„Lange keinen Champagner mehr getrunken“

Zum 150. Geburtstag des russischen Dramatikers und Autors Anton Tschechow

Wenn in Deutschland der Name Anton Tschechow fällt, so denkt man dabei unwillkürlich an die großen Tschechow-Aufführungen der vergangenen Jahrzehnte. Welcher deutschsprachige Star-Regisseur hat sich nicht an Tschechow ausprobiert, neu gemessen und im glücklichen Fall auch erhoben? Ob Peter Stein mit den „Drei Schwestern“, Peter Zadek mit „Iwanow“, Jürgen Goschs mit „Die Möwe“ und Andrea Breth mit „Onkel Wanja“ – sie alle fanden in den Stücken des vor 150 Jahren am 29. Januar 1860 geborenen russischen Schriftstellers und Arztes eine melancholische Schönheit, eine seltsame Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe, die den Figuren auf der Bühne Leben einhaucht, ohne dieses Leben zu sehr zu entblößen, ohne es moralisch zu bewerten.

Der Dichter isoliert sich in ängstlicher Selbstbeobachtung

Denn: das Moralisieren, das hatte der aus einer kleinbürgerlichen, ärmlichen Familie stammende Tschechow nicht im Sinn.

Was zählte, war die objektive Beschreibung. Ob „Onkel Wanja“, die „Drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ – die meisten der dort auftretenden Personen sind anständig und sensibel. Sie träumen davon, ihr Leben zu verbessern, meistens jedoch vergeblich, wegen des Gefühls der Nutzlosigkeit, des übertriebenen Selbstmitleids und daraus folgender Antriebsschwäche.

Wie die Dramen, die folglich ohne besondere dramatische Ereignisse auskommen müssen, so zeigen auch die zahlreichen Novellen, die Tschechow zum Broterwerb schrieb – die Medizin betrieb er weitestgehend ehrenamtlich – die besondere Gabe des Schriftstellers Anton Tschechow, Menschen und die russische Gesellschaft seiner Zeit sorgfältig und vorurteilsfrei zu beobachten und in ironischer Weise zu charakterisieren. Dies dokumentiert besonders eindrucksvoll die später auch von Thomas Mann gepriesene Novelle „Eine langweilige Geschichte“, die Geschichte eines verbitterten Professors, der angesichts von Alterserscheinungen, Schlaflosigkeit, Langeweile und Überdruss auf sein egoistisch geführtes Leben zurückblickt.

„Es gibt in Russland den verdienten Professor Nikolaj Stepanovic Soundso; er ist Geheimrat und Ritter so vieler russischer und ausländischer Orden, dass die Studenten ihn ,Ikonenwand‘ nennen, wenn er die Orden einmal anlegen muss.“ So beginnen „Die Aufzeichnungen eines alten Mannes“, die Tschechow mit 29 Jahren schrieb. Es ist der innere Monolog eines berühmten und hochgeehrten Professors.

Als Mediziner weiß er, dass er bald sterben muss. Nun sieht er sein ganzes Leben, seine Umgebung zum ersten Mal mit scharfem, kritischem Blick. In seiner ängstlichen Selbstbeobachtung wird er immer hilfloser und isoliert sich mehr und mehr. So verfehlt er auch die Gelegenheit, Katja, seiner geliebten Ziehtochter, das rettende Wort zu sagen, um das sie ihn in ihrer Verzweiflung anfleht.

Persönlich empfing der Schriftsteller, der mit 36 Jahren eine besonders heftige Lungenblutung erlitt, 1898 Moskau verließ und seitdem stark unter Tuberkulose leidend im milden Klima auf der Halbinsel Krim lebte, rettende Worte von der Schauspielerin Olga Knipper, seiner späteren Frau. In Briefen gab er ihr offen Auskunft wie es wirklich um seine Gesundheit bestellt war. „Wenn wir jetzt nicht zusammen sind, so sind daran nicht Du und nicht ich schuld, sondern der Dämon, der mir Bazillen eingehaucht hat und Dir die Liebe zur Kunst.“ Die Trostlosigkeit der Provinz und die Inszenierung seiner Stücke am Moskauer Kunsttheater veranlassten ihn immer wieder – trotz der weiteren Verschlechterung seines Gesundheitszustandes –, seine Rückzugsresidenz in Richtung Hauptstadt zu verlassen.

Anfang Juni 1904 reiste Tschechow mit seiner Frau nach Deutschland, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Nach einem Kurzaufenthalt in Berlin fuhren die beiden in den Schwarzwald-Kurort Badenweiler. Tschechow schrieb von dort etliche Briefe, in denen er das ordnungserfüllte und wohlhabende, jedoch oft langweilige und „untalentierte“ Leben der Deutschen kritisch schilderte. Mitte Juli erlitt er mehrere Herzschwächeanfälle, in der Nacht zum 15. Juli verstarb er. Seine Frau hat die letzten Minuten des Dramatikers so beschrieben: „Kurz nach Mitternacht wachte er auf und bat erstmals in seinem Leben selbst darum, einen Arzt zu holen. Es kam der Doktor, verfügte, ein Glas Champagner zu bringen. Anton Pawlowitsch setzte sich auf und sagte irgendwie bedeutungsvoll, laut zu dem Arzt auf deutsch (er konnte nur sehr wenig deutsch!): ,Ich sterbe...‘ Dann nahm er das Glas, wandte sich zu mir und sagte: ,Lange keinen Champagner mehr getrunken...‘, trank das Glas in aller Ruhe aus, legte sich still auf die linke Seite und war bald für immer verstummt.“

Künstler soll nicht Richter seiner Personen sein

In ihrem soeben erschienenen Buch „Tschechow lesen“ spekuliert Janet Malcolm über Tschechows Religiosität, ohne zu einem definitiven Ergebnis zu kommen. Weder Atheist noch gläubiger Christ – es scheint, dass Tschechow das Recht auf Geheimnis und Diskretion, das er seinen Figuren zusprach, auch vollkommen für sich selbst in Anspruch nahm. Man kann ihm dies nur zugestehen, denn wie sagte er selbst: „Ich glaube nicht, dass Schriftsteller solche Fragen wie Pessimismus, Gott usw. klären sollten. Sache des Schriftstellers ist es darzustellen, wer, wie und unter welchen Umständen über Gott und den Pessimismus gesprochen oder gedacht hat. Der Künstler soll nicht Richter seiner Personen und ihrer Gespräche sein, sondern nur ein leidenschaftsloser Zeuge.“

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