Kunst und Leben begegnen sich

Ein ungewöhnliches Filmprojekt in einem Hochsicherheitsgefängnis: „Cäsar muss sterben“. Von José García
Foto: Camino | Im engen Gefängnishof proben Häftlinge der römischen Strafanstalt Rebibbia für die Aufführung von Shakespeares „Julius Cäsar“.
Foto: Camino | Im engen Gefängnishof proben Häftlinge der römischen Strafanstalt Rebibbia für die Aufführung von Shakespeares „Julius Cäsar“.

Nach mehreren Jahren Leinwand-Abstinenz stellten die italienischen Brüder Vittorio (geboren 1929) und Paolo (geboren 1931) Taviani ihren Film „Cäsar muss sterben“ („Cesare deve morire“) auf der diesjährigen Berlinale vor... und gewannen den Goldenen Bären. Auf einer Bühne wird Shakespeares „Julius Cäsar“ gespielt. Das Publikum applaudiert begeistert, während die Schauspieler in den Zellentrakt gebracht werden. Denn die Darsteller sind Laienspieler, die im Hochsicherheitstrakt der Strafanstalt Rebibbia am Stadtrand von Rom einsitzen.

Der Theaterregisseur Fabio Cavalli probte ein halbes Jahr lang mit den Häftlingen William Shakespeares Theaterstück, und die Taviani-Brüder dokumentierten das außergewöhnliche Theaterprojekt mit ihrer Kamera. Nach dem Casting unter den Häftlingen wird der Text in Angriff genommen. Darauf folgt eine Vorstellung der Beteiligten mit Angabe der von den zwölf Insassen jeweils abzubüßenden Freiheitsstrafe. Sie liegt zwischen fünfzehn Jahren und lebenslänglich. Ohne dass die begangenen Straftaten im Einzelnen benannt werden, wird dem Zuschauer klar, dass es sich dabei um Schwerstkriminalität handelt: Mord, Drogenhandel, Mitgliedschaft etwa in der Camorra. Die Kamera von Paolo und Vittorio Taviani wird Zeuge davon, wie einerseits das Leben und die Erfahrungen der Häftlinge in die Figuren des Theaterstückes eingehen, andererseits aber die Identifikation mit den Figuren, ihnen ein ungeahntes Tor zur geistigen Freiheit öffnet.

Die 76 Minuten lange, eigenwillige Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm besticht durch einen interessanten Einsatz der Farbe – die Proben werden in Schwarzweiß, die Aufführung in Farbe wiedergegeben. Neben diesem dramaturgischen Gesichtspunkt folgte der Einsatz von Schwarz-Weiß-Bildern einer künstlerischen Entscheidung. Dazu erklären die Regisseure: „Farbe ist realistisch, Schwarz-Weiß unrealistisch. Einmal im Gefängnis, fühlten wir, dass es ein Risiko wäre, in den Naturalismus des Fernsehens zu verfallen. Das sind wir umgangen, indem wir alles in Schwarz-Weiß hielten, weil uns das eine gewisse Improvisationsfreiheit bot, an diesem absurden Set, dem Gefängnis in Rebibbia, wo Cäsar nicht vor der Kulisse des alten Roms umgebracht wurde, sondern in den winzigen Zellen, in denen die Häftlinge ihre Zeit an der frischen Luft verbringen. Mit Schwarz-Weiß fühlten wir uns freier beim Dreh in der Zelle, in der Brutus seinen leidvollen, leidenschaftlichen Monolog rezitiert: ,Cäsar muss sterben‘. Wir entschieden uns für starke und gewaltige Schwarz-Weiß-Bilder, die am Ende den magischen Farben des Theaters weichen und die die unbändige Freude der Häftlinge hervorheben, die von ihrem Erfolg überwältigt werden.“ Darüber hinaus besticht die Ausnutzung der engen Verhältnisse etwa auf dem Gefängnishof, um eine klaustrophobische Wirkung zu erzielen, die außerdem von der dramatischen Filmmusik unterstützt wird.

Weil sich das Shakespeare-Drama um Betrug, Machtkampf und nicht zuletzt Freiheitsstreben in den Lebensverhältnissen der Häftlinge spiegelt, erfährt „Cäsar muss sterben“ eine bemerkenswerte Brechung. Nicht vordergründig, aber unterschwellig zieht der Film stets eine Parallele zwischen Shakespeares Drama und der Welt der Gefängnisinsassen – deutlich wird es etwa in der Mimik der Laiendarsteller, die ihnen aus ihrer kriminellen Vergangenheit vertraut zu sein scheint. Entsprechend der Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm, die „Cäsar muss sterben“ auszeichnet, vermischt der Film auch die Realitäts- und die Kunstebene miteinander. Dennoch überrascht das schauspielerische Talent der Darsteller. Fabio Cavalli hat jahrelang mit ihnen gearbeitet – die Idee zu ihrem Film bekamen die Taviani-Brüder beim Besuch einer Vorstellung von Dantes „Göttliche Komödie“ im Rebibbia-Gefängnis: „Wir verspürten das Bedürfnis, im Rahmen eines Filmprojekts herauszufinden, wie aus diesen Gefängniszellen heraus – und mit diesen Außenseitern, die von Kultur weit entfernt sind – eine so zauberhafte Vorstellung entstehen konnte.“ Unter ihnen ragt insbesondere Brutus-Darsteller Salvatore Striano, der allerdings seine Haftstrafe bereits abgesessen hatte und nach Rebibbia für die Proben und die Vorstellung als freier Mann zurückkehrte. Inzwischen hat Striano eine Schauspielerkarriere begonnen. Im vergangenen Februar kam er zusammen mit dem Regie-Duo nach Berlin, um „Cäsar muss sterben“ auf der Berlinale vorzustellen.

Der Film endet mit derselben Theateraufführung, mit der er begann. Die Akteure selbst haben aus dem ungewöhnlichen Film-Theater-Projekt ambivalente Gefühle erhalten: Sie haben sich insbesondere mit Freiheitsbestreben beschäftigt, vielleicht haben sie in der Kunst eine neue Art der Freiheit entdeckt. Aber nach der Aufführung müssen sie zurück in ihre Zellen. So etwa Cosimo Rega, der Cassius spielt. Er sitzt schon seit Jahren im Gefängnis, aber in dieser Nacht fühlt sich die Zelle anders an, beinahe feindselig. Er hält inne. Dann dreht sich Cosimo Rega um, blickt in die Kamera und sagt: „Seit ich der Kunst begegnet bin, ist diese Zelle für mich ein Gefängnis geworden.“

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