Kurz vorgestellt

Von Alexander Riebel

Es ist selten, dass Literatur die richtige Jahreszeit zum Erscheinen braucht. Im Falle Peter Handkes ist es jetzt so. Der „Versuch über den Pilznarren“ kommt gerade mitten in der Zeit der Pilzsuche. Die ist inzwischen zum Volkssport geworden – private und professionelle Pilzsucher machen sich gegenseitig das Leben schwer und plündern die Wälder. Von solch einer Sucht, bei Handke einer unheilbaren, handelt die Geschichte. Der Untertitel des Buchs heißt: „Eine Geschichte für sich.“ Sie spielt in der frühen Nachkriegszeit, als Pilzsammler in den Dörfern ihre Schätze zusammensuchten, die dann mit Lastwagen in die Städte gebracht wurden. Handke beschreibt genau die Mühen, unter denen sich diese Einsamen behaupten mussten, tief in den Wäldern, in denen sie sich an die reine Natur verlieren konnten, ganz wie auch der Pilznarr.

„Und wieder wird es ernst“, sind die ersten Worte der Geschichte, und jeder Pilzsammler weiß, was sie bedeuten. Der Pilzsammler erhebt einen Wahrheitsanspruch mit existenzieller Wirkung: seine Entscheidung, diesen oder jenen Pilz mitzunehmen, ist wahr oder falsch, und sie hat Konsequenzen für sein Leben. Mit dem Ernst ist bei Handke aber auch noch etwas anderes gemeint. Es ist diese seltsame Überhöhung, die er dem Pilzsammler, einem Freund des Ich-Erzählers, zuschreibt und der einer anderen Kultur anzugehören scheint: „In den Wäldern gewann er Maß. Er war dort, wie erstmals im Leben, ,getrost‘, als sei er vorher nicht ,bei Trost‘ gewesen“. Und jedesmal erfasste ihn auf der Schwelle zum Wald eine Unbändigkeit, wie vor einer großen Tat; wie vor einem großen Tag. Und dann das Findig-, das Angesichtwerden: So anders als jeder Film stillte es das endlose innere Gerede, stillte es die seelenlosen Refrains, stillte es die quälenden falschen Melodien, stillte, und stillte, und stillte, und ließ still und Stille werden.“ Natur beruhigt. Aber so einfach ist es hier nicht. Und es geht nicht nur um einen Narren. Eher um einen Melancholiker, einen Kranken, der eine Ausflucht in der Einsamkeit sucht. Der zwar anfangs noch sein Kind mit in den Wald nahm, weil solch ein „Unterwegssein ungezwungen, ,erzieherisch‘ wirkte“. Der dann aber auch seine Familie verliert und sich vorher seiner Frau entfremdet: „Tatsächlich, ohne es zu merken, war er dabei, sie über seiner ,Leidenschaft‘ zu vergessen. Die Leidenschaft war in Sucht, in ein Laster umgeschlagen, und seine Frau verlor den Humor. Sie verließ das gemeinsame Haus von einem Tag auf den anderen, und das Kind ging mit ihr. Es war eine Flucht, vor dem Mann, wie vor seinen täglichen, in Keller und Garage, und später nicht allein dort, anwachsenden und bald in Fäulnis und Verschimmeln übergehenden, ihr im Besonderen zugedachten ,Mitbringseln‘ – Wort, von ihm ausgesprochen als ein Kosewort.“ Seine ärgste „Bewusstseinsnarrheit“ bestand schließlich darin, das Nichtsuchen zu spielen, um dann doch zu finden.

Was aber in der Geschichte sehr unangenehm aufstößt, ist die pseudoreligiöse Überhöhung des Leidenschaft des Narren. Und da bedient sich Handke, der 1999 als „getaufter und nach Möglichkeit praktizierender Katholik“ die katholische Kirche verlassen hat, gnadenlos religiöser Motive. So erscheint der schon genannte „Trost“ in einem ganz anderen Licht. Nicht nur, weil der Pilznarr lange davon geträumt hätte, ein Heiliger zu werden, einer, „vor dem alle Entgegenkommenden einen ehrerbietigen Bogen beschrieben“. Die Welt draußen war ihm das Böse, Heil gab es nur in seiner. Aber dieses Heil beschreibt Handke noch als jenseits der „Legende“ vom Jäger und späteren Heiligen, der im Wald dem Hirsch mit einem Kreuz im Geweih begegnet sei: Der erste Steinpilz ließ sein Herz höher schlagen als jemals sonst. Warum immer diese Aufladung mit Anleihen aus der religiösen Sprache? In der Begegnung mit dem „leibhaftigen Steinpilz“, im Beseelen bei der Pilzmahlzeit, als Prophet der Pilze, im mystischen Gefühl beim Rauschen der Wälder, als Krieger im Heiligen Krieg gegen alle, die nicht wie seinesgleichen sind, bei dem Willen, Pilzpapst zu werden, im Empfinden des Suchens als „Diesseits“ oder der Wut auf die gewöhnlichen „gottlos selbstgenügsamen Sammler“. Das Ende des Pilzsammlers wird dann mit biblischem Bezug erzählt: „Wie in der Geschichte des Habakuk, eines angeblichen Propheten im Alten Testament, wurde er, hast du's gesehen?, am Schopf gepackt und querluftein woanders-, ganz woandershin getragen.“

Handke bewegt sich ganz im Zeitgeist, wenn er eine Verbindung des Absonderlichen mit dem Religiösen herstellt, wodurch der Glaube diffamiert wird. Als einstiger Anwalt hatte der Pilzsucher noch einen klaren Kopf, war in der Gesellschaft anerkannt. Doch durch seine Gefühle, die ständig religiös anmuten, verliert er den Kontakt zur Welt und schließlich sich selbst. Der Sucher ist nur noch Pilzsucher, kein Gottsucher. Der Narr ist auch kein Parzival, auch darauf wird subtil Bezug genommen. Denn am Ende des Buchs sitzt der Ich-Erzähler mit Freunden ausgerechnet in der „Auberge du Saint Graal“: „Wir irrten uns alle vier. Aber wer sich am stärksten irrte und am gewaltigsten verschätzte, das war er.“ Das Religiöse hat hier keine Chance.

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