von dem Bestreben, Leid und Unglück hinzunehmen über die Universalität ihrer Forderungen bis hin zum Wirklichkeitsbezug über Arbeit und dem Streben, soziale Gerechtigkeit mit dem Umsetzen von Ideen im Handeln zu erreichen, durchaus jüdische Komponenten in sich trugen, schien Simone Weil nicht bewusst zu sein. Anhänger Weils zeigten sich dementsprechend verunsichert von diesem Aspekt des weilschen Denkens und reagierten entsprechend häufig mit einem einfachen Übergehen der Problematik. Auch der vorliegende Band bildet in dieser Hinsicht leider keine Ausnahme. Und so bleibt die Tatsache, dass auch Betz diese Seite der Philosophin, die so viel Rätselraten und Kritik auslöste, vollkommen ausblendet – selbst wenn eine möglichst umfassende Darstellung Simone Weils nicht die vordergründige Intention des Herausgebers ist – vielleicht größte Schwäche des Buches.

Letztlich wurde (wie auch Antigone) der jungen Philosophin das Bedürfnis, keinerlei Kompromisse in ihrer moralischen Unbedingtheit einzugehen, zu ihrem Verhängnis: Obwohl sie nach dem Einmarsch der Deutschen 1940 zunächst mit der Familie über Vichy nach Marseille und 1942 weiter nach New York flüchtet, kehrt sie schon im Dezember desselben Jahres nach Europa zurück, um sich in England der Résistance-Bewegung anzuschließen.

Die Simone-Weil-Rezeption der Gegenwart ist bestenfalls als schwierig und unvollständig zu bezeichnen. Neben ihren Unglücksanalysen, die über das rein Psychologische hinaus ein genaues Bild des persönlichen Verfalls der Betroffenen mit all seinen Auswirkungen vermitteln, sind es auch ihre schon bei ihrem Deutschlandbesuch im Jahr 1932 begonnenen Gewaltanalysen revolutionärer Bewegungen (die in einer radikalen Gewaltkritik münden), die Denkanstöße geben, ebenso wie ihre Machtanalyse in ihrer herausragenden Ilias-Deutung, indem sie aufzeigt, wie Gerechtigkeit in Unrecht umschlägt, sobald sie an die Macht gekommen ist.

Zudem hinterlässt Simone Weil trotz ihrer negativ anmutenden Seinsbetrachtungen einen Trost in einem wenig beachteten Aspekt ihres Denkens: dem Philosophieren über die Schönheit. Für all jene, die hin und wieder an der Wirklichkeit verzweifeln, schreibt sie: „Die Schönheit von der Welt spricht zu uns von der Liebe, die ihre Seele ist, so wie der Ausdruck eines menschlichen Gesichtes, das nicht log, absolut schön sein mag.“

Gerade unter diesem Aspekt ist die von Otto Betz zusammengestellte Sammlung ein großer Gewinn, liefert sie doch nicht nur eine gutes Fundament für eine weiterführende Analyse, sondern zeigt darüber hin-aus, wie die in ihrem Werk verstreuten Bemerkungen zur Schönheit des Daseins oft von ihren Überlegungen zum Leid und Unglück überblendet wurden. Damit eröffnet sich auch der Blick auf die „andere“ Simone Weil, die Platonikerin, die stets den engen Zusammenhang vom Guten, Wahren und Schönen herausarbeitete und deren Ziel es war, den Menschen über das durch aufmerksames Betrachten erreichte Erkennen dieser Wirklichkeit – und dazu gehörte auch die dem Anderen zugewandte Aufmerksamkeit – zu einer erfüllten und glücklichen Bestimmung zu führen. Auch wenn also wichtige problematische Aspekte ihres Denkens nicht thematisiert werden – dazu zählt neben ihrer Einstellung zum eigenen jüdischen Ursprung sicher auch die einseitige negative Lesart der römischen Antike oder auch ein synkretistisches Denken, das Differenzen in den Religionen bewusst ausblendete – Betz präsentiert mit seiner Zusammenstellung ein wichtiges Werk, um die Sicht auf die Philosophin weiter zu öffnen, vielschichtiger zu gestalten und ihre Relevanz für die Gegenwart neu zu thematisieren.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier