Kriegsschauplatz fern der Heimat

Anna Funders Roman „Alles was ich bin“ erzählt über das Schicksal deutscher Widerstandskämpfer im Londoner Exil. Von Mario Erhart
Foto: IN | Die Fleet Street in London um 1935, im Hintergrund die Kuppel von St. Paul's.
Foto: IN | Die Fleet Street in London um 1935, im Hintergrund die Kuppel von St. Paul's.

Die letzten Nachrichten über die Londoner Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus gab es nur noch mündlich. Denn die Begegnung mit Ruth Wesemann in Sydney war die Inspiration für die australische Schriftstellerin Anna Funder, einen Roman über einen Kreis deutscher Flüchtlinge im London der Dreißiger Jahre zu schreiben, der mit einigem Erfolg Widerstand gegen das Nazi-Regime organisierte. Als einzige Überlebende dieses Zirkels konnte Ruth Wesemann während des Krieges nach Shanghai (damals der einzige Hafen, der Flüchtlinge ohne Papiere aufnahm) fliehen und schließlich 1947 nach Sydney ausreisen, wo sie als Lehrerin arbeitete.

Die Biografien sind ineinander verschlungen

Was sie Anna Funder über ihr Leben zu erzählen hatte, liest sich wie eine abenteuerliche Spionagegeschichte voller Intrigen, Liebesaffären, menschlichen Enttäuschungen, großen Freundschaften und hehren Idealen. Gleichzeitig ist es von großem zeitgeschichtlichen Wert, denn die Aktivitäten dieser Widerstandsgruppe waren durchaus bedeutsam, und einige Umstände sind bis heute nicht vollständig geklärt.

Über ihre ältere Cousine Dora Fabian kam die aus wohlhabendem Hause stammende Ruth schon früh in Kontakt mit linksorientierten Intellektuellen, mit Anhängern des inhaftierten Dramatikers Ernst Toller, einem der führenden Köpfe der Münchner Räterepublik. Zu dieser Gruppe gehörten auch Ruths späterer Ehemann Hans Wesemann, ein Journalist, der sich durch satirische Artikel über Nazi-Emporkömmlinge wie Hitler und Göring deren Unmut zuzog, sowie Berthold Jacob, dessen Lebenswerk darin bestand, Informationen über die Machenschaften der Nazis zu sammeln und zu veröffentlichen. Sie wurden damit schon sehr früh, lange vor Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933, zur Zielscheibe der immer mächtiger werdenden Nationalsozialisten.

Als sich die Gruppe 1923 zum ersten Mal traf, war ihr Ziel, für den Schriftsteller Ernst Toller eine Begnadigung zu erreichen, was ihnen auch gelang, aber Toller selbst lehnte seine Freilassung aus Solidarität ab: „Solange meine mit mir verhafteten Kameraden noch hier drinnen sind, hat die Freiheit keine Bedeutung.“

Ernst Toller bildet dann auch im Roman neben Ruth die zweite Erzählperspektive. Im Jahr 1939, mittlerweile im Exil in den USA, erinnert er sich der Ereignisse: Als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg erleidet er einen völligen Zusammenbruch und wird 1917 als kriegsuntauglich entlassen. Er lernt bedeutende linke Idealisten wie Max Weber, Kurt Eisner und Felix Fechenbach kennen, tritt in die – von der SPD abgespaltenen – pazifistische USPD ein, deren bayerischer Vorsitzender er nach der Ermordung Kurt Eisners wird. Er unterstützt die Arbeiter- und Soldatenräte, engagiert sich gegen den Krieg: „Sie verkleiden es als Kampf für Ideale, aber sie schicken uns in den Tod für Öl, für Gold, für Land!“ Und er ist entscheidend an der Errichtung der Münchner Räterepublik am 9. April 1919 beteiligt, die schließlich von der Reichswehr und Freikorpsverbänden niedergeschlagen wird. Er entgeht, im Gegensatz zu einigen Gesinnungsgenossen, der Todesstrafe und wird zu fünf Jahren Haft verurteilt. In dieser Zeit entstehen einige seiner wichtigsten Dramen. Als er 1924 entlassen wird, ist er als Politiker und Dramatiker berühmt, bei der Uraufführung seines Dramas „Masse Mensch“ in Berlin gibt es Zusammenstöße zwischen Nationalisten und Sozialisten, ebenso in Leipzig, wo er sich heimlich unter das Publikum mischt, schließlich erkannt und gefeiert wird. Dort lernt er auch Dora Fabian kennen – sie verlieben sich ineinander. Toller nimmt seine Rolle als Berühmtheit öffentlich an, privat ist er aber ein ganz anderer Mensch. Seine Freunde beschreiben ihn als außerordentlich gütig und sanftmütig. Er leidet unter psychotischen Schüben, kann dann keine Gesellschaft mehr ertragen und igelt sich wochenlang ein: „Das Universum ist reduziert zu einer Widerspiegelung unser selbst, aus der wir nicht entrinnen können... der Depressive kann die Schöpfung mit einem Blick verderben.“ Er engagierte sich zeitlebens für eine bessere Welt, als er aber erkennen musste, dass diese Hoffnung vergeblich ist, begeht er am 22. Mai 1939 in einem Hotel in New York Selbstmord. Über sein Leben hinterließ er seine 1933 erschienene Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“.

Dass wir diese Autobiografie überhaupt lesen können, verdanken wir Dora Fabian. Als Hitler die Reichstagswahlen am 30. Januar 1933 gewinnt, wissen die Freunde, dass es für sie sehr gefährlich wird. Dora rettet einige Manuskripte, darunter auch „Eine Jugend in Deutschland“ aus Tollers Wohnung und kann sie verstecken, bevor sie verhaftet wird. Nach einer Woche kommt sie frei und kann zu Toller in die Schweiz fliehen. Ruth und Hans Wesemann fliehen nach Paris, später nach London, wo auch Dora und Toller schließlich ihr Exil finden. Gerade noch rechtzeitig, denn viele im Widerstand in Deutschland bekommen jetzt die Wut der Nazis zu spüren. Felix Fechenbach wird erschossen, Carl von Ossietzky verhaftet.

Dora Fabian wird nun mehr und mehr zur Protagonistin des Geschehens. Für beide Erzähler, Ruth und Toller, ist sie die wohl wichtigste Person in deren Leben. Obwohl es den Flüchtlingen verboten ist, sich politisch zu betätigen und sie mit der Ausweisung bedroht sind, versuchen sie, Flugblätter nach Deutschland zu bringen, und zugleich die englische Bevölkerung über die tatsächlichen Zustände in Deutschland zu informieren. Ihr wichtigster Informant ist Berthold Jacob, der in Frankreich lebt, später von der Gestapo entführt und zu Tode gefoltert wird. Unterstützung erhält Dora auch von der ebenfalls im Londoner Exil lebenden ehemaligen Reichstagsabgeordneten Mathilde Wurm, sowie von einigen hochrangigen englischen Freunden. Es gelingt ihnen sogar, einen Exilprozess zur Aufklärung des Reichstagsbrandes zu organisieren, bei dem einige wichtige Zeugen, die sie aus Deutschland kommen lassen konnten, interessante Aussagen machen, die das englische Gericht schließlich zur Schlussfolgerung bewegen, es gäbe „gewichtige Gründe für den Verdacht, dass der Reichstag von, oder im Auftrag von führenden Persönlichkeiten der Nationalsozialistischen Partei angezündet wurde“. Der Prozess erregte großes internationales Aufsehen und war natürlich ein schwerer Schlag für die Nazipropaganda.

Ein weiterer großer Erfolg ist, dass Dora ihren Onkel Erwin Thomas (dieser Name ist fiktiv, die Figur ist angelehnt an den Widerstandskämpfer Erwin Planck), einen engen juristischen Berater Görings, als Informanten gewinnen kann. Den einst überzeugten Nationalsozialisten plagen mittlerweile Gewissensbisse, und er schafft es, militärische Geheimnisse aus Görings Büro nach England zu übermitteln. So erfährt die britische Öffentlichkeit von Hitlers Aufrüstung, und Winston Churchill warnt im Parlament, „die mächtigen Deutschen... wollen einen Krieg, und wir werden betroffen sein“. Der Premierminister spricht sich für die Aufrüstung Großbritanniens und gegen „Friedensträumereien“ aus. Natürlich versuchen die Nazis alles, um die undichte Stelle zu finden, aber es wird ihnen nie gelingen. Erwin Thomas (Erwin Planck) wird nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 als Kontaktmann der Verschwörer im Innenministerium entlarvt und hingerichtet.

Für Ruth und Dora ist es ein großer Schock, als sie erkennen müssen, dass Hans Wesemann ein Verräter war, und einige ihrer Freunde ans Messer geliefert hat. Als ihre Wohnung aufgebrochen und durchwühlt wird, wissen sie, dass die Gestapo, die längst auch in London aktiv ist, dahinter steckt, und sie in großer Gefahr sind. Am 1. April 1935 finden Ernst Toller und Ruth, die gerade aus Frankreich zurückgekehrt ist, Dora Fabian und Mathilde Wurm tot in ihrem Zimmer auf, vergiftet mit Veronal. Alles deutet auf einen gemeinsamen Suizid hin, auch das englische Gericht kommt bei der Verhandlung zu diesem Ergebnis, wobei natürlich die gebotene politische Zurückhaltung eine wichtige Rolle spielt. Tatsächlich gibt es zahlreiche Ungereimtheiten, wie zum Beispiel der angebliche Abschiedsbrief, der im Original verschwunden ist, und dessen Authentizität sich nicht überprüfen lässt. Für Ernst Toller und Ruth steht fest, dass die Gestapo die beiden ermordet hat. Bis heute ist der Fall nicht eindeutig geklärt.

Anna Funder gelingt es in ihrem Roman, die authentischen historischen Ereignisse detailliert zu schildern, ohne dokumentarisch zu werden, sie einzuflechten in eine Romanhandlung mit fiktiven Handlungssträngen und absolut überzeugenden Charakteren. Dafür gebührt ihr ein großes Kompliment. Und tatsächlich hat sie in Australien bereits die Preise „Buch des Jahres“ und „Belletristisches Buch des Jahres“ gewonnen.

Anna Funder: Alles was ich bin. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, 428 Seiten, ISBN 978-3-10-021511-6, EUR 19,99

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