Down-Syndrom

Krampfhafte Diversity führt zum Einheitsbrei

Viele Christen freuen sich, wenn auch Menschen mit Down-Syndrom mal im medialen Scheinwerferlicht stehen. Doch der Unterhaltungsbranche geht es nicht darum, das Problem der Abtreibung ins Bewusstsein der Zuschauer zu transportieren, sondern um vermeintliche „Diversity“ zu pushen.
FTL Moda - Runway - New York Fashion Week Spring 2016
Foto: dpa | Die 24-jährige Madeline Stuart ist ein professionelles Model mit Down-Syndrom. 2015 eröffnete sie die New Yorker Fashion Week.

Es ist der Stoff, aus dem ProLife-Träume sind: Das Gesicht der 19-jährigen Ellie Goldstein lacht von den Covern internationaler Modezeitschriften. Und das trotz, oder sogar wegen, ihres Down-Syndroms. „Die Welt soll sehen, dass jeder mit einer Behinderung modeln und schauspielen kann.“ Mit diesen Worten beschreibt Goldstein ihre Mission in einem Interview gegenüber der Vogue. Die Britin, die seit frühester Kindheit das Rampenlicht liebt, meldete sich, als sie 15 Jahre alt war, mit Hilfe ihrer Mutter bei „Zebedee Management“ an. Diese Modelagentur vertritt Menschen mit „Behinderungen oder abweichendem Aussehen und nichtbinärer Geschlechtsidentität“. 2020 war für Ellie ein erfolgreiches Jahr. Die italienische Vogue widmete ihr ein Editorial-Shooting und die Marke Gucci wählte sie zum Gesicht ihrer neuesten Make-up Linie.

Christen jubeln bei Storys wie dieser, wenn Menschen mit Trisomie 21 eine große mediale Aufmerksamkeit bekommen. Verständlich, liegt doch in den meisten Ländern, in denen Schwangere Pränataldiagnostik in Anspruch nehmen können, die Abtreibungsrate im Fall einer falschen Chromosomenanzahl der Babys zwischen 90 bis 95 Prozent.

Tödliche Diagnostik gegen erfülltes Leben

Groß war die Freude unter Lebensschützern auch bei dem Tanzpaar mit Trisomie 21, das erstmals unter den 288 Debütanten war, die 2018 den Wiener Opernball eröffneten. Im Anschluss waren Swatina Wutha und Felix Röper als Gäste in die Loge des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz eingeladen. Die beiden Tänzer sind Mitglieder des Kultur- und Bildungsvereins „Ich bin O.K“, dessen Ziel es ist, „die Gesellschaft durch Tanz und Theater für die kulturelle Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderung zu sensibilisieren und Barrieren abzubauen“. Der Verein schreibt auf seiner Homepage, er freue sich, dass „eine so gewichtige Institution wie der Wiener Opernball schon seit vielen Jahren Gleichberechtigung und Inklusion vorlebt“.

Korken knallen, die Abtreibungsgegner konnten einen kleinen Sieg für sich verzeichnen. Es ist doch schön, wenn Menschen, die in der Regel abgetrieben werden, in der Öffentlichkeit hervorgehoben werden. Außerdem machen solche Aktionen werdenden Eltern Mut, sich im Falle für ein Baby mit Trisomie 21 zu entscheiden.

„ Wie würde die Reaktion ausfallen,
wenn ein homosexuelles Paar beim Opernball eintanzen würde?“

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Lassen wir ein kleines Gedankenexperiment zu: Wäre die Freude unter Christen auch dann groß, wenn statt eines Models mit Down-Syndrom eine Transgender-Person von den Titelseiten der Modemagazine lächeln würde? Wie würde die Reaktion ausfallen, wenn ein homosexuelles Paar beim Opernball eintanzen würde? Die „Hurra“-Rufe würden ausbleiben, denn Schwule und Lesben sind nicht von Abtreibung bedroht. In der Welt außerhalb der christlichen vier Wände würde Freude herrschen, denn: Hier gelten LGBTQ-Personen, genauso wie Menschen mit Behinderungen wie Trisomie 21, selbstverständlich als gesellschaftlich benachteiligte Personengruppe.

Gefordert wird, dieser Gruppe Zugang zu Bereichen zu ermöglichen, die bisher ausschließlich heteronormativen Menschen und solchen ohne Behinderung vorbehalten waren. Das Schlagwort lautet „Diversity“, zu deutsch „Vielfalt“. In der Modewelt ist Diversity schon länger auf dem Vormarsch. Models, die nicht dem gängigen „weiß, groß, schlank“-Schönheitsideal entsprechen, werden immer öfters für den Laufsteg und für Shootings gebucht. Die Januarausgabe der amerikanischen Vogue zeigte beispielsweise erstmals ein schwarzes Model jenseits der Mustergröße.

 

Nach dem Motto „Anders ist in“ gibt sich auch Mode-Mama Heidi Klum bei „Germanys Next Topmodel“. Gab es in den letzten Jahren schon Transgender-Models und solche mit Übergewicht, sind bei der Staffel 2021 auch junge Frauen mit auffälligen Narben und Tattoos dabei, eine Gehörlose und eine 19-Jährige, die mit 1,55 Metern weit entfernt von der durchschnittlichen Laufsteggröße ist. Mann führt, Frau folgt, traditionelle Stereotypen. Wie die Modeszene, so steht auch der Paartanz in der Kritik, zu wenig divers zu sein. Deshalb ist es nun schon fast gewöhnlich, dass bei TV-Tanzwettbewerben wie „Let's dance“ mindestens ein gleichgeschlechtliches Paar dabei ist.

Wenn man das Konzept von Diversity weiterspinnt, wird einem schnell klar, worauf die Forderungen hinauslaufen: auf eine totale Gleichstellung. Allen soll alles erlaubt und ermöglicht werden. Wenn jemand aufgrund seines Aussehens, einer körperlichen Behinderung oder seinen sexuellen Vorlieben von Wettbewerben, Veranstaltungen oder Tätigkeiten ausgeschlossen wird, ist das schließlich Diskriminierung, und Diskriminierung ist, das sagt der Zeitgeist, böse. Wir Christen sind also vor ein Dilemma gestellt. In vielen unserer Herzen schlagen zwei Seelen in der Brust: Da ist einerseits die berechtigte Freude über ein Model oder Tanzpaar mit Down-Syndrom.

Es gibt auch die christliche Form von Diversity

Doch Hand aufs Herz: Der Mode- und Vergnügungsbranche geht es herzlich wenig darum, auf das Problem der Abtreibung aufmerksam zu machen, sondern darum, auf der Diversity- und Inklusionswelle, die eine mit viel Moralin gesäuerte Angelegenheit ist, mitzureiten. Wenn sie es nämlich nicht tun, besteht die Gefahr der sozialen Ächtung und/oder eines medialen Shitstorms, denn die Diversität nicht zu unterstützen gilt als moralisch verwerflich. Das Konzept der Vielfalt hat nicht nur Einzug in die Moral, sondern auch in die Politik gefunden, wenn beispielsweise Diversity-Lobbyisten für gesetzlich festgelegte Frauen-, Migranten-, Transgenderquoten kämpfen. Wer weiß, ob nicht in naher Zukunft die Organisatoren des Opernballs dazu verpflichtet werden, eine festgelegte Anzahl an gleichgeschlechtlichen und körperlich behinderten Debütanten einzuführen – im Namen der Diversity. Wollen wir diesem Vielfaltskampf wirklich in die Hände spielen?

Es gibt sie nämlich auch, die christliche Version der Diversity. Diese glaubt an die unbedingte Einzigartigkeit und Individualität einer jeder Person. Ein Hauch der unglaublichen Vielfalt spiegelt sich in den tausenden katholischen Heiligen wider. Hier gleicht keiner dem anderen. Sie kommen aus allen Ländern, allen Kulturen, es sind Arme unter ihnen und Reiche, Päpste und Bettelmönche, Mütter und Professorinnen, Gebildete und Bauern, Sklaven und Fürsten. Viele wuchsen unter Einwirkung der Gnade über sich hinaus.

Bejahen der Schwächen

Christen glauben, dass Gott für jeden Menschen einen guten Plan gemäß seiner gegebenen Talente und Fähigkeiten hat und dass niemand zu kurz kommt. Zugleich bejaht der Christ seine Schwächen und Unzulänglichkeiten und sieht ihnen ins Auge. Er versucht nicht krampfhaft, etwas zu sein, was er nicht ist. Zu guter Letzt: Wenn jeder alles werden kann, jeder Tänzer, Model, Profimusiker sein kann, hat eine Gesellschaft nicht mehr Diversity, sondern einen Einheitsbrei. Hier ist zugleich jeder alles – und jeder nichts.

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01.09.2020, 12  Uhr
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