Kunst verkaufen, um Firmen zu sanieren

Die WestLB soll abgewickelt werden, doch gehören die Kunstwerke, die zum Verkauf angeboten werden, nicht einfach zum Betriebskapital. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Die Tafeln „Geburt Johannes des Täufers“ (um 1450) und „Johannes vor Herodes Antipas“ (um 1450) von Giovanni di Paolo hängen im LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster – doch nur als ...
Foto: dpa | Die Tafeln „Geburt Johannes des Täufers“ (um 1450) und „Johannes vor Herodes Antipas“ (um 1450) von Giovanni di Paolo hängen im LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster – doch nur als ...

In Münster ist man entsetzt. Die Plastik ,,Toleranz durch Dialog“, die der baskische Bildhauer Eduardo Chillida 1993 für den Rathaus-Innenhof entworfen hatte – eine Skulptur, die von der damaligen nordrhein-westfälischen Landesbank WestLB gekauft und der Stadt Münster als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurde, könnte bald versteigert werden – zusammen mit vierhundert weiteren Bildern und Plastiken berühmter Künstler, die die WestLB in guten Zeiten angeschafft hatte. In Münster wären Gemälde von Giovanni di Paolo aus dem fünfzehnten Jahrhundert und eine Skulptur von Henry Moore im Westfälischen Landesmuseum betroffen. Einer Inventarliste des nordrhein-westfälischen Finanzministeriums zufolge umfasst die Kunstsammlung der WestLB die Stier-Lithographien von Pablo Picasso, ein „Gartenbild“ von August Macke, das „Rote Haus“ von Gabriele Münter. Auch Werke vieler zeitgenössischer Künstler wie Joseph Beuys oder der Zero-Künstler Günther Uecker, Otto Piene und Heinz Mack sind Teil dieses kulturellen Portfolios. Der Wert wird auf hundert bis hundertfünfzig Millionen Euro geschätzt.

Die nach riskanten Spekulationsgeschäften gescheiterte WestLB gehört seit 2012 der Vergangenheit an. Ihr Nachfolgeunternehmen Portigon wurde nur zu dem Zweck gegründet, um den Nachlass der Landesbank und damit sich selbst aufzulösen. Von der Europäischen Kommission gibt es klare Vorgaben: Sämtliches Betriebsvermögen muss verwertet werden, und damit auch die hochkarätige Kunstsammlung, und zwar, wie es heißt ,,bestmöglich“. ,,Wir haben einen klaren Auftrag“, sagt Kai Wilhelm Franzmeyer, der Vorstandschef von Portigon. ,,Die WestLB ist abzuwickeln, die Bilanz ist auf Null zu bringen. Das heißt: Wir müssen alle Verpflichtungen erfüllen, wir müssen alle Vermögenswerte verwerten und auch die Kunst gehört zum Betriebsvermögen.“ Die Bank in Abwicklung habe noch Verbindlichkeiten von 25 Milliarden Euro. Für seinen Vorstoß kann Franzmeyer auf Rückhalt bei Finanzminister Norbert Walter-Borjans zählen: Er hält den Verkauf der Kunstwerke für unvermeidbar.

Aber mit seinem Plan sticht Franzmeyer in ein Wespennest. Bereits im November 2014 waren zwei Bilder des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol aus dem Besitz der ,,WestSpiel“, dem Casino-Betreiber von Nordrhein-Westfalen bei Christie's in New York versteigert worden. Die beiden Bilder erzielten einen Auktionspreis von insgesamt hundertfünfzig Millionen Dollar. Von dem Erlös möchte Westspiel seine defizitären Casinos sanieren und eine neue Spielbank in Köln eröffnen. Die Versteigerung hatte zu großen Protesten geführt. Die Direktoren von 26 Kunstmuseen hatten sich an die Landesregierung gewandt und vor dem Verkauf der Kunst gewarnt. Offensichtlich erfüllen sich nun diese Befürchtungen. Denn Portigon sieht zur Versteigerung der Kunstsammlung keine Alternative.

Immerhin wollen die Portigon-Manager etwas Druck aus der aufgeheizten Debatte nehmen und interessierten Museen anbieten, ausgewählte Kunstwerke für ein bis zwei Jahre auszuleihen, ehe der Verkauf eingeleitet wird. Diese Zeit könnte dazu genutzt werden, dass sich Interessenten aus dem Lande zusammenfinden, um die Werke zu kaufen und in Nordrhein-Westfalen zu halten. Ihren Vorschlag wollen die Portigon-Manager Anfang Februar dem Runden Tisch präsentieren, den die nordrhein-westfälische Kulturministerin Ute Schäfer einberufen hat, um über den künftigen Umgang mit Kunst in Landesbesitz zu diskutieren. Aber wie groß ist die Chance, die Kunstwerke im Lande zu behalten und nicht gegenüber anonymen Sammlern aus aller Welt das Nachsehen zu haben? Portigon betont, man habe nichts zu verschenken, den Zuschlag bekomme grundsätzlich der höchstbietende, andere Verfahren seien auch rein rechtlich nicht möglich.

Juristisch lässt sich dagegen wenig ausrichten. Die nach riskanten Spekulationsgeschäften gescheiterte WestLB hat dem Land Nordrhein-Westfalen und seinen Steuerzahlern Milliardenschulden hinterlassen: Das muss erst einmal bezahlt werden. Da macht sich Portigon die eigentlich problematische Entwicklung zunutze, dass private Investoren Kunstwerke als lukrative Anlageobjekte entdeckt haben und mit ihrem Bieterverhalten bei Auktionen die Preise auf dem Kunstmarkt in astronomische Höhen treiben. Thomas Sternberg, Kulturexperte der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, akzeptiert zwar, dass die Portigon-Banker ihren Job machen – die Abwicklung der WestLB. Wie das zu geschehen habe, könne aber das Land als Eigner vorgeben. „Mich empört, dass die so tun, als handle es sich um Betriebskapital einer ganz normalen Geschäftsbank.“ Dabei sei die WestLB über Jahrzehnte die Förderbank des Landes gewesen – und habe als Teil dieses Auftrags auch Kunstwerke angekauft.

Zuletzt hatte der Verband Deutscher Kunsthistoriker in einem offenen Brief an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft vor einem „besorgniserregenden Dammbruch“ gewarnt. Zahlreiche Werke der WestLB-Sammlung seien „der Obhut von Museen anvertraut worden“, manche sogar eigens nur dafür angeschafft worden. Diese Werke nun zu verkaufen, breche mit einem Tabu. Eine vom Münsteraner Kunsthistoriker Gerd Blum initiierte Petition gegen den Verkauf haben bislang mehr als 1 600 Fachleute aus aller Welt unterschrieben.

Für die Museen waren die Kunstwerke, die ihnen die WestLB als Leihgaben überließ, geistiges Kapital. Es wertete sie auf – nicht nur weil sie die Kunstwerke ausstellen konnten, sondern weil sie diese Kunstwerke für Ausstellungen auch weiterverleihen konnten und im Gegenzug für eigene Ausstellungen hochwertige Werke aus anderen Museen erhielten. Dieser geistige Austausch wird nun leichtfertig verspielt.

Der Staat, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist, sollte behutsamer mit Kunst und Kultur umgehen. Es ist eben keine Ware, die nur in Geldwert gemessen werden kann und erst recht kein überflüssiger Luxus. In Kunstwerken setzt sich der Mensch mit sich selbst und der Welt auseinander. Kunstwerke regen zum Nachdenken an, provozieren oder erfreuen das Herz. Dass man Gemälde nicht essen kann und Brot vor Kunst geht, ist klar. Aber gerade weil Deutschland nicht vor dieser Alternative steht, wäre etwas mehr Phantasie geboten, um zu verhindern, dass die Kunstschätze der WestLB-Sammlung in den Tresoren reicher Käufer verschwinden.

Auch der Deutsche Kulturrat hat vor dem geplanten Millionenverkauf von Kunst in Nordrhein-Westfalen gewarnt: „Die nordrhein-westfälische Landesregierung sollte nach dem verheerenden Echo auf den Verkauf der zwei Warhol-Werke aus dem Bestand der Westspiel GmbH nun aufwachen und bei den geplanten Kunstverkäufen des WestLB-Nachfolgers Portigon eingreifen.“ Die „kulturpolitische Reputation“ des Bundeslandes stehe auf dem Spiel.

Ob es übrigens tatsächlich zur Auktion der Chillida-Plastiken in Münster kommt, ist fraglich: Denn die Erben des Bildhauers Eduardo Chillida wollen sich wehren und mit allen Mitteln verhindern, dass die Skulptur aus dem Rathaus-Innenhof in Münster entfernt wird. Ihr Argument: Zum Kunstcharakter der Skulptur gehöre essenziell der Standort, ohne ihn verlöre die Konstruktion aus rostigen Stahlplatten ihre Eigenschaft als Kunstwerk. Notfalls wollen die Erben auch ihren Einfluss auf mögliche Auktionshäuser geltend machen.

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