Lassen sich Heuschrecken zähmen?

Die weltweite Verflechtung des Marktes ist unumkehrbar – Gegen Finanzkrisen hilft aber nur eine globale Wirtschaftsordnung

Die Finanzkrise, die gegenwärtig die Weltwirtschaft erschüttert (Allan Greenspan: eine Jahrhundertkrise!), weltweit nicht nur Banken und andere Finanzinstitute in den Zusammenbruch oder an dessen Rand führt und ganze Volkswirtschaften in schwere Krisen, privaten Anlegern jedoch oft mühsam erarbeitetes Vermögen vernichtet, zeigt die hässliche Seite der modernen globalen kapitalistischen Wirtschaft.

Joachim Bußmann, ein promovierter und vielseitig erfahrener Wirtschaftjurist, der aus der Praxis kommt, erklärt warum.

„Die ,global players‘ und ,Hedge-Fonds‘ von heute verfolgen andere Ziele: Wohlstand vor allem oder nur für sich selbst, auch auf Kosten einzelner oder gar aller Volkswirtschaften“

Den global handelnden Unternehmern, Dienstleistern und Beratern, noch mehr den sich selbst aufblähenden Finanzströmen, fehle eine globale ordnungspolitische Grundlage, die das Eigentum, das sie mehren sollten, schütze und die Erträge sozial verpflichte. Es fehle an einer weltweiten „sozialen Marktwirtschaft“, wie sie Ludwig Erhard der jungen Bundesrepublik Deutschland vorgegeben hat und damit „Wohlstand für alle“ ermöglichte. Die „global players“ und „Hedge-Fonds“ von heute verfolgen andere Ziele: Wohlstand vor allem oder nur für sich selbst, auch auf Kosten einzelner oder gar aller Volkswirtschaften. „Globalisierung braucht globale Ordnung“ ist daher Bußmanns zentrale Forderung.

Nicht dass die moderne Weltwirtschaft im rechtsfreien Raum agiere. Das behauptet Bußmann nicht, wenn auch die eine oder andere seiner Aussagen diese Folgerung nahelegt. Er kennt sich aus im Wirtschaftsrecht der Welt. Auch weiß er, dass die Entwicklung zur weltweiten Verflechtung des wirtschaftlichen Geschehens nicht zurückgedreht werden könnte. Er will das auch nicht. Er kennt die großen wirtschaftlichen Verbünde wie EWG, GATT, WTO und die subkontinentalen Freihandelszonen. Doch schaffen diese in erster Linie Freiraum für den ungehinderten wirtschaftlichen Verkehr und für Vertragsfreiheit. Bußmann schildert deren Erfolge als Ursache der (Fehl-)Entwicklung in den letzten zwei Dekaden.

Diese Entwicklung förderte Gutes wie Schlechtes. Weltweit bessere Erschließung und Verwertung der Ressourcen, mehr Produktion und mehr internationalen Handel. Das verbesserte die Lebensbedingungen überall, oder vermittelte dazu reale Chancen, auch wenn diese vielerorts durch korrupte „Eliten“ zunichte gemacht wurden. Schon hier zeigt sich: Freihandel schafft zwar mehr Handel, aber von sich aus nicht gerechte Löhne, Preise, Verteilung der Güter und Versorgung. Er stärkt indessen die Gewinner dieser Prozesse, die dann um so mächtiger ihre Interessen durchsetzen. Deren „Gier“ (Bußmann) wächst, und kaum jemand kann sich gegen sie wehren. Die Verantwortlichen sitzen auf den Kaimaninseln oder anderen „Offshorezentren“. Dort gilt internationales Recht wenig, und es gibt kaum eine wirkungsvolle Finanzaufsicht und Gerichte, es durchzusetzen. Er fordert dazu auf, beides zu schaffen, wohl wissend, dass dies bislang schon in den Schicksalsgemeinschaften der Nationalstaaten nur unvollkommen gelang. Allenfalls die sich von der EG über die EWG in eine „Europäische Union“ verwandelnde EU hat dafür Zeichen gesetzt.

Die von den Handelserleichterungen nach dem Überwinden des Ost-West-Konfliktes beschleunigte „Globalisierung“ hat nach Bußmanns Überzeugung besonders zu zwei gravierenden Fehlentwicklungen geführt: Das Geschäftsgebaren der „Shareholder Value“, das den schnellen Gewinn sucht zu Lasten der Substanz, und das damit entstehende ungebundene Kapital, das mit Hilfe der unermesslich gesteigerten Datenverarbeitung tagtäglich um die Welt vagabundiert und wie „die Heuschrecken (Müntefering)“ nach Futter sucht, um sich weiter zu mästen.

Der Veränderung der Unternehmensziele durch „Shareholder Value“ – der Wertsteigerung für die Anteilseigner – wie dem damit eingeleiteten Wandel des „gesellschaftlichen Privateigentums“ gegenüber dem der natürlichen Personen, widmet der Autor gleich zwei von sieben Kapiteln seines ersten Bandes. Hier erfährt der Leser viel Neues, über das auf den Wirtschaftsseiten unserer Zeitungen meist nur unzulänglich informiert wird. War in der guten alten Zeit das Ziel der Unternehmungsleitungen, durch Forschung, Innovation Produktion und Vermarktung Substanz zu schaffen, zu erhalten und zu mehren – und damit die Arbeitsplätze derer, die ihnen dabei halfen – so steht heute in vielen Fällen der schnelle Aktionärsgewinn im Mittelpunkt der Interessen; weniger durch Dividenden, nein, durch Kursgewinne, und sei es durch Rückkäufe. Daran nehmen dann auch die führenden Manager teil mit ihren Aktienoptionen. Dafür werden sie selbst nach verlorener Übernahmeschlacht – wie im Falle Mannesmann – über jede Verhältnismäßigkeit entlohnt, übrigens vom Käufer aus dem Vermögen des Kandidaten. Das schafft einen völlig neuen Unternehmertyp: Nicht den früheren „Patron“, der sich von niemanden hineinreden ließ, aber für seine Mitarbeiter verantwortlich fühlte, sondern Mietlinge, denen das Unternehmen nicht gehört. Dessen Bestand und dauerhafte Entwicklung ist nicht ihre Sache.

Sie wollen Kapitalrendite (bis zu 25 Prozent), nicht Unternehmenserträge. Dazu verstecken sie sich hinter einem Heer von Beratern, die ihnen die Vorlagen liefern für vermeintliche Renditesteigerung. Mal Zukäufe, um mit „Synergieeffekten“ Kosten zu senken, ein Synonym für Entlassungen. Volkswirtschaftlich ist das ein Schaden, oft auch für die langfristige Entwicklung der Unternehmen, wie es die Elefantenhochzeit von Daimler und Chrysler gezeigt hat. Sieben Jahre nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz waren 20 000 Arbeitsplätze und 15 Milliarden Euro an Kapital vernichtet (FAZ vom 2.9.). Aber die Aktienkurse stiegen – zunächst. In mehr als der Hälfte vergleichbarer Übernahmen wurden die Erwartungen nicht erfüllt (ebenda). Mal werden durchaus ertragreiche Unternehmen zerschlagen und Einzelteile losgeschlagen, um die Kapitalrendite zu erhöhen. Der Rest bleibt auf der Strecke. „Reduzierung auf das Kerngeschäft“, heißt es dann. Und wieder nimmt die Volkswirtschaft insgesamt Schaden.

Am schärfsten kritisiert Bußmann eine weitere Fehlentwicklung: die sich auf diese Weise öffnende Schere zwischen Real- und Finanzkapital, das schneller wächst als die wirtschaftlich gebundene Geldmenge. Dieses „virtuelle Kapital“ sucht Rendite, ohne real investiert zu werden, im Kauf und Verkauf von Derivaten und anderer Finanzprodukte, für die es keinen realen Gegenwert gibt, allein 1 800 Milliarden US-Dollar an einem einzigen Tag im globalen Casino der Devisenbörsen. „Der Spiegel“ prägte den Begriff der „Billionen-Bombe“. So entstehen Blasen und Krisen. Die Subprime-Krise, die zurzeit die Finanzwelt in Atemnot bringt, ist dafür das jüngste Beispiel. Bußmann nennt das ein Nullsummenspiel, weil der Gewinn des einen (nur) die Verluste des anderen aufwöge, also keine Werte schafft.

„Selbst die nationalen Gesetzgeber waren

bisher nicht

sonderlich erfolgreich. International gibt es

nur sporadische

Regelungen, und der Kampf der Interessen wird Initiativen zum Wohle des Ganzen

begrenzen“

Das ist nur die halbe Wahrheit. Denn dort, wo „institutionelle Anleger“ zulangen, werden au passant reale Werte vernichtet wie bei den biblischen Plagen.

Gegen diese Fehlentwicklungen gibt Bußmann vernünftigen Rat. Ob das umgesetzt werden kann, ist fraglich. Selbst die nationalen Gesetzgeber waren bisher nicht sonderlich erfolgreich. Deshalb ist es ja dazu gekommen. International gibt es nur sporadische Regelungen, und der Kampf der Interessen wird Initiativen zum Wohle des Ganzen begrenzen. Dennoch: Dieses lesenswerte und gut lesbare Buch sollte manchen der Handelnden zum Nachdenken bringen und hoffentlich nicht ohne Wirkung bleiben. Gleichzeitig ist dieses Kompendium ein gut verständliches Lehrbuch und Nachschlagewerk für alle, die sich über das Thema Marktwirtschaft und Globalisierung informieren möchten, von hohem didaktischen Wert.

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