Kunst braucht keinen Zeigefinger

In Venedig hat die 57. Biennale begonnen – ihre französische Chefkuratorin Christine Macel feiert die Kunst und lässt die Künstler machen. Von Christa Sigg
57. Kunstbiennale Venedig
Foto: dpa | Der deutsche Pavillon bei der Eröffnung der 57. Biennale. Gestaltet wurde er von der Frankfurter Künstlerin Anne Imhof.

Einladend wirkt das nicht. Der deutsche Pavillon ist in einen Zwinger gepresst, hinter den hohen Gittern kläffen zwei Dobermänner um die Wette. Und dennoch stehen riesige Besuchertrauben vor dem seitlichen Eingang an, um wenigstens ein paar Minuten von Anne Imhofs fünfstündiger Performance zu erhaschen.

Die Frankfurter Künstlerin, die mit ihren Arbeiten durchaus den Widerspruch herausfordert, ließ in den neoklassizistischen Bau ein Glaspodest legen. Unter dem rangeln, winden und drangsalieren sich gelenkige junge Männer und Frauen, während die Besucher übers Geschehen spazieren. Das hat etwas düster Bedrückendes, und es wird auch nicht so ganz klar, wer bei dieser ziemlich unterkühlten Körperarbeit Opfer ist und wer Täter.

Kuratorin Susanne Pfeffer, die sonst das Museum Fridericianum in Kassel leitet, verweist etwa auf die Gesellschaft, die gnadenlos ein- und ausschließt, oder auf die „Zombisierung des kapitalistischen Körpers“. Das ist harter Stoff, der dann auch noch unter dem sehr deutschen Titel „Faust“ serviert wird und sich mindestens eine Nummer zu schwergewichtig, ja zu pathetisch gebärdet.

Bedröppelt wankend verlässt man diesen eigentümlichen Mix aus Zoo und Folterkammer. Das sei doch wieder mal sehr deutsch, gibt eine italienische Kollegin zu verstehen. Und hat wahrscheinlich recht. Wobei sich die Deutschen tatsächlich große Hoffnung auf den Goldenen Löwen für den besten Pavillon machen.

Und die Konkurrenz schwächelt, von den Österreichern, die auf Erwin Wurms abgestandene Mitmachskulpturen setzen, bis zu den Venezianern, die in ihrem Pavillon schon mal den Auftritt für die nächste Touristikmesse proben. Kontrapunkte setzen da vor allem zwei ältere Damen: Phyllida Barlow füllt den britischen Pavillon mit unbändiger Lust an skulpturalen Wucherungen. Und Geta Brãtescu überflügelt nicht nur rumänisches Terrain. Die 91-Jährige ist eine ganz Große, dem hinkt leider die Präsentation etwas hinterher.

Was für ein beruhigender Auftakt sonst auf der Berlinale. Da liegt einer doch glatt im Bett und schläft. In Rücken- und Seitenlage träumt er sich weg vom Lärm der Lagunenstadt – und der Biennale. Der kroatische Konzeptkünstler Mladen Stilinoviæ ließ sich vor 30 Jahren „beim Arbeiten“ fotografieren, um damit gegen die gängigen Leistungsprinzipien zu protestieren. Jetzt verführt er aufgekratzte Kunstgänger im Hauptpavillon der Giardini dazu, einfach durchzuschnaufen, runterzukommen. Man muss nicht jeden Winkel dieser Mega-Schau abgrasen, um am Ende doch keine Erklärung für unsere höchst komplexe Welt gefunden zu haben.

Christine Macel, die französische Chefkuratorin, hat den inflationär gewordenen Deutungswahn gar nicht erst auf ihre Fahnen geschrieben. Ebenso wenig gehört die Aufarbeitung von Kriegen und Krisen zu den Pflichtaufgaben ihrer Akteure. Für Macel mag die Kunst eine Bastion gegen den Egoismus sein und die Humanität befördern, aber sie könne nicht aus dem Elend helfen. Deshalb gibt es auch keine Manifeste oder politische Statements, deren Abschrift sich der im Wassertaxi angerauschte Oligarch in dekorativen Neonlettern übers Goldsofa hängen kann. Und im Gegensatz zur Documenta muss man bei der Ausstellungsmacherin vom Pariser Centre Pompidou auch nicht lernen. Sie konzentriert sich lieber aufs Kerngeschäft, also auf die 120 geladenen Künstler und deren Arbeit, frei nach dem etwas pathetischen Motto „Viva Arte Viva“ – „Es lebe die Kunst, sie lebe“.

Das bedeutet keineswegs eitel Sonnenschein. Es kann sogar scheppern, dass sich die Balken biegen. Etwa wenn hinter dem erwähnten „Schlafsaal“ die New Yorkerin Dawn Kasper instrumentalen Krawall schlägt. Sie hat ihren Haushalt samt Atelier mitgebracht, da wird dann schon mal auf die Trommel gedroschen. Übrigens mit dionysischer Lust. Dabei befinden wir uns eigentlich im „Pavillon der Künstler und Bücher“.

Macel hat ihren Parcours in neun Bereiche eingeteilt, die sie augenzwinkernd und in Anlehnung an die Länderbeiträge als Pavillons bezeichnet. Darunter gibt es so Grundlegendes wie „Erde“, „Farben“ oder „Traditionen“. Das schafft zumindest eine Struktur. Allerdings passen die meisten Positionen gleich in mehrere Abteilungen, das war beim Münchner Gastauftritt des Centre Pompidou im Haus der Kunst nicht anders.

Das „Dionysische“, das also ohne die erwähnte Damencombo auskommen muss, beschwört auch keine Saufgelage. Stattdessen geht es um die weiblichen Varianten sexueller Lust, die amüsant ironisch bis schwelgerisch ausfallen können. Davon künden die hinreißend filigran-krakeligen Zeichnungen der Libanesin Huguette Caland oder Eileen Quinlans verwirrende Schwarz-Weiß-Fotografien unter der Dusche.

Das ist nichts für Voyeure, genau so fühlt man sich dann aber vor dem mächtigen Zelt des Brasilianers Ernesto Neto. Drinnen sitzen Vertreter des Stammes der Huni Kui aus dem Regenwald, die Besucher zum gemeinsamen Plausch laden und für ihre Rechte als Minderheit demonstrieren. Auf duftendem Rindenmulch, umringt von Topfpflanzen. Das soll wohl an Zuhause erinnern, verströmt aber leider das Aroma der vor hundert Jahren so beliebten Völkerschauen.

Natürlich ist das mindestens so gut gemeint wie Ólafur Elíassons Idee, Migranten Lampen bauen zu lassen. Vor Publikum, klar, das darf auch guten Willen zeigen und die Biennale mit einem handgemachten Souvenir im Design des dänischen Allroundkünstlers verlassen – mit einer 250-Euro-Spende ist man dabei. Aber wenigstens sind die im Grunde doch vorgeführten Bastler nicht unglücklich über derlei Abwechslung zum untätig-tristen Dasein im Flüchtlingsheim.

Überhaupt spielt Handarbeit eine auffallende Rolle. Der Bildschirm hat zwar noch nicht ausgedient – er lässt sich sogar zu einem ziemlich scharfen Messer schleifen, wie der Japaner Shimabuku beweist. Aber mit Fäden gelingen die viel schöneren Verbindungen: etwa im wärmenden Gehäkel, das gerade unter jungen Künstlern wieder fröhliche Urstände feiert. Oder in Sheila Hicks geballtem Wollknäuel-Glück, das im Superformat die Grenze zwischen Kunst und Kunsthandwerk sprengt. Und in den kleinen Stickereien, mit denen Mee Lingwei aus Taiwan Kleidungsstücke der Besucher repariert. Das kann so harmlos kitschig wie berückend humorvoll daherkommen. Und ob das nun immer Kunst ist, sei dahingestellt. Macel hebt eben nicht den Zeigefinger, das tut wohl, und sie verzichtet weitgehend auf die Stars des Kunstmarkts. Die sind draußen in den bald ausufernden „Eventi collaterali“ eh bestens vertreten: vom fabelhaften Phil Guston in der Galleria dell'Accademia (mit dem die Schweizer Supergalerie Hauser und Wirth aufschlägt) bis zum gigantomanischen Damien Hirst im Palazzo Grassi.

Was am Ende dieses Biennalerundgangs im Gedächtnis bleibt, ist gar nicht so wenig. Wie bereits auf der Documenta in Athen bezaubert Nevin Aladag mit ihren Musikinstrumenten, die sie diesmal im Stadtraum verteilt hat. Dann sind da die berührend schmerzvollen Gesichter des 2016 verstorbenen Syrers Marwan – eine dringende Wiederentdeckung. Und nicht zu vergessen die friedlich Schlummernden. Wer es ihnen gleichtun will, darf sich auf Franz Wests Chaise longue legen. Das Nichtstun ist schließlich die wichtigste Quelle der Kreativität.

Biennale, bis 26. November, Di. bis So. von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 25 Euro, 2 Tage 30 Euro, www.biennale.org

Themen & Autoren

Kirche